Grönland Forscher bohren durch den Eisschild

Zweieinhalb Kilometer tief haben Forscher in Grönlands Eispanzer gebohrt - dann stießen sie auf Fels. Der Bohrkern enthält Informationen über eine Wärmeperiode vor mehr als 100.000 Jahren,  mit womöglich unangenehmen Aussichten auf die Folgen des heutigen Klimawandels.

Grönländischer Eisschild (im August 2007): "Vergleich mit zukünftigen Klimazuständen"
AFP

Grönländischer Eisschild (im August 2007): "Vergleich mit zukünftigen Klimazuständen"


Nuuk - In der Eem-Warmzeit kam die Erde gehörig ins Schwitzen. Vor 130.000 bis 115.000 Jahren war es drei bis fünf Grad wärmer war als heute - deshalb interessieren sich Forscher besonders für die Periode, die in der Alpenregion auch Riß-Würm-Interglazial genannt wird. "Der Meeresspiegel lag damals fünf Meter höher. Daher erlaubt die Eem-Warmzeit den besten Vergleich mit möglichen zukünftigen Klimazuständen", sagt Heinrich Miller vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (Awi).

Nun haben Wissenschaftler in Grönland im Rahmen des Neem-Projekts ("North Greenland Eemian Ice drilling") einen Eiskern geborgen, der ein komplettes Klimaarchiv der Eem-Warmzeit enthält. Der Bohrer hat nach fünf Jahren Arbeit den felsigen Untergrund in 2,5 Kilometern Tiefe erreicht.

Untersucht werden beim Eiskern unter anderem das eingeschlossene Gas und kleine Feststoffpartikel. Die Ergebnisse der Untersuchungen sollen, so hofft man beim Awi, Antworten für die Zukunft unseres Klimas geben. Wie groß war die grönländische Eiskappe vor 120.000 Jahren? Wie viel trug das Abschmelzen zum Anstieg des Meeresspiegels bei? Wie schnell erfolgte dieser Anstieg?

Analyse gleich vor Ort, sechs Meter unter dem Schnee

"Wir erwarten, dass sowohl genetisches Material als auch Pollen im Eis zu finden sind und uns mehr über die Pflanzen erzählen, die auf Grönland vor vielleicht mehr als drei Millionen Jahren lebten, bevor Grönland vereiste", sagte Dörthe Dahl-Jensen von der Universität Kopenhagen, die Leiterin des Projekts.

Am Neem-Projekt auf dem grönländischen Inlandeis haben mehr als 300 Forscher aus 14 Ländern mitgearbeitet, versorgt von speziell mit Skiern ausgerüsteten Transportflugzeugen der US-Luftwaffe. Die Wissenschaftler konnten in den letzten Metern des Bohrkerns sogar noch Gesteinsproben und Material aus der Eiszeit vor dem Eem-Zeitalter bergen. Ein Teil der Forschungsarbeiten wurde gleich vor Ort vorgenommen, in einem Tunnel sechs Meter unter der Schneeoberfläche.

Es war längst nicht die erste Eiskernbohrung auf Grönland. So hatten die europäischen Bohrprojekte Grip ("Greenland Ice Core Project", 1989 bis 1992) und Ngrip ("North Greenland Ice Core Project", 1999 bis 2003) jeweils mehr als drei Kilometer lange Kerne zutage gefördert. Für das Eem-Zeitalter waren sie aber nur bedingt nutzbar, das sich das Eis im unteren Bereich verschoben und gefaltet hatte - und die Schichten deswegen durcheinander gekommen waren.

Noch beeindruckender war indes ein Bohrvorhaben am anderen Ende der Welt: Beim Epica-Projekt konnten Polarforscher einen 3,2 Kilometer langen Kern in der Antarktis bergen. Das Klimaarchiv enthält Eis-Informationen aus 900.000 Jahren.

chs/dpa

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