Hurrikan "Katrina" New Orleans war nur auf Kuschelsturm vorbereitet

Fehlplanung in den sechziger Jahren hat die Katastrophe von New Orleans erst ermöglicht. US-Forscher kritisieren, dass die Deiche entgegen dem Rat von Experten für einen viel zu sanften Modellsturm gebaut wurden. "Katrina" wütete dann über der schlecht geschützten Stadt wie vier Stürme zugleich.


Mit dem Monat Juni startet in den USA die "Hurricane season", jene sechs Monate, in denen sich weit auf dem Atlantik gewaltige Wirbelstürme bilden - und die US-Küste bedrohen, vom Golf von Mexiko bis hinauf nach Neuengland. Dabei sind die Folgen des verheerenden Hurrikan-Rekordjahrs 2005 noch nicht vergessen.

"Wir haben jetzt eine viel leichter verwundbare Bevölkerung, da braucht es nicht einmal einen Hurrikan der Kategorie drei oder vier, um diese Gemeinden umzuhauen", sagte Robert Latham, Leiter der Katastrophenschutzbehörde des US-Bundesstaats Mississippi. Dort und im Nachbarstaat Louisiana leben noch immer rund 100.000 Menschen in Wohnwagen, seit die Wirbelstürme "Rita" und "Katrina" im letzten Sommer ihre Häuser zerstört haben.

Conrad Lauterbach, Chef des Nationalen Hurrikanzentrums beim meteorologischen Dienst der USA (NOAA), hat zwar für die Hurrikansaison 2006 weniger starke Stürme als 2005 prognostiziert. Doch diese Entwarnung wird durch ein Eingeständnis der Behörden in New Orleans relativiert: Sie gaben zu, dass die Dämme in der Stadt noch nicht fertig repariert oder verstärkt worden sind.

"Katrina" schlug zu wie vier Stürme

Die Analyse der "Katrina"-Katastrophe zeigt derweil, wie der Wirbelsturm Ende August letzten Jahres 1500 Menschenleben fordern und Milliardenschäden anrichten konnte - obwohl er nicht einmal genau über New Orleans hinweggezogen war. Zwei neue Studien zeigen jetzt: Bei der Planung der Deiche für die Großstadt haben die Ingenieure die schwersten bekannten Stürme einfach ausgeklammert. Und "Katrina" glich in seiner Wirkung eher vier Stürmen statt einem einzelnen.

Mit dem richtigen Schutz hätte New Orleans "nasse Knöchel" bekommen, nicht mehr, sagte Raymond Seed der "New York Times". Der Professor für Bauingenieurwesen von der University of California in Berkeley hat in der vergangenen Woche einen Bericht veröffentlicht, der harsche Kritik enthält. Darin stellt er auch dar, wie "Katrina" die Stadt traf:

  • In seiner ersten Phase habe der Sturm südlich der Stadt eine Wasserhöhe aufgebaut, für die die dortigen Dämme nicht ausgelegt waren.
  • Als der Sturm über den Lake Borgne zog, waren es dort vor allem die gewaltigen Wellen, denen die Deiche in der Gemeinde St. Bernard nachgaben.
  • In einem dritten Anlauf drückte der Sturm eine Flutwelle in die trichterförmige Bucht am nordwestlichen Ende des Lake Borgne und damit in einen Hafenkanal. Dort stieg das Wasser mit enormer Wucht an und zerstörte an mehreren Stellen die Schutzwände.
  • Als der Sturm schließlich in die Mississippi-Mündung hineinzog, staute sich eine Flutwelle am Südufer des Lake Pontchartrain. Sie war schwächer als die vorherigen und schwappte nicht über die Deiche. Weil aber dort drei Hauptentwässerungskanäle in den Lake Pontchartrain mündeten, fand das Wasser einen Weg in die Innenstadt. Durch Brüche im 17th Street Canal und im London Avenue Canal wurden die niedrig gelegenen Stadtviertel überflutet.

Warum versagten die Flutschutzmaßnahmen gleich an mehreren Stellen? David Daniel, Vorsitzender eines Untersuchungsausschuss zur Arbeit des Pionierkorps der US-Armee, sagte der "New York Times", dass der Fehler bereits in den Planungen für die Deiche stecke: "Das war - gemessen an heutigen Standards - keine schrecklich ausgeklügelte oder detaillierte Analyse."

Fehlplanung mit sanftem Modellsturm

Die Ermittlungen unterschiedlicher Experten zeigten: Der Sturm in den Simulationen war schlicht zu sanft. Einige seiner Eigenschaften hätten nur einem Hurrikan der Stärke zwei entsprochen, obwohl der Flutschutz New Orleans vor Wirbelstürmen hätte schützen sollen, die in ihrer Wucht statistisch nur einmal in 200 Jahren zu erwarten seien.

Das war auch die Vorgabe des US-Kongress an das Pionierkorps, nachdem die Stadt am Golf von Mexiko 1965 vom Hurrikan "Betsy" überflutet worden war. 13 Jahre sollte der Bau damals dauern und 85 Millionen US-Dollar kosten. Als "Katrina" 2005 heranstürmte, waren 738 Millionen verbaut - und das System immer noch nicht fertiggestellt.

Sowohl Daniel als auch die Forscher um Raymond Seed sowie die Autoren eines Berichts an den US-Kongress kritisieren, dass der Sturm in den Modellen viel zu schwach war, um der Realität zu genügen. Schlimme Stürme wie "Camille" von 1969 wurden einfach aus der Datenbank geworfen, die dem Modellsturm als Grundlage diente. "Extreme Daten auszuschließen ist aber keine kluge Strategie, wenn es um extreme Wetterphänomene geht", betont Seed.

"Bestenfalls grobe Schätzung"

Auch nachdem die Wetterexperten der NOAA ein anderes Sturmmodell gefordert hatten, änderte das Pionierkorps seine Deichpläne nicht. Für New Orleans bedeutete dies ein falsches Gefühl der Sicherheit, gegen einen "schnellen Hurrikan der Kategorie drei" gewappnet zu sein. So hatten die Ingenieure ihren Modellsturm getauft. Die Autoren des Kongressberichts bezeichnen das als "bestenfalls grobe Schätzung, schlimmstenfalls schlicht unzutreffend".

Jujen Battjes, ein Mitarbeiter aus Seeds Team, kommt aus den Niederlanden. Dort, berichtet er, werde seit den 1930er Jahren mit einem statistischen Ansatz gearbeitet: Auch Wellenhöhen, die nie verzeichnet worden, aber theoretisch möglich seien, würden dort mit in die Modelle einfließen.

Ein solches Herangehen könne auch leichter neue Sturmrekorde einbeziehen. So war 2005 in den USA ein Sturmjahr ohne Vergleich: Von 28 atlantischen Stürmen, die Meteorologen für wichtig genug befanden, um ihnen einen Namen zu geben, waren 15 Hurrikane. Sieben von ihnen wurden als in die Kategorie drei oder höher eingestuft - zum ersten Mal seit Beginn der Aufzeichnungen.

stx/AFP



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