Hoffnung fürs Arktiseis Klimasimulation widerlegt Kollapstheorie

Die Arktis erwärmt sich rapide. Seit langem warnen Forscher vor einem Kipppunkt, ab dem das Meereis unumkehrbar verschwindet. Doch jetzt zeigt eine Studie: Das Eis erholt sich innerhalb von drei Jahren von Wärmeschocks - der zugrunde liegende Effekt lässt sich am Strand beobachten.
Eisberg: Hitze entweicht aus dem Meer

Eisberg: Hitze entweicht aus dem Meer

Foto: A0009 Helfried Weyer/ dpa

Das Meereis im hohen Norden schmilzt: In den vergangenen Jahren schrumpfte die Eisfläche im Arktischen Ozean im Spätsommer deutlich stärker als sonst zu dieser Jahreszeit. Vergangenen September verkleinerte sich ihre Ausdehnung auf die viertkleinste Größe seit Beginn der Satellitenmessungen Ende der siebziger Jahre.

Wissenschaftler fürchten, dass bald ein sogenannter Umkipppunkt erreicht sein könnte, nach dem sich die Schmelze unumkehrbar beschleunigen würde: Wo bislang Meereis die Sonnenstrahlung reflektiert hat, nimmt der Ozean die Wärme auf - ab einem bestimmten Punkt wäre die Meereswärme so groß, dass das Meereis nicht wieder wachsen kann.

Manche Forscher fürchteten, der Kipppunkt des Arktischen Meereises könnte bereits überschritten sein. Andere sahen ihn für 2020 oder für 2080 voraus.

Doch nun brachte eine Klimasimulation ein erstaunliches Resultat: Für das Arktische Meereis gebe es wahrscheinlich keinen Kipppunkt, berichten Klimaforscher um Steffen Tietsche vom Max-Planck-Institut für Meteorologie (MPI) in Hamburg im Fachmagazin "Geophysical Research Letters" . Selbst nach starker Schmelze erholt sich das Meereis der Studie zufolge innerhalb von drei Jahren - allerdings nur, wenn es wieder kühler wird.

Die Forscher simulierten die Arktisumwelt mit einem sogenannten Ozean-Atmosphären-Computermodell, mit dem Klimaprognosen errechnet werden. Sie erhitzten die Arktis mehrfach und ließen das Meereis rapide schmelzen. "Wir hatten eigentlich erwartet, dass der Ozean nach der künstlichen Eisschmelze eisfrei bleiben würde, weil das offene Wasser im Sommer deutlich mehr Wärme aufnimmt", sagt Steffen Tietsche. Überraschenderweise erholte sich die Eisbedeckung aber stets nach wenigen Jahren.

Schmelze setzt sich fort

Das Ergebnis bestätigt eine Studie US-amerikanischer Wissenschaftler von vor zwei Jahren , für die das Meereis mit einem simpleren Klimamodell simuliert worden war. "Die Übereinstimmung von Modellen unterschiedlicher Komplexität bedeutet normalerweise, dass die Resultate vertrauenswürdig sind", sagt MPI-Foscher Jochem Marotzke, ein Mitautor der neuen Studie.

Warum kann sich das Eis von einem Wärmeschock erholen? Den Simulationen der Hamburger Forscher zufolge wurde bislang unterschätzt, wie schnell das Meer seine Wärme verliert. Wer morgens am Strand spaziert, kann das Phänomen sehen: Das Meer dampft. Die kalte Nachtluft zieht über das warme Meer, Schwaden steigen auf, sogenannter Seerauch.

Im Winter verliere der Arktische Ozean seine Wärme "rapide", schreiben Tietsche und seine Kollegen. Die Abkühlung des Wassers setze sich sogar fort, wenn es bereits zugefroren sei: Dünne Eisbedeckung blockiere die Hitzeabgabe kaum, berichten die Forscher. Das Arktische Meer gebe im Winter mehr Wärme ab, als es im Sommer aufnehme - selbst wenn das Meer nur zu kleinen Teilen mit Eis bedeckt sei.

Die neue Studie zeigt, dass das arktische Meereis "eng an das herrschende Klima gekoppelt" sei, berichten die Forscher. Es stelle sich binnen weniger Jahre auf ein neues Klima ein. Das Eis kann sich also schnell erholen - nicht jedoch bei weiterer Erwärmung. Setze sich der Klimawandel wie erwartet fort, werde "die Arktis in einigen Jahrzehnten im Sommer eisfrei sein", sagt Marotzke. Erst wenn die Erwärmung gestoppt sei, werde sich das Meereis in der Arktis erholen.

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