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17. Mai 2019, 09:54 Uhr

Erinnerungsvermögen

Die besondere Gedächtnisleistung der Hunde

Von Eva Schläfer

Hundebesitzer sind oft schwer begeistert von den kognitiven Fähigkeiten ihres Vierbeiners. Wie gut aber ist deren Gedächtnis wirklich? Neue Forschung belegt unerwartete Stärken.

Ja, es gibt sie, die "super brains" unter den Hunden. Ende der Neunzigerjahre beeindruckte Border Collie Rico die Republik, als er bei seinem "Wetten, dass?"-Auftritt mehr als 70 Spielzeuge anhand ihres Namens unterschied und auf Aufforderung apportierte.

Forscher des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig wiesen später nach, dass der Rüde sogar mehr als 200 Plüschtiere auseinanderhalten konnte. Rico, der vor mehr als zehn Jahren starb, hatte ein enormes Erinnerungsvermögen: Auch vier Wochen nach dem Erlernen von Namen für neues Spielzeug konnte er sich noch korrekt an die Worte erinnern, selbst wenn er die Gegenstände in der Zwischenzeit nicht mehr gesehen hatte.

Der "Albert Einstein der Hundewelt"

Diese Gedächtnisleistung setzten die Forscher damals mit der eines dreijährigen Kindes gleich. "Rico war sicher so etwas wie der Albert Einstein der Hundewelt", sagt Juliane Bräuer, Leiterin der Hundestudien am Jenaer Max Planck-Institut für Menschheitsgeschichte. Sie erforscht, wie Tiere - und speziell Hunde - Informationen aufnehmen, verarbeiten und abspeichern.

Ihre Beobachtung: Vor allem müssen Motivation und Temperament eines Hundes stark ausgeprägt sein, um gute Lernerfolge zu erzielen. Bei manchen Hunderassen wie dem Border Collie sei das eher, bei anderen wie dem Eurasier seltener der Fall.

Die grundsätzlichen kognitiven Leistungen unterschieden sich zwischen den Rassen jedoch weniger, als allgemein angenommen werde, berichtet Bräuer. Eine im Januar von Forschern der University of Arizona veröffentlichte Studie stellt allerdings die Vermutung an, dass kleine Hunderassen mit entsprechend kleinem Gehirn Aufgaben, für die sie ihr Kurzzeitgedächtnis einsetzen müssen, schlechter bewältigen als Rassen mit großen Hirnen.

Auch Hunde können rekonstruieren: Wann war ich wo?

In den vergangenen Jahren haben Biologen und Verhaltensforscher das sogenannte "Episodic-Like-Memory" des Hundes genauer untersucht. Es entspricht in etwa dem episodischen Gedächtnis des Menschen, das diesen befähigt, Ort und Datum mit einer Erinnerung zu verknüpfen.

An der Western University of Ontario in Kanada zeigte ein Forscherteam gerade, dass auch Hunde sich daran erinnerten, mit welchen Gerüchen sie an welchem Ort und zu welchem Zeitpunkt konfrontiert wurden.

Zugleich ist das episodische Gedächtnis dafür verantwortlich, dass wir uns an nebensächliche Dinge erinnern - eine Fähigkeit, die im Tierreich lange nur den Menschenaffen zugeschrieben wurde.

Wissenschaftler aus Budapest wiesen sie 2016 auch bei Hunden nach. Das Forscherteam trainierte den Vierbeinen zunächst an, menschliches Verhalten zu imitieren, zum Beispiel das Drehen um die eigene Achse. Anschließend wurde der Hund durch einen anderen Befehl abgelenkt, während sein menschliches Vorbild sich ein weiteres Mal drehte. Wenn er dann aufgefordert wurde, das Verhalten zu imitieren, ahmte er es nach kurzer Verzögerung trotzdem nach.

Die gemeinsame Entwicklungsgeschichte mit dem Menschen ist prägend

Ein weiterer erstaunlicher Nachweis für besondere Gedächtnisleistung gelang Juliane Bräuer und ihrer Kollegin Julia Belger im vergangenen Jahr. Wenn Hunde nicht über ausreichend Informationen verfügen, um eine sichere Entscheidung zu treffen, suchen sie - ähnlich wie Primaten - nach weiteren Informationen.

Sie können also ihr eigenes Wissen beurteilen und einschätzen, ob sie genug Kenntnisse haben oder nicht. Metagedächtnis nennt man das beim Menschen, beim Hund kann man zumindest von "metakognitiven" Fähigkeiten sprechen.

Juliane Bräuer, die mit Hunderten von Hunden gearbeitet hat und auch privat einen Border Collie hält, kann sehr klar benennen, auf welchen Gebieten der Hund reüssiert - und auf welchen nicht. Stärken und Schwächen erklären sich aus der gemeinsamen Entwicklungsgeschichte von Mensch und Hund.

Die Kooperation mit dem Menschen hätten die Verbeiner stärker als jedes andere Lebewesen verinnerlicht. "Hunde sind seit 40.000 Jahren domestiziert, das macht sie so spannend", sagt Bräuer. Auch sei der vielgerühmte "will to please", also der Antrieb, es dem Rudelführer möglichst recht zu machen, bei keinem anderen Tier so ausgeprägt.

Das Gedächtnis seines Hundes, so rät Expertin Bräuer, solle man ruhig trainieren. Zum Beispiel, indem man ein Leckerchen unter einer Baumwurzel versteckt und es den Hund suchen lässt. Wenn er dann bei einem späteren Spaziergang wieder freudig um den Baum herumläuft und schnüffelt, ist das ein gutes Zeichen. Wenn nicht, tja, dann darf man sich immer noch an seinem treuen Blick erfreuen. Einen wie Rico gibt es eben nur ganz, ganz selten.

VIDEO: Die besondere Nase des Datenträgerspürhunds Ivo

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