Plage in den Flutgebieten Jetzt kommen die Mücken

Deutschlands Hochwassergebieten droht eine Mückenplage. Wo die Pegel zurückgehen, finden die Blutsauger ideale Lebensbedingungen. Besonders ärgerlich: Mücken aus Flussgebieten sind noch penetranter als ihre Artgenossen aus dem Garten.

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Monat um Monat muss der potentielle Nachwuchs ausharren, notfalls gar Jahr um Jahr. Wenn sich ein Mückenweibchen der Art Aedimorphus vexans an die Familienplanung macht, dann muss es mit vielen Ungewissheiten klarkommen. Die Insektendamen suchen sich ein feuchtes Plätzchen in Wiesen oder Auenwäldern. Dort deponieren sie ihre Eier - und was dann passiert, liegt in der Hand der Natur.

Nur wenn die Eier von Wasser überspült werden, das anschließend in Pfützen stehen bleibt, können daraus Larven entstehen. Und genau das passiert gerade in den Hochwassergebieten Deutschlands. Zumindest vielerorts gehen die Pegel langsam zurück, überflutete Flächen fallen nach und nach trocken. Dabei bleiben Tümpel voller organischen Schwemmmaterials zurück, die die fiesen Blutsauger so lieben. "Alles ist für die Mücken vorbereitet", sagt Doreen Werner vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung im brandenburgischen Müncheberg.

Normalerweise arbeitet die Wissenschaftlerin an einem Atlas zur Verteilung der Mückenarten in Deutschland, der auch auf die Mithilfe von Freiwilligen setzt. In den vergangenen Tagen war sie aber vor allem in den Flutgebieten unterwegs. Ihre Bilanz: Die Menschen dort müssen sich schon bald auf gewaltige Mückenschwärme einstellen: "Das ist ein ideales Bruthabitat." Denn in jedem Quadratmeter Uferbereich einer Hochwasserpfütze können bis zu 50.000 Mückeneier heranreifen.

Schuld daran ist auch das momentan gute Wetter: Bleibt es so warm, dann dauert es 10 bis 14 Tage, bis die Mückenplage ihren Anfang nimmt. Dann werden Schwärme von Tausenden und Abertausenden Tieren in der Luft tanzen. Die Begattung findet im Flug statt - und anschließend machen sich die Weibchen auf die Suche nach einem für die Fortpflanzung unerlässlichen Hilfsmittel: Blut. Die Eiweiße aus dem Lebenssaft brauchen die Mückendamen zum Aufbau der Eier - und eine Blutmahlzeit kann schon mal das Doppelte ihres Körpergewichts ausmachen.

"Das sind besonders aggressive Blutsauger"

Vor allem Mücken der Arten Aedimorphus vexans, manchmal auch als Rheinschnake bezeichnet, und Ochlerotatus sticticus werden sich in den ehemals überfluteten Gebieten entwickeln, sagt Mückenexpertin Doreen Werner. Das passiert natürlich nur dort, wo Eier abgelegt wurden - oder mit der Flut hingedriftet sind.

Das Problem: Im Vergleich zur gemeinen Stechmücke, die ihre Eier zum Beispiel in Regentonnen ablegt, haben die Arten aus den Flussauen ein deutlich höheres Nervpotential: "Das sind besonders aggressive Blutsauger mit penetrantem Anflugverhalten."

Verwunderlich ist das nicht. Die Mücken in den Überflutungsgebieten müssen sich besonders sputen, wenn sie ihre Art erhalten wollen. Geschwindigkeit entscheidet etwa darüber, ob in den Tümpeln eine Generation der Plagegeister heranreift oder vielleicht sogar noch eine weitere. Zusätzlich dumm: Außer Aedimorphus vexans und Ochlerotatus sticticus nutzen auch die gemeinen Stechmücken die Hochwassertümpel zur Eiablage.

Allzu viel lässt sich gegen die Mückenplage nicht tun. Ein paar einfache Verhaltensregeln könnten lauten:

  • Drinnen ist besser als draußen.
  • Wenig freie Haut bietet wenig Angriffsfläche.
  • Bewegung ist besser als Stehen oder Sitzen.
  • Insektenabwehrmittel können helfen.
  • Und vor allem, auch wenn das nicht leicht ist: nicht kratzen!

