Hungrige Löwen "Menschen sind zweibeinige Proteinquellen"

Warum entwickeln manche Löwen Appetit auf Zweibeiner? Forscher haben den Fall zweier berühmter Bestien untersucht: Bei der Umstellung ihres Speiseplans, so das Ergebnis, haben Menschen kräftig geholfen.
Von Martin Paetsch

Am Tsavo-Fluss in Ostafrika verbreiteten im Jahr 1898 zwei männliche Löwen Angst und Schrecken: Unter einem Bautrupp, der im Aufrag der Briten eine Eisenbahnbrücke über den Wasserlauf errichtete, sollen die Raubtiere ein fürchterliches Blutbad angerichtet haben. In neun Monaten fielen, so will es die Legende, 135 Menschen den "Teufeln in Löwengestalt" zum Opfer, zeitweise kamen die Arbeiten aus Panik ganz zum Erliegen.

Das große Fressen fand erst mit dem beherzten Eingreifen des Lieutenant-Colonel John Henry Patterson ein Ende. Nachdem der britische Offizier den Löwen mehrmals erfolglos aufgelauert hatte, erlegte er schließlich einen der mähnenlosen Räuber am 9. Dezember 1898 von einem behelfsmäßigen Hochsitz aus - durch einen Treffer "kurz hinter der linken Schulter", wie er in seinen Erinnerungen "Die Menschenfresser von Tsavo"  berichtet. Die zweite Bestie starb einige Tage später nach zähem Kampf an nicht weniger als sechs Schusswunden.

Was an der 1996 unter dem Titel "Der Geist und die Dunkelheit" verfilmten Geschichte wahr ist und was erfunden, haben jetzt zwei Forscher vom Field Museum in Chicago untersucht - mit dem Ziel, die Ursachen der Menschenfresserei aufzudecken. Das Museum ist dem Thema auf besondere Weise verpflichtet: Die zwei ausgestopften Löwen, die Patterson 1924 für die damals beachtliche Summe von 5000 Dollar nach Chicago verkauft hatte, zählen heute zu den Attraktionen der ständigen Ausstellung .

Julian Kerbis Peterhans und Thomas Gnoske, deren Ergebnisse jüngst im "Journal of East African Natural History" erschienen sind, haben sich durch Pattersons unveröffentlichte Aufzeichnungen und andere historische Dokumente gearbeitet. Der Löwenjäger selbst hat im Verlauf seiner Karriere die Zahl der von den Tieren erlegten Menschen höchst unterschiedlich beziffert, seine Angaben reichen von 14 bis 135 Toten. Die Wissenschaftler halten die 1907 veröffentlichte Zahl von 28 Opfern für am wahrscheinlichsten.

Zudem widersprechen die Forscher der Auffassung, die Wiederholungstäter von Tsavo könnten "abnormal" gewesen sein. Vielmehr stellten Löwen und andere Raubkatzen bis heute unter bestimmten Bedingungen Zweibeinern nach. "Ausgestorbene und lebende Menschen haben den größten Teil ihrer Geschichte für Großkatzen wenig mehr dargestellt als verwundbare, sich langsam bewegende zweibeinige Proteinquellen", erklärt Kerbis Peterhans.

Sind Löwen erst einmal auf den Geschmack gekommen, kann die menschliche Kost leicht zur Gewohnheit werden. Das erlernte Verhalten geben die Raubtiere an ihren Nachwuchs weiter, zusammen mit raffinierten Jagdstrategien, die schon Patterson zu schaffen machten: "Da es ihre Taktik zu sein schien, jede Nacht in ein anderes Zeltlager einzubrechen, war es außerordentlich schwierig, ihnen zuvorzukommen." Durch die Weitergabe derartiger Tricks "hört ein Ausbruch von Menschenfresserei üblicherweise nicht auf, bevor alle verantwortlichen Löwen und ihr Nachwuchs getötet sind", so Kerbis Peterhans.

Tatsächlich scheint es unter den Tsavo-Löwen, wie die Autoren durch dokumentierte Fälle vor und nach dem Gemetzel von 1898 belegen, eine regelrechte "Menschenfresser-Kultur" zu geben. So setzte sich das Morden zum Beispiel während des Ersten Weltkriegs fort, als patrouillierende Soldaten den Großkatzen in die Fänge gerieten. An der Entstehung solcher blutigen Traditionen haben allerdings, so die Meinung von Kerbis Peterhans und Gnoske, die Menschen kräftig mitgewirkt.

So zogen etwa während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Sklavenkarawanen durch das Tsavo-Gebiet, Kranke oder Verletzte wurden dabei als leichte Beute für die Löwen zurückgelassen. Nachlässige Begräbnispraktiken während eines schweren Pockenausbruchs und einer nachfolgenden Hungersnot taten ein Übriges, um die Raubkatzen an den Geschmack von Menschenfleisch zu gewöhnen - zumal ihnen aus Mangel an anderer Nahrung oft gar keine Wahl blieb.

Denn zwischen 1891 und 1893 hatte, wie die beiden Wissenschaftler ausführen, eine verheerende Rinderpest-Epidemie südlich der Sahara zahlreiche Büffel dahingerafft, die zur Lieblingsbeute der Löwen zählen. Wenige Jahre später erwähnte Patterson in seinen persönlichen Notizen zwar anderes Großwild, aber keine Büffel. Die Forscher schließen daraus, dass sich die Bestände damals noch nicht erholt hatten. Auch die exzessive Elefantenjagd könnte das empfindliche Gleichgewicht der Tierwelt gestört haben und so indirekte Auswirkung auf die Beutetier-Populationen gehabt haben.

Keinesfalls machten jedoch, wie ein alter Irrglaube behauptet, Zahnfäule oder Altersschwäche die Raubtiere zu Menschenfressern. Zwar können gebrochene Gliedmaßen dazu führen, dass Löwen ihre Kost auf sprintschwache Zweibeiner umstellen. Die meisten Problemtiere sind den Experten zufolge aber halbstarke oder erwachsene Männchen ohne besondere Verletzungen. Die Tsavo-Bestien scheinen überdies mit ganz gewöhnlicher Nahrung aufgewachsen zu sein: Bei der Untersuchung der Löwengebisse fanden die Forscher noch alte Haare der Opfer - keines stammte von einem Menschen.

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