Hungersnot Bakterien werden zu Kannibalen

In höchster Not, kurz vor dem Verhungern, schrecken Menschen nicht einmal vor Kannibalismus zurück. Doch auch unter Bakterien gibt es entsprechende Überlebensstrategien.


Kannibalische Bakterien (eingefärbt): Grün frisst rot
J. E. Gonzales-Pastor/ Science

Kannibalische Bakterien (eingefärbt): Grün frisst rot

Verglichen mit seinem berühmten Verwandten, dem Milzbranderreger, führt der gemeine Heubazillus (Bacillus subtilis) eher ein Schattendasein. Wie die Anthraxbakterien kann auch der Heubazillus in Form von Sporen über Jahre hinweg unwirtliche Bedingungen überstehen. Doch während Bacillus anthracis als äußerst gefährlich eingestuft wird, gilt Bacillus subtilis, der sogar in Fungiziden und Medikamenten zu finden ist, als eher harmlos.

Bezogen auf den Menschen mag das stimmen. Doch untereinander kämpfen die Bakterien offenbar mit harten Bandagen. Wie José González-Pastor im Wissenschaftsmagazin "Science" schreibt, schrecken die Bakterien selbst vor Kannibalismus nicht zurück.

Zusammen mit Kollegen von der Harvard University in Cambridge, Massachusetts, hat der Zellbiologe untersucht, wie der Heubazillus auf extreme Umweltbedingungen reagiert. Denn für die Mikroorganismen stellt der Dauerschlaf als Spore nur den letzten Ausweg dar. Die Verwandlung kostet viel Energie und ist nur schwer rückgängig zu machen.

Daher versuchen die Bakterien alles, um die so genannte Sporulation zu verhindern. Der Stoffwechsel wird heruntergefahren, neue Nahrungsquellen werden erschlossen, und letztlich wird sogar, so González-Pastor, ein Gift freigesetzt. Vergleichbar mit einem Antibiotikum bricht der Stoff die Zellen anderen Heubazillen auf, die das Sporenstadium noch nicht erreicht haben.

Die attackierten Bakterien sterben ab, die Kannibalen nehmen die dabei freigesetzten Nährstoffe auf. Doch statt die neu gewonnene Energie in die Sporulation zu stecken, wachsen die kannibalischen Bakterien weiter.

Offensichtlich versuchen die hungrigen Organismen, so die Forscher, möglichst viel Zeit zu gewinnen. Denn ist der Verwandlungsprozess erst einmal eingeleitet, kann er nicht mehr rückgängig gemacht werden, selbst wenn plötzlich wieder Nahrung zur Verfügung steht. Die Sporen wären damit verglichen mit ihren noch nicht verwandelten Verwandten deutlich im Nachteil - es sei denn, sie hätten ihre Konkurrenten zuvor allesamt verspeist.

Alexander Stirn



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.