"Grüne Spiele" Umweltschützer beklagen olympische Umweltsünden

Nach den Korruptionsvorwürfen gegen Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) droht neuer Ärger um die Spiele: Das IOC wird von den Umweltverbänden Greenpeace und WWF hart kritisiert, mit den Selbstverpflichtungen auf "grüne Spiele" eine umweltpolitische Mogelpackung anzubieten.

Von Sebastian Knauer


Protestplakat an einer Statue in Athen: Linke und rechte Gruppen beklagen die Kommerzialisierung der Spiele
REUTERS

Protestplakat an einer Statue in Athen: Linke und rechte Gruppen beklagen die Kommerzialisierung der Spiele

Anfang Juli dieses Jahres unterzeichnete das griechische Organisationskomitee ein Memorandum of Understanding des in Nairobi sitzenden Uno-Umweltprogramms (Unep). Danach verpflichteten sich die 28. Olympischen Spiele auf einen besonders "pfleglichen Umgang" mit der Natur, "bestimmte Standards beim Recycling" und einen "schonenden Umgang mit der Ressource Wasser". Das sei zwar "weniger als die ursprünglichen Pläne" für Athen, wie Unep-Chef Klaus Töpfer anmerkte, aber er hoffe auf einen "bleibenden Effekt" für die regelmäßig vom Smog geplagte griechische Metropole. Am Ende der Spiele wolle die Unep eine Bilanz der olympischen Umweltarbeit ziehen.

Die wird wohl bitter ausfallen. Denn die Olympischen Spiele in Griechenland verfehlen deutlich die selbst gesetzten Öko-Standards. Das IOC und die griechische Regierung hatten bei der Bewerbung noch "grüne Spiele" versprochen. Gut klingende umweltorientierte Richtlinien wurden geboren, für das IOC wurde der Umweltschutz sogar zu einem "dritten Pfeiler" der olympischen Idee - neben Sport und Kultur.

"Athen ist umweltpolitisch ein Rückfall weit hinter die in Sydney erreichten Standards", klagt dagegen Sven Teske von der Umweltschutzorganisation Greenpeace. In einem umfanggreichen Report hat Greenpace Griechenland jetzt ein Sündenregister der Athener Spiele dokumentiert.

  • Deutsches Haus: Einzige Solaranlage
    DPA

    Deutsches Haus: Einzige Solaranlage

    Energie: Für die Stromversorgung hatte das IOC vor drei Jahren "100 Prozent Grüne Energie" versprochen. Doch von den benötigten 80 Gigawattstunden für die Spiele wird tatsächlich nur ein Bruchteil aus Windanlagen, Solartechnik, Biomasse oder Wasserkraft gewonnen. Lediglich auf dem so genannten Deutschen Haus, ein moderner Zweckbau im Olympiadorf, der sonst als Deutsche Schule dient, wurde eine Photovoltaikanlage mit 33 Kilowatt installiert - das sind genau 0,002 Prozent des gesamten olympischen Energiebedarfs. Mit dieser Leistung lassen sich gerade mal Geschirrspülmaschinen nach IOC-Empfängen und Pressekonferenzen in dem Deutschen Stützpunkt betreiben.
  • Kanustrecke: "finanziell unrealistisch"
    AP

    Kanustrecke: "finanziell unrealistisch"

    Wasser: Um die Kanustrecke aufzufüllen, leiteten die Olympiaplaner Wasser aus den Schinias-Auen nordöstlich von Athen in künstliche Kanäle um. Nach den Spielen soll dieser Eingriff wieder rückgängig gemacht werden. Der griechische Greenpeace-Chef Nikos Charalambides hält die Absicht für "finanziell unrealistisch".
  • Olympisches Dorf: Knapp begrünt
    AP

    Olympisches Dorf: Knapp begrünt

    Begrünung: Angesichts eines ausgeschöpften Budgets fehlt jetzt das Geld für eine sachgerechte Begrünung des Baugrundes. Sträucher und Pflanzen wurden vielerorts ohne Muttererde auf die Schutthalden gesetzt. Die Rekordausgaben für Schutz vor Terroristen in Höhe von 1,3 Milliarden Euro haben auch die Etats für den Umweltschutz schrumpfen lassen.
  • Baumaterial: Was heute für private Bauherrn Standard ist, gilt nicht unter den fünf Ringen: Beim Bau der zahlreichen Gebäude für die Wettkampfstätten sei, so Greenpeace, ausschließlich Holz ohne Öko-Siegel verarbeitet worden. Weder eine Beschaffung nach Kriterien des Forest Stewardship Council (FSC) noch des Pan-Europäischen Umweltsiegel (Pefc) sei verbindlich in den Ausschreibungsunterlagen vereinbart worden.
  • Recycling: Zur Versorgung der erwarteten rund zwei Millionen Besucher und 16.000 Teilnehmer werden nur Einweg-Kunststoffflaschen ausgegeben. Aus Sicherheitsgründen wurde die Ausgabe von Alu-Dosen gestoppt. Der gesamte Spiele-Müll soll zwar in einer Recyclinganlage erfasst werden doch über die Weiterverwertung kann das IOC auf Anfrage nichts mitteilen. Die griechische Partnerorganisation des Dualen System Deutschland (DSD), Herrco, mit dem Recyclingsystem "Grüner Punkt" hat den Auftrag für die Spiele nicht bekommen. Der wurde weitergereicht an eine Subfirma namens Cleaning Waste Services. Eine DSD-Sprecherin in Berlin bestätigt, dass es "keinerlei Anfrage" des IOC zur Bewältigung der Müllberge in Athen gegeben habe. Der gesamte Olympia-Müll landet jetzt wenige Kilometer entfernt auf einer offenen Deponie.
  • Transport: Anerkannt wird von den Umweltverbänden der Ausbau des Öffentlichen Nahverkehrs in der Olympiastadt, Busse und eine Metro erfüllen die Zielvorgaben für umweltorientierte Personentransporte.

Die neue Metro: Zielvorgabe erfüllt
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Die neue Metro: Zielvorgabe erfüllt

Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE wollte sich das IOC aus "Zeitmangel" nicht zu den Einzelheiten der Öko-Kritik von Greenpeace oder des Worldwide Funds for Nature (WWF) äußern. IOC-Sprecherin Giselle Davids teilt lediglich mit, dass man sehr "positive Schritte" für die Umsetzung der eigenen Umweltverpflichtungen unternommen habe und dass "eine nachhaltige Entwicklung" der Spiele weiterhin ein "wichtiger Pfeiler" der olympischen Bewegung sei.



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