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17. April 2018, 14:14 Uhr

Streit über Gentechnik

Wie die Grünen Monsanto ärgern könnten

Eine Analyse von

Die Grünen diskutieren, ob sie offener gegenüber Gentechnik in der Landwirtschaft werden sollten. Die Skepsis in der Partei ist groß, dabei könnte sie das Thema für ihre Zwecke nutzen.

Gentechnik ist das Teufelswerkzeug der Agrarindustrie, gefährlich für Gesundheit und Umwelt. So könnte man die Sicht der Grünen auf Gentechnik zusammenfassen. Die Partei ist seit jeher dagegen. Noch im Wahlprogramm zur Bundestagswahl 2017 schrieb sie, dass ein Nachweis für die Unbedenklichkeit gentechnisch veränderter Pflanzen fehle. Nun, ein gutes halbes Jahr später, ist sich die Partei mit ihrer grundsätzlichen Ablehnung plötzlich nicht mehr so sicher.

"Biotechnologie, Nanotechnologie oder Gentechnik können Krankheiten ausrotten oder heilen, sie können Leben verlängern - theoretisch sogar den Tod überflüssig machen", schreibt der Bundesvorstand um die Parteivorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck in einem Impulspapier, das bis 2020 zu einem neuen Grundsatzprogramm der Grünen führen soll. Man solle doch noch einmal hinterfragen, "ob bestimmte neue Technologien nicht helfen könnten, die Versorgung mit Nahrungsmitteln auch dort zu garantieren, wo der Klimawandel für immer weniger Regen oder für versalzenen Boden sorgt".

In den ersten zehn Tagen nach Erscheinen des Papiers zeigte sich allerdings: Die Gentechnikwende der Grünen wird mühsam. In der Partei regt sich massiver Widerstand. Unter anderem der für seine gentechnikfeindlichen Positionen bekannte Bundestagsabgeordnete Harald Ebner argumentiert lautstark gegen den vorsichtigen Vorstoß. Dabei könnte ein reflektierter Umgang mit dem Thema der Partei zu mehr Glaubwürdigkeit verhelfen.

Für Fakten, aber nur, wenn sie in die Ideologie passen

Erst am Samstag bekundeten die Grünen ihre Solidarität mit Demonstranten beim March of Science, die gegen "Fake News" und für Wissenschaftlichkeit auf die Straße gegangen waren. "Zum #MarchforScience setzen Wissenschaftlerinnen weltweit ein Zeichen, damit Fakten weiterhin Fakten bleiben", twitterten die Grünen im Bundestag.

In zentralen Punkten ihres Programms beruft sich die Partei auf wissenschaftliche Erkenntnisse, etwa beim Klimawandel. Auch im Hinblick auf die umstrittenen Neonikotinoide, einer Gruppe Insektizide, stimmen die Grünen der wissenschaftlichen Bewertung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) zu, wonach diese erhebliche Risiken für Honigbienenvölker darstellen.

Die Faktentreue der Grünen reicht jedoch immer nur so weit, wie sie zum eigenen Idealismus passt. Als die EFSA zu dem Schluss kam, dass vom Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat keine Krebsgefahr für den Menschen ausgeht, stellte die Partei deren Glaubwürdigkeit plötzlich in Frage. Gentechnik verteufelt sie, obwohl zahlreiche renommierte Wissenschaftsorganisationen weltweit keine Gesundheits- oder Umweltgefahren sehen. Drei Beispiele:

Die nun angestoßene Gentechnik-Debatte wäre eine Chance, diese Erkenntnisse künftig zu berücksichtigen. Doch grüne Hardliner interessieren sich nicht dafür. Sie werden nicht müde darauf hinzuweisen, dass Chemiekonzerne wie Monsanto Gentechnik nutzen, um herbizidresistente Nutzpflanzen herzustellen. Diese Argumentation nutzt auch Harald Ebner in seiner aktuellen Mitteilung.

