SPIEGEL ONLINE

Nasa-Studie Gletscher in Grönland wächst plötzlich wieder

Über Jahrzehnte ist der Jakobshavn-Gletscher in Grönland geschrumpft. Nun nimmt seine Eisdecke auf einmal wieder zu. Forscher sind dem Rätsel auf die Spur gekommen.

Abertausende Eisberge sind bereits vom Jakobshavn-Gletscher in Grönland ins Meer gerutscht. Einer von ihnen soll 1912 die "Titanic" versenkt haben. Der Gletscher ist gewaltig, knapp sieben Prozent des gesamten grönländischen Eises fließen über ihn ab - und das so schnell wie an keinem anderen. Seit 20 Jahren schrumpft der Jakobshavn-Gletscher mit großer Geschwindigkeit und trägt so zum Anstieg des Meeresspiegel bei.

Doch nun gibt es eine überraschende Kehrtwende, berichtet die amerikanische Weltraumbehörde Nasa . Der Gletscher fließe nun langsamer und werde wieder dicker, hieß es. Statt sich zunehmend ins Inland zurückzuziehen, bewege er sich in Richtung Meer. Entwarnung gibt es aber nicht: Laut den Forschern lässt das Eis des Jakobshavn die Ozeane weiter ansteigen - nur nicht mehr ganz so stark.

"Am Anfang konnten wir es gar nicht glauben", sagt Ala Khazendar von der Nasa. "Wir sind eigentlich davon ausgegangen, dass es so weiter geht wie in den vergangenen 20 Jahren."

Langfristig wird der Gletscher wieder schrumpfen

Die Wissenschaftler führen die Veränderung am Gletscher auf eine Meeresströmung im Atlantik zurück. Sie habe das Wasser dort in den vergangenen drei Jahren auf Temperaturen abgekühlt, die zuletzt Mitte der Achtzigerjahre erreicht wurden, schreiben die Forscher im Fachmagazin "Nature Geoscience" 

Die sogenannte Nordatlantische Oszillation hat das kalte Wasser in Bewegung gebracht. Dabei handelt es sich um Schwankungen des Luftdrucks zwischen Island und den Azoren, die den Atlantik ungefähr alle 5 bis 20 Jahre aufheizen und wieder abkühlen. Ein solcher Umschwung hat gerade stattgefunden und den Atlantik insgesamt abgekühlt.

Auch das Wasser vor Grönlands Südwestküste ist so 2016 deutlich kälter geworden und die Westküste hinauf Richtung Jakobshavn-Gletscher gewandert. Zwischen 2013 und 2016 sank die Wassertemperatur in der Nähe des Gletschers um einen Grad.

Gerettet ist der Gletscher damit jedoch nicht. Sobald sich die Nordatlantische Oszillation wieder umkehrt und der Ozean wärmer wird, wird das Eis aller Voraussicht nach wieder schrumpfen. "Langfristig wärmt sich der Ozean auf - und dass das einen so großen Einfluss auf die Gletscher hat, ist kein gutes Zeichen für Grönlands Eisdecke", sagt Nasa-Forscher Josh Willis.

Gletscher schrumpft seit Anfang der Nullerjahre

Für die Studie hatten die Forscher Daten der Wassertemperatur um Grönland ausgewertet. Um herauszufinden, woher das Wasser kam, verfolgten sie die Strömung in Computersimulationen über fast tausend Kilometer.

Die Nasa beobachtet den Jakobshavn-Gletscher seit vielen Jahren. Sie geht davon aus, dass sein schnelles Schwinden Anfang der Nullerjahre begonnen hat. Damals brach das Schelfeis ab, also der Teil des Gletschers, der auf dem Meer schwimmt. Dieser verringert üblicherweise die Fließgeschwindigkeit eines Gletschers. Fehlt das Schelfeis, fließt der Gletscher sehr viel schneller.

So gab auch der Jakobshavn-Gletscher immer mehr Eis ins Meer ab, er wurde immer dünner - zwischen 2003 und 2016 um 152 Meter.

jme
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.