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11. März 2011, 17:34 Uhr

Grenzen der Vorwarnung

Naturgewalt bezwingt Top-Technologie

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Kein Land der Welt ist besser gegen Erdbeben gerüstet als Japan - doch weder moderne Architektur noch ausgefeilte Vorwarnsysteme konnten die Katastrophe verhindern. Das Desaster dürfte das Vertrauen der Japaner in ihre Sicherheitstechnologie erschüttert haben.

Die Naturgewalten haben die menschliche Zivilisation dort getroffen, wo sie am besten gewappnet schien. Wohl kein Staat hat sich sorgfältiger gegen Naturkatastrophen gerüstet als Japan. Es gilt neben den USA als Pionier der Erdbebenforschung - aus gutem Grund: Kaum irgendwo sonst gibt es so viele Naturkatastrophen wie in Japan. 60 Vulkane bedrohen das Land. Und der Druck dreier Erdplatten nimmt Japan in die Zange: Die Spannung hat das Land und den Meeresboden vor seiner Küste in abertausende Splitter zerspringen lassen - verschieben sich die Schollen, bebt der Boden. Der Hauptschlag vom Freitag gehört zu den stärksten Erdbeben, die weltweit je gemessen wurden..

Seit Jahrzehnten entwickeln die Japaner Sicherheitstechnologie, nirgendwo gibt es bessere. Seit langem betreibt Japan zudem ein Tsunami-Warnsystem; es gilt als das zuverlässigste der Welt. Häuser werden erdbebensicher gebaut, und unmittelbar nach einem Starkbeben gehen Warnungen raus; das japanische Alarmsystem verhindert Schlimmeres: Es unterbricht die Gasversorgung, hält Züge an, legt Kraftwerke still, stellt Ampeln auf Rot und sorgt dafür, dass Gebäude geräumt werden.

Das Beben-Warnsystem nutzt die Tatsache, dass die zerstörerischen Stoßwellen langsamer sind als andere. Treffen die ersten Wellen auf einen Sensor, wird per Funk Alarm geschlagen. Eine Warnung, die ein Beben vor seinem Eintreten erkennt, gibt es noch nirgends. Zwar wird mit Millioneninvestitionen seit Jahrzehnten nach Warnsignalen gesucht, bislang jedoch vergeblich.

Besonnene Japaner verhindern Schlimmeres

All diese Maßnahmen haben nun offenbar gut funktioniert - obwohl die Vorwarnzeit für Beben- und Tsunamiwellen kurz war: Die Bebenwellen trafen Küstenorte schon nach wenigen Sekunden; die Tsunamis folgten nach ein paar Minuten. Doch die Vorwarnungen hatten angeschlagen: Der Tsunami-Alarm konnte wohl viele Menschen retten, die rechtzeitig landeinwärts auf Anhöhen geflüchtet waren. Und die fortschrittliche Architektur hat sicher zahlreiche Häusereinstürze verhindert. Zudem reagierten die Japaner gewohnt besonnen: Das Fernsehen zeigte keine emotionalen Katastrophenbilder, nur sachliche Informationen zu Beben und Tsunamiwarnung.

Und doch konnten all die Vorkehrungen eine Katastrophe nicht verhindern. Erdbeben und Tsunamis haben Städte verwüstet, Hunderte Menschen getötet, viele wurden schwer verletzt. Der Zivilisation wurden ihre Grenzen aufgezeigt. Überraschend viele Atomkraftwerke, Fabriken und Raffinerien gerieten in Brand.

Das Desaster dürfte das Vertrauen der Japaner in ihre Sicherheitstechnologie erschüttert haben. Es ist der zweite Tiefschlag für das Land nach dem Erdbeben von Kobe 1995. Bis zu jenem Januartag vor 16 Jahren fühlten sich die Japaner sicher mit ihrer modernen Technologie. Als im Jahr zuvor ein Beben in Kalifornien schwere Schäden angerichtet hatte, rümpften viele japanische Experten die Nase im Glauben, solch ein großes Ausmaß an Schäden wäre in ihrem Land nicht möglich.

