Hurrikan, Überschwemmung, Brände Die USA in der Klima-Zange

Die Westküste brennt und im Südosten wütet nun auch noch ein Tropensturm: Die Katastrophen treffen die USA ausgerechnet in der Coronakrise. Und das Schlimmste steht wahrscheinlich noch bevor.
Hurrikan "Sally" bestätigt, was Klimaexperten vorhergesagt haben

Hurrikan "Sally" bestätigt, was Klimaexperten vorhergesagt haben

Foto: GOES-16 / NOAA / NASA

"Es ist nicht üblich, dass man Regen in Fuß misst", sagt Meteorologe David Eversole. Normalerweise reichen deutlich kleinere Einheiten. Doch Hurrikan "Sally" sprengte die Skala. Auf seinem Weg hat der Wirbelsturm für Rekord-Regenfälle gesorgt. Allein in Pensacola (Florida) fielen zwei Fuß Niederschlag, umgerechnet gut 61 Zentimeter.

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Am frühen Mittwochmorgen Ortszeit traf "Sally" mit bis zu 165 Kilometern pro Stunde als Hurrikan der Stufe 2 von 5 nahe der Stadt Gulf Shores in Alabama auf Land. Laut ersten Berichten soll mindestens ein Mensch ums Leben gekommen sein, eine halbe Million Häuser waren ohne Strom, die Schäden werden auf zwei bis drei Milliarden Dollar geschätzt.

Während der Südosten der USA überflutet wird, wütet an der Westküste der größte Waldbrand in der Geschichte Kaliforniens - und er breitet sich aus. Fast nirgendwo sonst auf der Welt war die Luftqualität so schlecht wie dieser Tage in Teilen Kaliforniens; Schulen, Parks, Strände mussten geschlossen werden. Die durch die Feuer entstandenen Rußpartikel ließen selbst den Himmel über Deutschland milchig erscheinen.

Auf der einen Seite Feuer, auf der anderen Wasser - die USA stecken in der Zange von zwei Naturkatastrophen wie sie gegensätzlicher kaum sein könnten, die doch Teil ein und derselben globalen Entwicklung sind: Der Klimawandel schafft oder verschärft die Bedingungen für solche Wetterextreme. Und das Schlimmste könnte den USA noch bevorstehen.

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Die trockenen, warmen, Feuer schürenden Santa-Ana-Winde, auch Teufelswinde genannt, treffen Kalifornien üblicherweise im Spätherbst und Winter. Und die atlantische Hurrikansaison endet erst Ende November. (Die SPIEGEL-Serie zu den Bränden lesen Sie hier.)

Wenn Klimawandel und "La Niña" aufeinandertreffen

Der nächste Sturm kündigt sich bereits an. Laut dem National Hurricane Center (NHC) besteht eine 70-prozentige Chance, dass sich über dem südwestlichen Golf von Mexiko in den kommenden zwei Tagen die nächste Vorstufe eines Hurrikans zusammenbraut. Meteorologen rechnen ohnehin mit einer besonders heftigen Hurrikansaison.

Die Wirbelstürme können nur entstehen, wenn die Oberflächentemperatur des Wassers über 26 Grad liegt - und in diesem Jahr ist das Wasser im nördlichen Atlantik und im Golf von Mexiko überdurchschnittlich warm. Westlich von Florida lagen die Temperaturen um die 30 Grad. Eine Ursache dafür ist die Klimakrise. Große Teile des Atlantiks und der darüberliegenden Luftmassen haben sich stärker aufgeheizt als in den vergangenen Jahrzehnten zu dieser Jahreszeit.

Diese Gemengelage begünstigt nicht nur Wirbelstürme. In warmer Luft kann mehr Wasser verdunsten, es regnet mehr. Gleichzeitig dehnt sich wärmeres Wasser aus, der Meeresspiegel steigt. Meteorologen erwarten im Herbst zudem ein "La Niña"-Ereignis, das die Entstehung von Hurrikans begünstigt.

Für die Einschätzung eines Wirbelsturms sind zwei Geschwindigkeiten entscheidend:

  • Die erste ist die Rotation der Luft, sie erreicht zwischen 119 und 345 Kilometer pro Stunde. Der untere Wert ist die Schwelle, von der an man von einem Hurrikan der Kategorie eins spricht, der obere der bisherige Rekord, aufgestellt 2015 vom Zyklon Patricia vor der Pazifikküste Mexikos. Je höher dieses Tempo, desto größer die Schäden durch die Winde.

