Grube Messel Suche nach einem 47-Millionen-Jahre-Schatz

Die Grube Messel bei Darmstadt ist ein magischer Ort, eine der reichhaltigsten Fossilien-Fundstätten der Welt. Dort graben Profis und fördern Schätze der Vergangenheit zu Tage, 47 Millionen Jahre alt - Frank Patalong hat mitgebuddelt.

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Uta hat das nötige Auge, die größte Erfahrung: Was ich finde, reiche ich ihr rüber. Sie dreht die Stücke kurz, schaut konzentriert. Nimmt ihr Messer, schneidet schnell und resolut hier etwas ab, hackt dann dort beherzt auf die Kante, dass das Gros des Steins davonfliegt: "Siehst du", sagt sie, "Koprolith."

Zeigt mir kurz den aufgehackten kleinen Haufen, der innen eine leicht andere Farbe und Konsistenz hat als außen. Wirft ihn dann höchst beiläufig in die Schubkarre, die neben uns steht und als Abfallbehälter dient.

Man kann halt nicht alles aufbewahren, nur weil es 47 Millionen Jahre im Boden lag, und braucht das auch nicht: Wenige Minuten später finde ich den nächsten Koprolithen, und dann wieder einen und wieder. Mitgenommen wird, was besonders schön, deutlich oder Erkenntnis versprechend ist. Koprolith kommt aus dem Griechischen und setzt sich aus Kopros und Lithos zusammen, Kot und Stein. Ich bin ein Koprolithen-Detektor, ich finde versteinerten Dung in Serie.

Es ist traumhaft. Die unscheinbare, wild überwachsene Grube, in der ich mit zwei Präparatorinnen der Senckenberg-Forschungsgesellschaft und sechs Studenten der Geowissenschaften sitze, ist ein magischer Ort, selbst wenn die Sonne brennt wie heute. Über uns ist ein Sonnensegel verspannt. Darunter steht zwar die schwül-heiße Luft, dass man meint, man fühle noch die Tropenluft des Messeler Dschungels, in dessen Resten wir hier wühlen. Aber das ist 47 Millionen Jahre her, und nur die Sonne, die uns auf den Pelz brennt, ist noch dieselbe - Dschungel gibt es in Hessen seit längerem nicht mehr. Immerhin spendet uns das Segel Schatten.

"Stein" ist ein relativer Begriff: Ölschiefer ist ein filigranes Material

Den brauchen nicht nur wir. Einmal aus dem Boden genommen, zerstört sich der Stein, den wir da spalten, durch Trocknung so schnell, dass man dabei zusehen kann. Er wölbt sich auf und platzt und krümelt. Er sieht dann aus wie der Boden eines ausgetrockneten Flussbetts. Was auch immer darin ist, ist unwiederbringlich zerstört.

Dieser "Ölschiefer", wie dieser Tonstein salopp, aber falsch genannt wird, weil er an Schiefer erinnert und man ihn dank des enthaltenen Kerogens früher zu Brenn- und Schmierstoffen raffinierte, ist der Segen und Fluch von Messel. Er hat Fossilien von weltweit einmaliger Qualität ermöglicht, aber er macht es auch schwer, sie zu konservieren. Erst seit rund zwanzig Jahren sind die seit 1961 speziell für die Messel-Fossilien entwickelten Konservierungs- und Präparationstechniken so ausgereift, dass sie mit hoher Zuverlässigkeit funktionieren, ohne dabei die Fossilien selbst so zu verändern, dass Forschung an ihnen schwergemacht wird.

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Entstehung der Grube Messel: Und es hat Bumm! gemacht
Und was könnte da verlorengehen! So profan er aussieht, so wichtig sind dieser unscheinbare Ort und seine schmierig-feuchten Steinplatten: Die Grube Messel gilt als eine der außergewöhnlichsten und reichhaltigsten Fossilien-Lagerstätten der Welt. Seit 1995 steht sie auf der Welterbe-Liste der Unesco. Messel hat unser Bild vom Eozän, einem auf die Zeit der Saurier folgenden Zeitalter, mit dem der Siegeszug der Säugetiere begann, geprägt wie kein anderer Ort der Welt.

Und heute sitze ich hier und nehme daran teil! Was, wenn ich Eurohippus patalongensis entdeckte? Avornis franconis? Eophyllium spiegelonlinium?

Uta lacht mich aus. "Den Namen vergeben nicht die Grabungshelfer", erklärt sie, "sondern die Experten, die nachher die Art beschreiben. Außer, es ist etwas ganz Außergewöhnliches."

In meinem Fall hätte ich dann wohl die größten Chancen, wenn ich einen ganz außergewöhnlichen Koprolithen fände, aber wer will das schon? Macht nichts, dabei sein ist alles.

