Stefan Rahmstorf

Hurrikan "Dorian" Warum der Klimawandel Tropenstürme gefährlicher macht

Durch die Erwärmung der Erde werden besonders starke Stürme zusätzlich mit Energie aufgeladen. Experten diskutieren bereits, ob eine neue, höhere Kategorie für Hurrikane eingeführt werden soll.
Hurrikan "Dorian" am 30. August: Die Eigenschaften von Tropenstürmen verändern sich infolge des Klimawandels - und nicht zum Besseren

Hurrikan "Dorian" am 30. August: Die Eigenschaften von Tropenstürmen verändern sich infolge des Klimawandels - und nicht zum Besseren

Foto: Joshua Stevens/ Lauren Dauphin/

Auf die stärkste Wirbelsturmstufe fünf hatte sich der Hurrikan "Dorian" schon aufgepumpt, als er mit Windgeschwindigkeiten von knapp 300 Stundenkilometern am Sonntag auf die Bahamas traf. Wie das National Hurricane Center der USA mitteilte, war Dorian kurzzeitig gleichauf mit dem berühmten Labor Day Hurrikan von 1935, dem stärksten jemals auf Land getroffenen Hurrikan im Atlantik. Inzwischen hat sich der Sturm etwas abgeschwächt und erreicht nun die Kategorie vier.

Es ist das erste Mal seit Beginn der systematischen Satellitenaufzeichnungen, dass in vier aufeinanderfolgenden Jahren im Atlantik ein Sturm der Stärke fünf auftritt, nach Matthew 2016, Irma und Maria 2017 und Michael 2018. Die jüngsten Rekordstürme haben unter Fachleuten die Diskussion befeuert, ob eine Hurrikan-Kategorie sechs  eingeführt werden sollte.

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Foto: Astrid Eckert

Stefan Rahmstorf schreibt regelmäßig für den SPIEGEL über die Klimakrise. Er ist Klima- und Meeresforscher und leitet die Abteilung Erdsystemanalyse am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Seit dem Jahr 2000 ist er zudem Professor für Physik der Ozeane an der Universität Potsdam. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Paläoklimaforschung, Veränderungen von Meeresströmungen und Meeresspiegel sowie Wetterextreme.

Am Montag ist hier ein Überblick über die Entwicklung des Hurrikans Dorian, die Entstehung der Stürme im Allgemeinen und die Aussichten für die USA erschienen. Nun möchte ich die Frage beantworten, was der Klimawandel mit den Tropenstürmen macht. Im Grundsatz ist die Rechnung einfach: Maßgeblich für ihre zerstörerische Kraft ist die Temperatur des Meerwassers - denn die Wärme des Wassers ist ihre Energiequelle.

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Deshalb entstehen diese Monsterstürme in den Tropen und auch dort nur in der wärmeren Jahreshälfte. Wenn ein solcher Sturm nicht durch Scherwinde oder Land im Weg gestört wird, kann er eine Maximalstärke erreichen, die umso höher liegt, je wärmer das Meerwasser unter ihm ist. Die Meerestemperaturen steigen nun bekanntlich weltweit durch die Erderhitzung kontinuierlich an.

Heftige Stürme entfalten durch den Klimawandel noch mehr Kraft

Volle 93 Prozent der von unseren Treibhausgasen zusätzlich eingefangenen Wärmeenergie speichern die Ozeane. Daher erwarten Klimaforscher seit Langem, dass Tropenstürme umso stärker werden, je wärmer das Klima wird.

Die US-amerikanische Ozean- und Atmosphärenbehörde NOAA führt eine Datenbank (genannt IBTrACS ) aller Tropenstürme weltweit, die je nach Region Hurrikane, Taifune oder Zyklone genannt werden. Schaut man sich dort die Trends seit 1980 an, fällt auf, dass die Stürme der Kategorie vier um 60 Prozent, und die der Kategorie fünf sogar um mehr als 100 Prozent zugenommen haben. Die Stürme der schwachen Kategorien werden dafür immer seltener. (siehe Grafik). Die Gesamtzahl aller Hurrikane ist dabei nahezu gleich geblieben.

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Trotz dieser Daten war lange umstritten, ob diese Trends auch zuverlässig sind, da Methoden und Qualität der Windmessungen sich im Laufe der Zeit verändert haben.

Inzwischen sind die Entwicklungen aber so deutlich, dass weitgehend Einigkeit über ihre Realität besteht. Das zeigt der aktuellste Bericht  des Expertenteams der meteorologischen Weltorganisation WMO, der diesen März erschienen ist. Zehn der elf Experten waren sich einig, dass "die Summe der Belege darauf hindeutet, dass im globalen Mittel die Intensität der stärksten Tropenstürme seit Anfang der Achtzigerjahre spürbar zugenommen hat", wie es in der verklausulierten Fachsprache heißt. Acht der elf Experten waren zudem überzeugt, dass der Mensch zu diesem Anstieg beigetragen hat. Bei der Beurteilung helfen seit den Siebzigerjahren auch Satellitendaten, die ähnliche Befunde wie die Windmessungen in der Atmosphäre zeigen.