Gentechnik ist mehr als das, was Monsanto daraus macht

Er verweist explizit auf gentechnisch veränderte Maispflanzen von Monsanto, die den Einsatz des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat überleben. Normalerweise tötet Glyphosat alle Pflanzen und kommt in Deutschland deshalb vor allem vor der Aussaat auf den Acker. In Nord- und Südamerika, wo der Monsanto-Mais in vielen Staaten breit eingesetzt wird, können Landwirte in einer Wachstumsperiode dagegen mehrfach spritzen. Die Technik sorgt somit dafür, dass größere Mengen des Pestizids eingesetzt werden.

Letztlich basiert das Geschäftsmodell von Monsanto darauf, den Landwirten glyphosatresistentes Saatgut mit dem dazu passenden Unkrautvernichter zu verkaufen. Das kann man mit gutem Recht kritisieren. Die Grünen und viele andere Protestler vergessen dabei allerdings, dass Gentechnik mehr ist als das, was Monsanto daraus macht.

Hinzu kommt, dass die Position der Partei schwer zu halten sein dürfte. Durch die Entwicklung der Genschere CRISPR/Cas9 und ähnlicher Techniken, verschwimmen die Unterschiede zwischen gentechnisch veränderten Pflanzen und Pflanzenzucht. CRISPR/Cas9 kann Mutationen in Gene einfügen, die genauso auch beim Züchten entstehen. Dabei hinterlässt die Genschere keine Spuren. Im Nachhinein ist somit nicht mehr zu erkennen, welche Veränderung durch Gentechnik und welche durch Züchtung entstanden ist. Die Gewächse sind vollkommen identisch.

Gentechnik gegen Monsanto

In den USA gelten solche Pflanzen vor dem Gesetz bereits nicht mehr als gentechnisch verändert. In Europa sahen einige Landesbehörden das genauso, darunter auch das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) in Deutschland. Umweltschützer haben dagegen geklagt. Nun muss der Europäische Gerichtshof entscheiden, ob entsprechende Gentechnik-Arten in der EU künftig ohne gesonderte Zulassung und Kennzeichnung ausgesät und verkauft werden dürfen.

Bleiben die Grünen bei ihrer Protesthaltung gegen jede Form der Gentechnik, zeigen sie einmal mehr, dass es mit der Wissenschaftlichkeit nicht weit her ist. Dabei müsste sich gerade die Partei für Umweltschutz darum kümmern, Gentechnikansätze zum Nutzen von Mensch und Umwelt zu fördern, statt sie aus Prinzip zu verteufeln. Auch die deutsche Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina plädiert für Einzelfallentscheidungen. Gute Ansätze gibt es.

Dazu zählt etwa der Goldene Reis, der Betakarotin enthält und somit Menschen in Entwicklungsländern doppelt schützen könnte - vor einer Unterernährung und Erblindung. Er wurde in den Neunzigern entwickelt und sein Patent für globale humanitäre Anwendungen freigegeben (die Entwicklungsgeschichte hat "Die Zeit" 2017 umfassend dargestellt). 2016 forderten 100 Nobelpreisträger Gentechnik-Kritiker auf, ihren Widerstand gegen das Produkt aufzugeben.

Zudem haben Forscher in Laboren Pflanzen entwickelt, die Insekten von sich aus fernhalten und so weniger oder gar nicht mehr gespritzt werden müssen. Denkbar sind auch Arten, die mit weniger Nitrat auskommen und somit weniger Dünger brauchen. Es könnte sich lohnen, diese Forschungsansätze zu unterstützen, indem man ihnen eine Chance einräumt, auch angewendet zu werden. Pflanzen, die weniger Pestizide brauchen: Das würde auch Monsanto ärgern.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung des Textes hieß es, Monsanto verkaufe sterile Samen. Das ist nicht korrekt. Wir haben die Passage korrigiert.

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