"Die Mücken übertragen keine Krankheitserreger", sagt Doreen Werner. Doch wer an den Stichen kratzt, dem drohen Sekundärinfektionen - egal wie gut man die Hände gewaschen hat.

Bekämpfung möglich - mit einem Bakterien-Toxin

Im Prinzip lassen sich Mückenplagen natürlich auch bekämpfen. Während dafür in vergangenen Jahrzehnten Insektizide wie DDT zum Einsatz kamen, sind heute sogenannte Bt-Toxine das Mittel der Wahl. Das sind vollständig biologisch abbaubare Proteine, die von einem Bakterium namens Bacillus thuringiensis produziert werden. Aus der Luft versprüht, können sie den Stechmückenlarven den Garaus machen.

Rund hundert Gemeinden im Oberrheingraben haben sich zur Kommunalen Arbeitsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage (Kabs) zusammengeschlossen. In deren Auftrag versprühen zwei Hubschrauber regelmäßig Bacillus-thuringiensis-Präparate auf mehr als 6000 Quadratkilometern. Notfalls machen sich Mitarbeiter auch zu Fuß auf den Weg. Schon das ganze Frühjahr über sind die Kabs-Experten nach diversen Hochwässern am Rhein im Dauereinsatz.

Norbert Becker ist wissenschaftlicher Direktor der Kabs. Er kann den Flutopfern im Süden und Osten Deutschlands nur wenig Hoffnung auf Amtshilfe machen. Zwar seien einige seiner Leute gerade am Chiemsee, um die Lage zu prüfen. Dort hatte die Arbeitsgemeinschaft auch in der Vergangenheit schon beim Mückenkampf geholfen. Doch für einen großflächigen Einsatz in weiteren Arealen fehlten Infrastruktur, Spezialisten und Geld.

Außerdem sei es in vielen Flutgebieten auch schon schlicht zu spät für den Mückenkampf: "Es funktioniert nicht, ein Feuerwehrauto zu bestellen, wenn das Haus schon brennt."

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insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
Tom Joad 12.06.2013
1. Nicht kratzen
Ich habe keinerlei plausible Erklärung dafür, aber was bei Mückenstichen tatsächlich hilft: mit dem Fingernagel ein Kreuz reindrücken. Die betroffene Stelle schwillt daraufhin an, ist dafür aber – nicht kratzen! – nach kurzer Zeit wieder beschwerdefrei. (Möglicherweise wird das Mückengift durch den Druck im Gewebe verteilt und kann anschließend leichter abtransportiert werden, aber wie gesagt, ich weiß es nicht.) Es hilft wirklich! Der Tipp kommt aus Finnland, und die Finnen müssen es schließlich am ehesten wissen.
Tom Joad 12.06.2013
2. Nicht kratzen II
Wer nicht widerstehen kann, sollte versuchen, die umliegende Haut zu kratzen, nicht den Mückenstich selbst. Auch das lindert den Juckreiz.
ballanda 12.06.2013
3. Metaphysische Heilmethode
Muss es ein Kreuz sein oder hilft auch ein kleiner Halbmond als Druckmuster?
Layer_8 12.06.2013
4. yo
Zitat von sysopREUTERS / James Gathany / Center For Disease ControlDeutschlands Hochwassergebieten droht eine Mückenplage. Wo die Pegel zurückgehen und überflutete Flächen trocken fallen, finden die Blutsauger ideale Lebensbedingungen. Wer gestochen wird, sollte vor allem eines nicht tun: kratzen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/hochwassergebieten-in-deutschland-droht-mueckenplage-a-905313.html
dann kriegen die auch mal mit, was ich als Kind schon alles im Sommer am Oberrhein mitmachen durfte, außer das sehr oft auftretende schwülheiße, fast tropische, Klima. Das ist ja hier jetzt gottseidank weitgehendst vorbei, das mit den Mücken meine ich.
Tom Joad 12.06.2013
5.
Zitat von ballandaMuss es ein Kreuz sein oder hilft auch ein kleiner Halbmond als Druckmuster?
Es darf sogar ein Penta- oder Hexagramm sein, lassen Sie Ihrer Phantasie (oder dem von Ihnen bevorzugten Glauben) freien Lauf.
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