Verhaltensforschung Die Persönlichkeit von Hunden hängt kaum von der Rasse ab

Nicht alle Pitbulls sind aggressiv, nicht alle Collies klug: Verhaltensunterschiede zwischen Individuen sind größer als Unterschiede zwischen Rassen, zeigt eine Studie. Das hat mit der Geschichte der Hundezucht zu tun.
Der Irische Wolfshund liegt entspannt auf dem Boden, neugierig beäugt von einem Pudel. Warum verhalten sich die Hunde so, wie sie es tun?

Der Irische Wolfshund liegt entspannt auf dem Boden, neugierig beäugt von einem Pudel. Warum verhalten sich die Hunde so, wie sie es tun?

Foto: Catherine Falls / Getty Images

Wovon hängt es ab, ob ein Hund verspielt, neugierig, faul oder schüchtern ist? Von den Genen – aber nicht so sehr von der Rasse. Zu diesem Ergebnis ist ein Forschungsteam um die US-amerikanische Biomedizinerin Kathleen Morrill von der University of Massachusetts Chan Medical School gekommen. Die Studie ist in der Fachzeitschrift »Science«  erschienen.

Die Rasse eines Hundes sagt demnach nur wenig über sein Temperament aus. Größer als die Unterschiede zwischen verschiedenen Rassen seien die Unterschiede zwischen einzelnen Hunden. Viele Verhaltensweisen seien erblich – ob ein Hund besonders gelehrig, wachsam oder zutraulich ist, hängt also vor allem von seinen Eltern ab.

Moderne Rassen gibt es erst seit knapp 160 Jahren

Auch die Zugehörigkeit zu einer Hunderasse wird natürlich über die Gene weitergegeben. Doch die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weisen darauf hin, dass die modernen Hunderassen weniger als 160 Jahre alt sind. Evolutionsgeschichtlich eine zu vernachlässigende Zeitspanne, wenn man bedenke, dass der Ursprung des Hundes auf eine Zeit von vor mehr als 10.000 Jahren geschätzt wird. Menschen züchteten Hunde seit etwa 2000 Jahren, und zwar die meiste Zeit mit Blick auf die Aufgaben, die sie übernehmen sollten. Die Hunde werden nach ihren Eigenschaften ausgewählt, etwa nach der Frage, ob sie sich als Hütehunde eignen, als Jagd- oder Wachhunde.

Erst viel später habe sich der Fokus in der Zucht auf das Aussehen der Vierbeiner verschoben: Seitdem werden Hunde meist nach einem körperlichen Ideal und mit der Vorstellung möglichst reiner Linien gezüchtet. Dabei entstanden die heute bekannten Hunderassen, denen weiterhin Verhaltensweisen zugeschrieben würden, die auch auf ihre ehemaligen Einsatzgebiete zurückgeführt werden.

»Die definierenden Kriterien eines Golden Retrievers sind seine körperlichen Merkmale – die Form seiner Ohren, die Farbe und Beschaffenheit seines Fells, seine Größe. Und nicht, ob er freundlich ist«, sagte dazu die Mitautorin der Studie Elinor Karlsson vom Broad Institute der US-Universitäten MIT und Harvard.

Das Team fand keine Verhaltensweise, die ausschließlich in einer Rasse zu finden ist

Um diese Hypothese zu prüfen, sammelten die an der Studie beteiligten Forscherinnen und Forscher die Angaben von 18.385 Hundeherrchen und -frauchen zu Wesen und Verhalten ihrer reinrassigen und gemischtrassigen Haustiere. Zudem analysierten sie die genetischen Daten von insgesamt 2155 Hunden und verknüpften sie mit den berichteten Verhaltensweisen der Hunde.

Die Auswertung zeigte: Verhaltensunterschiede zwischen modernen Rassen sind grundsätzlich nur gering ausgeprägt. Das Team fand keine Verhaltensweise, die ausschließlich in einer Rasse zu finden ist. So gelten Labradore zwar als Hunde, die kaum heulen, einige der Hundehalter berichteten aber dennoch, dass ihre Tiere manchmal oder sogar häufig heulten. Dem Greyhound wird nachgesagt, dass er sein Spielzeug nicht verbuddelt, doch einige Haustierbesitzer hatten das gegenteilige Verhalten beobachtet.

Zudem ändere sich das Verhalten vieler Hunde mit dem Alter: Welpen verschiedener Rassen waren etwa so verspielt wie Schäferhunde, die als besonders spielzeugversessen gelten. Die Analyse der Gendaten bestätigte, dass einzelne Rassen nur sehr wenige genetische Besonderheiten aufweisen.

Bei der Wahl eines passenden Hundes helfe der Blick auf die Rasse deshalb nur sehr bedingt weiter, erläuterte Marjie Alonso von der International Association of Animal Behavior Consultants. »Die Rasse wird nicht darüber entscheiden, ob wir mit einem Hund glücklich werden oder der Hund mit uns. Das Aussehen sagt einfach wenig darüber aus, wie sich der Hund verhalten wird.«

vki/dpa