Das Jahrzehnt der Stürme

2012 erreichte Sandy den größten Durchmesser eines atlantischen Hurrikans aller Zeiten. Der Sturm hinterließ große Teile von New York in Finsternis und ohne Strom; er flutete Subway- und Straßentunnel und verursachte 32 Milliarden Dollar Schäden. Im Jahr darauf richtete der Taifun Haiyan in Teilen Ostasiens Verwüstungen an; allein in den Philippinen gab es über 6300 Todesopfer. Haiyan erreichte die höchste je verzeichnete Windgeschwindigkeit eines tropischen Wirbelsturms.
Dieser Rekord hielt nur zwei Jahre: schon 2015 wurde er vom Hurrikan Patricia im östlichen Nordpazifik gebrochen. 2017 flutete Harvey das Zentrum von Houston mit mehr Regen als jeder andere Hurrikan in der Geschichte der Vereinigten Staaten, Schadenssumme: 125 Milliarden Dollar. Im gleichen Jahr pflügte Irma mit unglaublich ausdauernder Kraft quer über den Atlantik; er blieb dabei länger in der stärksten Kategorie fünf als jeder frühere Sturm irgendwo auf dem Planeten. Ebenfalls 2015 ging Pam als der stärkste je im Südpazifik beobachtete Zyklon in die Geschichte ein, wurde aber bereits im Februar 2016 von Winston übertroffen. Fantala im April 2016 war der stärkste im südlichen Indischen Ozean. In sechs von acht Tropensturmregionen traten die stärksten Stürme in 40 Jahren homogenisierten Satellitendaten seit 2006 auf .

Auch weitere Eigenschaften von Tropenstürmen verändern sich infolge des Klimawandels - und nicht zum Besseren. So wurde nachgewiesen, dass Tropenstürme immer langsamer vorankommen - was bedeutet, dass sie länger über einem Ort - wie zum Beispiel Houston - verharren. Das führt zu größeren Sturmfluten und Regenmengen. Es dürfte daran liegen, dass die Zirkulation der tropischen Atmosphäre sich generell durch die globale Erwärmung verlangsamt, wie Klimamodelle und Messdaten übereinstimmend zeigen.

Der Wind ist nicht das Schlimmste an einem Hurrikan

Überhaupt ist der Wind eines Hurrikans meist gar nicht das Hauptproblem. Denn die meisten Schäden entstehen durch die Überflutungen, die er mit sich bringt. Zum einen durch die Sturmfluten an der Küste  - wie bei Sandy in New York. Diese Sturmfluten laufen durch den Anstieg des globalen Meeresspiegels  in Folge des menschengemachten Klimawandels immer höher auf.

Zum zweiten durch Extremregen - wie bei Harvey, dessen Rekordniederschläge mit weiträumig mehr als tausend Millimeter Regen in wenigen Tagen die Großstadt Houston unter Wasser setzten. Durch die steigenden Temperaturen kann die Luft mehr Wasser vom Ozean aufnehmen und dann abregnen. Im Fall von Harvey wurde berechnet, dass die globale Erwärmung die Regenmenge um knapp 40 Prozent  erhöht haben dürfte - und die Wahrscheinlichkeit einer solchen Sintflut versechsfacht.

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Europa zählt bisher glücklicherweise nicht zum Hurrikangebiet. Nun zeigen aber erste Datenauswertungen, dass sich Tropenstürme durch veränderte Temperaturmuster immer weiter polwärts ausbreiten . Eine naheliegende Entwicklung, weil durch die allgemeine Erwärmung der Meere die Bereiche immer größer werden, in denen die mindestens 26 Grad Wassertemperatur erreicht werden können, die ein Hurrikan braucht.

So tauchte im Oktober 2017 erstmals ein Tropensturm der Kategorie drei vor der Küste Portugals auf: Ophelia. Zum Glück traf er dort, anders als zunächst befürchtet, nicht auf Land, sondern bewegte sich nach Norden und schwächte sich dabei über kälterem Meerwasser ab, bevor er als außertropischer Herbststurm Irland traf. Dort war es der schlimmste Sturm seit einem halben Jahrhundert.

Die Zukunftsaussichten sehen nicht besser aus, wenn wir die Erderhitzung nicht rasch stoppen. Damit beschäftigt sich der zweite Teil des Berichts  des WMO-Expertenteams, der im August erschien. Er sagt voraus, dass die Sturmfluthöhen, Niederschlagsmengen und Sturmintensitäten weiter steigen.

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