Krähen auf Futtersuche Heute benutze ich den Fleischkratzer

Nicht nur der Heimwerker kann mit Werkzeug umgehen. Auch Vögel sind dazu in der Lage. Ein Experiment zeigt jetzt: Haiwaiikrähen sind echte Naturtalente.

Ken Bohn / San Diego Zoo Global

Es ist gar nicht so leicht, an ein Stück Fleisch zu kommen, das in einem Baumstamm steckt. Hawaiikrähen können sich dennoch Zugang zu dem Leckerbissen verschaffen. Sie benutzen Werkzeuge, um das Futter aus dem Stamm zu befördern. Das berichten Forscher im Fachmagazin "Nature".

Die Wissenschaftler um Christian Rutz von der University of St Andrews in Großbritannien belieferten 104 Hawaiikrähen aus einem Zuchtprogramm des Zoos von San Diego mit Futter, das in Baumstämmen versteckt war. "Der Großteil der Krähen benutze spontan herumliegende Stöckchen als Werkzeug", erzählt Bryce Masuda, der das Zuchtprogramm leitet.

Der Artenschützer hatte bereits zuvor beobachtet, dass die Krähen hin und wieder mit Stöcken hantierten, sich aber nichts weiter dabei gedacht.

Video: Die Studienergebnisse im Überblick

"Wir haben die Vögel für die Studie nicht trainiert", sagt Rutz. "Trotzdem waren die meisten von ihnen sehr talentiert und holten das Futter ohne große Schwierigkeiten aus schmalen Öffnungen."

Schwierige Auswilderung

Die Ergebnisse zeigten, dass Hawaiikrähen von Natur aus dazu veranlagt seien, Werkzeuge auszuprobieren und das Verhalten nicht von erwachsenen Tieren lernen müssten, kommentiert die Kognitionsbiologin Sabine Tebbich von der Universität Wien, die nicht an der Studie beteiligt war. Um das herauszufinden, sei es wichtig gewesen, dass die Forscher junge Vögel untersucht haben.

In der Wildnis gilt die Hawaiikrähe seit 2002 als ausgestorben. Wiederansiedlungsprogramme sind bislang gescheitert. Unter anderem machen invasive Arten, etwa die Goldstaub-Manguste, auf Hawaii Jagd auf die inzwischen unter Naturschutz stehenden Vögel. In diesem Jahr will der Zoo von San Diego einen neuen Versuch wagen, berichtet Masuda.

Video: Zwei Krähen, ein Stöckchen

Der flache Schnabel könnte entscheidend sein

Bislang waren vor allem Neukaledonienkrähen, auch Geradschnabelkrähen genannt, dafür bekannt, Werkzeuge zu benutzen. Die Tiere kommen, wie ihr Name andeutet, ausschließlich auf der Pazifikinsel Neukaledonien vor und gelten als sehr intelligent. Unter anderem wurden sie dabei beobachtet, wie sie drei Werkzeuge hintereinander nutzten, um an Futter zu kommen.

Forscher konnten sich nicht erklären, warum ausgerechnet diese Krähen solch handwerkliches Geschick entwickelt hatten. "Wir haben vermutet, dass der flache Schnabel eine Anpassung an die Werkzeugnutzung ist - ähnlich wie der Daumen beim Menschen", sagt Rutz. Als die Wissenschaftler nach weiteren Krähen mit diesem Merkmal suchten, stießen sie auf einen vielversprechenden Kandidaten: die Hawaiikrähe.

Video: Hawaiikrähen im Experiment

Der flache Schnabel könnte demnach tatsächlich eine wichtige Rolle spielen. Aber wie ist er im Zuge der Evolution bei beiden Vogelarten entstanden? "Der letzte gemeinsame Vorfahre von Hawaiikrähen und Neukaledonienkrähen lebte vor elf Millionen Jahren", sagt Rutz. Demnach sei es schon erstaunlich, dass beide Arten unabhängig voneinander auf zwei entlegenen Tropeninseln im Pazifik ähnliche Fähigkeiten entwickelt hätten. Wahrscheinlich habe das Umfeld ohne viele natürliche Feinde dazu beigetragen, dass die Vögel begannen, mit herumliegenden Ästen zu experimentieren.

Da es insgesamt mehr als 40 Krähen- und Rabenarten gibt und viele von ihnen noch wenig erforscht sind, sei demnach auch denkbar, dass deutlich mehr Spezies Werkzeuge nutzen. 2009 berichteten Forscher beispielsweise von in Gefangenschaft lebenden Saatkrähen, die sich ebenfalls Werkzeuge bauten. In freier Wildbahn wurde das Verhalten bei ihnen bislang allerdings nicht beobachtet.

Mit Steinwerkzeugen Straußeneier öffnen

"Mit zwei Krähenarten, manchen Darwinfinken und Schmutzgeiern in der Liste der werkzeugnutzenden Vögel können wir nun Vergleiche mit Primaten anstellen", sagt die bekannte Verhaltensforscherin Jane Goodall.

Goodall lieferte 1964 die erste detaillierte Beschreibung von wilden Schimpansen, die Werkzeuge einsetzten. Die Veröffentlichung stellte die bis dahin geltende Prämisse in Frage, nur der Mensch könne Werkzeuge gezielt nutzen. Zwei Jahre später zeigte sie erstmals, dass Schmutzgeier mit Steinwerkzeugen Straußeneier öffnen.

jme



© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.