Für Fossilien-Begeisterte gehört Messel zu den acht, neun der interessantesten Orte der Welt. Ich sitze quasi auf einem mehr als 100 Meter dicken Archiv des Lebens vor 47 Millionen Jahren. Wir brauchen nur darin zu blättern - im Sinne des Wortes.

Graben ist ein Handwerk

Auf meinen Knien liegt eine vielleicht zehn Kilogramm schwere, feucht-schmierige Platte eines extrem weichen Sedimentgesteins von tonhafter Konsistenz. Ich spalte sie mit einem 30 Zentimeter langen Messer, untersuche jede Scheibe auf kleine oder große Fossilien. Nur wenige enthalten gar nichts: Insektenreste, kleine Käfer, Pflanzenteile oder eben Koprolithen sind überall zu sehen. Der Anteil organischen Materials in diesem Sediment ist enorm, das meiste davon aber eben auch profan. "Wenn man 30.000 Exemplare eines Käfers gefunden hat", sagt Uta Kiel, "hört das irgendwann auf, wissenschaftlich relevant zu sein. Außer, man sieht Gliedmaßen sehr deutlich oder es ist etwas anderes Interessantes daran."

Angeschaut werden muss darum absolut alles. Die ausgebildeten Präparatorinnen Uta und Marion und ihre Helfer arbeiten ruhig und konzentriert, aber zügig. Die Zeit muss genutzt werden: Ausgrabungen sind nur möglich, wenn es nicht zu nass ist oder zu heiß. Also gräbt man und sammelt, was der Eimer hält, wenn sich so ein Zeitfenster ergibt. Gründlich sichten, analysieren und - wenn sich das lohnt - präparieren kann man die Funde später, vielleicht sogar erst im Winter. Dann verlagert sich die Arbeit in die Labors und Werkstätten.

Die Stimmung ist locker und natürlich nicht ehrfürchtig. Alle freuen sich, wenn etwas Schönes gefunden wird, dann wandern die Platten herum, bevor sie in einem mit Wasser gefüllten Eimer zwischengelagert werden. Die Studierenden, die hier arbeiten, sammeln Bologna-Punkte: Für sie gehört die Ausgrabung als Praktikum zum Studium. Die meisten sind Frauen. Ein Trend in den Geowissenschaften, die bis in die Neunziger klar männlich dominiert waren. Ein oder zwei könnten sich vorstellen, später einmal als Paläontologin zu arbeiten.

Ich auch. Man findet hier Fossilien im Minutentakt, und natürlich nicht nur Koprolithen. Auch exotische Säugetiere, Fische, Reptilien, Amphibien, Insekten, Vögel. Das meiste in Bruchstücken, aber in einem Erhaltungszustand, der weltweit seinesgleichen sucht: Oft nicht in Einzelknochen zerfallen, so dass man sie mühsam wieder zusammensetzen müsste, sondern regelrecht am Stück, mit filigranen, bestens erhaltenen Fell- und Federabdrücken und schattenhafter Haut, in der man noch Zellstrukturen erkennen kann.

Bei Insekten sind oft sogar die Farben erhalten: Auch an diesem heißen Tag bekomme ich grüne oder blauschimmernde Käfer zu sehen! Bei vielen Tieren sieht man, was sie vor ihrem Tod noch gefressen haben. Es ist, als habe die Evolution sich ihr eigenes Archiv angelegt, als habe sie Fotos und Skulpturen ihrer Werke in den Fels gelegt. Ein netter, aber naiver Gedanke, denn natürlich ist das alles naturwissenschaftlich zu erklären, wenn auch noch nicht bis ins allerletzte Detail.

Gegen 14.30 Uhr steht das Thermometer bei 37 Grad im Schatten, es ist einer der heißesten Tage des Jahres. Wir alle sind verschwitzt und verschmiert, von Mücken und Bremsen zerstochen. Uta fragt mich nach meiner Bilanz.

Die sieht so aus: In knapp sechseinhalb Stunden fand ich rund 25 nennenswerte kleine Fossilien oder Reste, von denen fünf bemerkenswert genug waren, zumindest schon mal zur weiteren Begutachtung im Eimer zu landen. Das Spalten und Sichten der Steine hat schon fast etwas Meditatives, es färbt ab auf die Stimmung und die Gespräche. Ich fühle mich jetzt ähnlich, wie nach der Arbeit mit Holz: Es hat etwas Haptisches, aber auch die Phantasie ist gefragt, dazu stete Aufmerksamkeit. Es gibt deutlich unbefriedigendere Tätigkeiten.

"Cool", antworte ich, "hat mir gefallen."
"Gut", sagt Uta, "dann schreib mal was Nettes. Und schreib nicht, wir wären Archäologinnen."

Würde mir im Traum nicht einfallen.

Lesen Sie morgen: Frank Patalong wirft einen Blick hinter die Kulissen der Messel-Forschung am Senckenberg-Museum in Frankfurt



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