Moderne Bauten überstehen extreme Erschütterungen

Doch 6400 Todesopfer und Schäden im Wert von hundert Milliarden US-Dollar beim Kobe-Beben widerlegten die Hoffnung auf dramatische Weise. Mehr als 200.000 Häuser wurden zerstört, 310.000 Menschen obdachlos. Wochenlang gab es kein Wasser, kein Gas, keinen Strom, kein Telefon. Bahnen fuhren nicht, Straßen waren kaputt, Hilfslieferungen kamen nicht an.

Ähnliches dürfte der gegenwärtigen Katastrophenregion im Nordosten Japans nun bevorstehen.

Das Kobe-Beben zeigte aber auch, dass moderne Bauten extreme Erschütterungen überstehen können. Das Beben im Januar 1995 hatte sich direkt unter der Stadt in geringer Tiefe ereignet, es war also besonders heftig, Vorwarnzeiten für die Infrastruktur waren extrem kurz. Doch die Investitionen in sichere Arichtektur bewährte sich: Moderne Hochhäuser blieben stehen, trotz oftmals erheblicher Schäden.

Auch die Tsunamiswarnung der Japaner hat sich nun wieder bewährt. Allerdings kämpft das Land mit kurzen Vorwarnzeiten: Die Erdbebenzone liegt nahe der Küste, so dass die Riesenwellen bereits nach wenigen Minuten eintreffen. Andere Staaten profitieren jedoch uneingeschränkt vom japanischen Warnsystem: Die meisten Länder am Pazifik haben bei einem Beben vor Japan mehrere Stunden Zeit, die Warnung in abgelegene Dörfer zu bringen.

Indes: Wie einzelne Staaten die Weitergabe der Warnung organisieren, ist unklar; selbst Uno-Experten kennen den Ablauf im Einzelnen nicht - die sogenannte Letzte Meile liegt im Hoheitsbereich der lokalen Behörden.

Konfuser Alarm am Pazifik

In den vergangenen Jahren hatten Tsunamis im Pazifik mehrfach Katastrophen ausgelöst - trotz Vorwarnung: Auf vielen Pazifikinseln hat die Warnung oftmals versagt: Auf Tonga 2006, den Solomenen 2007 oder Samoa 2009 zum Beispiel. Entweder waren Kommunikationsleitungen ausgefallen, mangelte es an Messgeräten, kam die Warnung zu spät oder die Katastrophenpläne erwiesen sich als ungenügend. Selbst das australische Tsunami-Warnsystem stand schwer in der Kritik: Es arbeite konfus, beschwerten sich Wissenschaftler noch vor vier Jahren.

Selbst auf Hawaii, das aufgrund seiner Erfahrung mit den Riesenwellen als einer der am besten vorbereiteten Orte der Welt gilt, gab es immer wieder Beschwerden über die Umsetzung von Tsunami-Warnungen: Radiostationen seien nicht zu erreichen gewesen, Alarmsirenen hätten versagt, Straßen seien für Evakuierungen nicht frei gehalten worden, berichten lokale Medien. Wie die 29 Pazifikstaaten mit der gegenwärtigen Tsunami-Warnung im Einzelnen umgegangen sind, wird die Uno in den kommenden Wochen untersuchen.

Hoffnung auf einen guten Ablauf gibt es immerhin: Letztes Jahr nach einem schweren Beben vor Chile klappte die Übermittlung offenbar besser. Experten sehen erhebliche Fortschritte in den letzten Jahren. Seit der Tsunami-Katastrophe 2004 im Indischen Ozean war das Warnsystem im Pazifik massiv aufgerüstet worden. Hunderte von Warnbojen und Erdbebenmessstationen wurden zusätzlich installiert. Die Uno entwickelte zudem Katastrophenpläne für die Behörden der Pazifik-Anrainerstaaten, sie organisierte Dutzende Alarmübungen.

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