Große Bestandsaufnahme Weltkarte zeigt Verschmutzung der Flüsse

Gift, Staudämme, eingschleppte Arten: Weltweit sind zahlreiche Flüsse belastet. Neue Weltkarten zeigen, welche Gewässer gesund sind - und welche nicht. Die Daten sollen dafür sorgen, dass Geld zum Schutz der Ströme in Zukunft besser investiert wird.

riverthreat.net

London - Vier von fünf Menschen leben in der Nähe eines verschmutzten Flusses. Damit sei die Trinkwasserversorgung von fünf Milliarden Menschen gefährdet, berichtet ein internationales Forscherteam. Die Wissenschaftler haben Karten erstellt, die die Schäden durch Abwässer zeigen. Dabei kombinierten sie erstmalig Faktoren, die sich sowohl auf die menschliche Nutzung von Flüssen als auch auf die Artenvielfalt der Gewässer auswirken. Zusätzlich zeigen die Forscher, mit welchem Erfolg den Schäden begegnet wird.

"Flüsse sind für Menschen die wichtigste Quelle von Wasser", erklärt Charles Vörösmarty vom City College New York (CCNY). "Wenn man die vielen Gefahrenquellen analysiert, findet man heraus, dass sich der Zustand der Flüsse weltweit verschlechtert", schreiben die Autoren im Wissenschaftsmagazin "Nature".

Die Forscher um Charles Vörösmarty von der CCNY und Peter McIntyre von der University of Wisconsin haben Weltkarten vom Gefährdungszustand der Flüsse mit Hilfe eines neu entwickelten Computerprogramms gezeichnet. Sie führten 23 Umwelteinflüsse zu einem Index zusammen, um einen möglichst umfassenden Überblick über den Zustand der Fließgewässer zu liefern.

Starke Verschmutzungen treten wie erwartet vor allem in menschlichen Ballungszentren auf, die typischerweise nahe der Mündung liegen. In unbesiedelten Gebieten wie im Amazonas-Regenwald ist die Wasserqualität besser, weil Schadstoffe verdünnt werden oder sich am Grund absetzen.

Chemikaliencocktail strömt talwärts

Beunruhigend ist die Situation in dicht bevölkerten Gebieten - weite Teile Zentralasiens, Indien, Ostchina sowie Regionen Nordamerikas und nahezu ganz Europa. Dort verschmutzen viele Schadstoffe die Gewässer, darunter nicht nur klassische Umweltgifte wie etwa Pestizide, sondern zunehmend auch relativ neue Gefahren wie etwa Rückstände von Medikamenten.

"Durch unsere Wasserwege strömt ein wahrer Chemikaliencocktail", mahnt Vörösmarty. Gleichzeitig wird von den Flüssen immer mehr Wasser abgezweigt - zur Versorgung der Bevölkerung oder zur Bewässerung von Feldern. Viele große Ströme wie der nordamerikanische Colorado River vertrocknen inzwischen, bevor sie ihre frühere Mündung erreichen können. Darunter leidet die Artenvielfalt, viele Tiere und Pflanzen verschwinden.

Staudämme gefährden die Wanderung von Wassertieren und lassen flussabwärts gelegene Feuchtgebiete vertrocknen. Durch die Veränderungen seien Tausende Pflanzen- und Tierarten vom Aussterben bedroht, mahnen die Wissenschaftler. "Die Flüsse weltweit befinden sich in einem ausgesprochenen Krisenzustand", erklärt der Süßwasser-Zoologe McIntyre. "Aber dass einige der größten Bedrohungen in den USA und Europa liegen, ließ uns wirklich die Kinnlade herunterklappen."

Der sich verschlechternde Zustand der Flüsse ist nicht nur ein ökologisches Problem, sondern belastet auch zunehmend die Wirtschaft, vor allem in den Entwicklungsländern. "In den Industrieländern gefährden wir unsere Oberflächengewässer und verschleudern dann Milliarden Dollar, um die Probleme zu regeln", sagt Vörösmarty. "Arme Länder können sich das nicht leisten."

Erhalt von Flussauen

Die Karten bilden aber auch positive Auswirkungen von Natur- oder Wasserschutzgebieten auf die Wasserqualität ab. Die Forscher zeigen, dass in Ländern mit hohem Einkommen viel Geld in die Verbesserung der Wasserqualität gesteckt wird. Dabei würden allerdings nicht immer die tatsächlichen Ursachen der Verschmutzung bekämpft.

Die Wissenschaftler schlagen vor, nicht nur die Symptome zu bekämpfen, sondern die Wasserressourcen systematisch zu schützen, von den Einzugsgebieten bis zu den Mündungen der großen Ströme - etwa durch bessere Landnutzung oder sparsamere Bewässerungstechniken. Da viele Flüsse Ländergrenzen überqueren, fordern sie einen internationalen Ansatz. "Eine Kontrolle der Süßwasserreserven würde sich enorm auszahlen", sagt Vörösmarty. "Das würde kostspielige Konflikte vermeiden, die Qualität von Lebensmitteln sichern, einzigartige Lebensformen bewahren und viele weitere wertvolle Vorteile bieten."

Auch um Konflikte zu vermeiden, sollte zukünftig vorausschauender geplant werden, raten die Wissenschaftler. So könne der Erhalt von Flussauen Überschwemmungen entgegenwirken und der Schutz von Wassereinzugsgebieten eine teure Aufbereitung von Trinkwasser überflüssig machen.

boj/dapd/dpa



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