  • Die zweite Geschwindigkeit beschreibt die Bewegung des ganzen Sturmsystems, also wie schnell sich ein Hurrikan fortbewegt. Das Tempo liegt meist zwischen zehn und 40 Kilometern pro Stunde. Je niedriger dieser Wert, desto länger regnet es aus dem Sturm heraus auf eine Stelle.

Klimaexperten rechnen damit, dass Hurrikane durch den Klimawandel feuchter werden und sich langsamer fortbewegen - und dadurch gefährlicher werden. So ist die Geschwindigkeit von Stürmen zwischen 1949 und 2019 im Schnitt um zehn Prozent gesunken. Das Phänomen zeigte sich auch bei Hurrikan "Sally". Der Wirbelsturm kroch teilweise nur mit etwa drei Kilometern pro Stunde vorwärts - der durchschnittliche Fußgänger spaziert ähnlich schnell. Zum Vergleich: Hurrikan "Paulette" passierte in dieser Woche die Bermudas mit 40 Kilometern pro Stunde.

Meteorologen rechnen mit Rekord-Hurrikansaison

Gerade die langsame Geschwindigkeit führt zu heftigen Niederschlägen. Einen ganzen Tag lang regnete "Sally" auf Küstengemeinden in Florida, Alabama und Mississippi. Kopfzerbrechen bereitete den Meteorologen auch "Sallys" unbeständiger Schlingerkurs, mehrmals mussten sie Prognosen aktualisieren, welche Regionen besonders betroffen sein werden.

Mittlerweile gilt "Sally" nicht mehr als Hurrikan, sondern als Tropensturm. Grund zur Erleichterung ist das nicht. Auch Hurrikan "Harvey" fiel 2017 bereits in die Kategorie Tropensturm, als er sich Richtung Houston in Texas bewegte. Fünf Tage lang kam er fast komplett zum Stehen, die heftigen Regenfälle brachten Seen zum Überlaufen. Ganze Stadtviertel standen unter Wasser. 93 Menschen kamen ums Leben, die meisten lebten in Gegenden, wo normalerweise nicht mit Hochwasser zu rechnen ist.

Bis November erwarten Meteorologen 24 tropische Wirbelstürme - doppelt so viele wie gewöhnlich. Den Experten könnten sogar die vorher festgelegten Namen für die Wirbelstürme ausgehen. Im Moment stehen nur 21 Namen auf der Liste. (Mehr dazu lesen Sie hier).

"Ich wünschte, die Wissenschaft würde Ihnen zustimmen"

Am Montag waren fünf aktive tropische Wirbelstürme gleichzeitig im Atlantik unterwegs - das hat es seit 50 Jahren nicht gegeben. Es ist erst der zweite Sturmstau dieser Art seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Die Prognosen für diese Saison reichen an das bisherige Rekordjahr 2005 heran. Damals verwüstete Hurrikan "Katrina" New Orleans und den Süden der USA.

Die Naturkatastrophen treffen das Land zum denkbar schlechten Zeitpunkt. Gerade in der Coronakrise ist es fatal, wenn Zehntausende Menschen in Notunterkünften ausharren müssen. Zudem werden die USA von einem Präsidenten regiert, der die Klimakrise anzweifelt.

Donald Trump hatte den Klimawandel mehrfach als einen "Schwindel" oder eine Erfindung Chinas abgetan, was das US-Wissenschaftsmagazins "Scientific American" erstmals in seiner 175-jährigen Geschichte dazu brachte, eine Empfehlung für die anstehenden Präsidentschaftswahlen auszusprechen - gegen Trump.

Erst jüngst versuchte Trump während eines Kurzbesuchs in Kalifornien die Brände herunterzuspielen. "Es wird anfangen, kühler zu werden, schauen Sie einfach zu", versprach der Präsident. Kaliforniens Umweltminister, Wade Crowfoot, entgegnete: "Ich wünschte, die Wissenschaft würde Ihnen zustimmen."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version war zu lesen, der Sturm sei auch über Kalifornien hinweggezogen. Wir haben den Fehler korrigiert.

koe
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