Cambridge-Studie Grönlands Eisschild schmilzt von unten

Gewaltige Wasserfälle aus geschmolzenem Eis rauschen im Sommer durch die Spalten in Grönlands Eisschild. Dabei entsteht laut einer neuen Studie Wärme, mit der sich die Gletscher von innen auflösen – noch schneller als gedacht.
Schmelzwasser an der Oberfläche des Gletschers Sermeq Avannarleq im Sommer 2019

Schmelzwasser an der Oberfläche des Gletschers Sermeq Avannarleq im Sommer 2019

Foto: Sean Gallup/ Getty Images

Die freigesetzte Energie ist vergleichbar mit den größten Kraftwerken der Welt. Mehr als 82 Millionen Kubikmeter Schmelzwasser fielen laut Messungen des Polarforschungsprojekts »Responder«  an Sommertagen allein durch die Spalten des Store-Gletschers in Grönland kilometertief. Die dabei entstehende Reibung sei mit Abstand die größte Wärmequelle, die auf den Grönländischen Eisschild wirke, berichtet die Universität Cambridge  von einer neuen Studie, die auch in den »Proceedings of the National Academy of Sciences« veröffentlicht werden soll. Nach Angaben der Universität liefere sie den ersten konkreten Beleg für einen bisher unberücksichtigten Mechanismus, wie Eismasse verloren geht.

Die zu Spitzenzeiten der Eisschmelze freigesetzte Wärmeenergie am Store-Gletscher sei vergleichbar mit der Leistung der Turbinen am chinesischen Drei-Schluchten-Damm, dem stärksten Kraftwerk der Welt. Hochgerechnet auf das gesamte Inlandseis mit einer Fläche von fast einer Million Quadratkilometer Schmelzwasser, das nahezu komplett nach unten durchsickert, ergebe sich eine Kraft wie die der zehn größten Wasserkraftwerke zusammen. »Mit dem Klimawandel könnte sich diese Form der Wasserkraft leicht verdoppeln oder verdreifachen«, erklärte Projektleiter Poul Christoffersen. »Und noch immer berechnen wir diese Zahlen nicht ein, wenn wir den Beitrag des Eisschilds zum Anstieg des Meeresspiegels schätzen.«

Die Eismasse auf der Insel im Nordpolarmeer ist die zweitgrößte auf dem Globus, nach der auf der Antarktis. Dass sie von Sommer zu Sommer schmilzt, mit zahllosen Seen und Flüssen an der Oberfläche, ist bekannt; auch, dass sich die Schmelze beschleunigt. Aber was sich in der Tiefe der Gletscher abspielt, wird durch die neue EU-finanzierte Studie enthüllt, an der auch die Aberystwyth University, die University of California Santa Cruz und die Geologische Forschungsanstalt für Dänemark und Grönland beteiligt waren.

Für die Studie wurde ein Radarsystem eingesetzt, das zuvor von einer britischen Antarktisstudie erprobt wurde, abgeglichen mit Temperaturmessungen in Bohrlöchern. Dabei kam heraus, dass die Eisschmelze an der Gletscherbasis oft ebenso schnell ablief wie die von Wetterstationen an der Oberfläche gemessene, obwohl dort die Sonnenstrahlung als Wärmequelle fehlt. Am Boden der Bohrlöcher maßen die Forscher Wassertemperaturen von bis zu +0,88 Grad Celsius, weit über dem Schmelzpunkt des Eisschildes von -0,4 Grad.

»Die Messungen bestätigen, dass sich das Schmelzwasser erwärmt, wenn es auf die Basis des Gletschers trifft«, erklärte Christoffersen. Als Grund nannte er Reibungswärme innerhalb des Wassers, die dadurch entstehe, dass das Abflusssystem an der Basis weniger effizient ist als die vielen Spalten und Rinnen im Eis selbst. »Die vom fallenden Wasser erzeugte Wärme schmilzt das Eis von unten«, folgerte Christoffersen. »Und die Schmelzgeschwindigkeit, die wir melden, ist beispiellos.«

Bleibt noch die Antarktis als größter Eisschild. Doch auch von dort kamen jüngst erneut schlechte Nachrichten. Laut einer in »Nature Geosciences«  veröffentlichten Studie mithilfe von Radarsatelliten schmolzen kleinere Gletscher im Westen des Kontinents schneller als die in den Alpen. Sollten sich die Messungen an anderen Stellen bestätigen, müssten die Schätzungen für den Anstieg des Meeresspiegels angehoben werden.

ak
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