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Langzeittrend

Hurrikane werden langsamer - und wohl gefährlicher

Eine neue Statistik zeigt: Hurrikane und Taifune werden immer langsamer. Warum ist das so? Forscher warnen vor den Folgen.

Von Christopher Schrader

DPA/ NOAA

Hurrikan "Maria" 2017 südöstlich von Puerto Rico

Mittwoch, 06.06.2018   19:29 Uhr

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Alberto ist schon mal vorgeprescht, Beryl, Chris, Debby und Ernesto warten noch auf ihren Einsatz. Die Namen der diesjährigen Tropenstürme und Hurrikane im Nordatlantik stehen seit Langem fest - die Liste wird im Rhythmus von sechs Jahren immer wieder hervorgeholt.

Der einzige Name, der darauf neu ist, lautet Sara. Er ersetzt "Sandy", weil jener Sturm im Jahr 2012 New York und New Jersey traf und große Schäden anrichtete: Kein Opfer von damals soll diesen Namen je wieder in einem Wetterbericht hören.

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Dass Sara erwähnt wird, ist dieses Jahr jedoch wenig wahrscheinlich. Die Ausblicke vom National Weather Service der USA und der Pennsylvania State University sprechen für 2018 von einer durchschnittlichen Hurrikan-Saison mit höchstens 14 bis 16 Wirbelstürmen. Das Wasser am Äquator vor Westafrika ist etwas kühler als 2017, die Tiefdruckgebiete bekommen also voraussichtlich weniger Energie. Erfüllt sich die Vorhersage, dann würde die Namensliste nur bis Patty abgearbeitet.

"Niemals erlebte Stärke"

Trotz dieser mittelmäßigen Prognose warnen etliche Wissenschaftler vor generell immer gefährlicheren Wirbelstürmen. Neue Argumente liefert nun eine statistische Analyse Tausender tropischer Zyklone, die im Nordatlantik Hurrikane und im Nordwestpazifik Taifune genannt werden. Die Stürme bewegten sich immer langsamer, heißt es in einer "Nature"-Studie. Dies könne unter anderem mit heftigeren Überschwemmungen einhergehen.

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Schon seit Jahrzehnten prognostizieren Forscher, dass Hurrikane und Taifune mit dem Klimawandel immer stärker und gefährlicher werden. So erklärten vor wenigen Tagen die amerikanischen Experten Michael Mann, Kerry Emanuel und James Kossin zusammen mit dem deutschen Forscher Stefan Rahmstorf auf dem gemeinsamen Blog realclimate.org: "Wegen der globalen Erwärmung erwarten wir nicht unbedingt mehr tropische Stürme, aber eine zunehmende Zahl in den Kategorien 4 und 5 und besonders Stürme von bisher niemals erlebter Stärke."

Die Vorhersage beruht auf reiner Physik: Wärmeres Wasser gibt Stürmen mehr Energie für heftige Winde, wärmere Luft kann mehr Wasser speichern und abregnen lassen. Bislang gibt es aber keinen klaren Beweis, dass der Klimawandel diesen Einfluss auf die Wirbelstürme ausübt. Es gibt sogar Statistiken, die einen Rückgang der Stürme belegen sollen. Als mögliche Ursache gelten sich verändernde Höhenwinde.

Mehr Regen

Besonders zerstörerisch werden die Zyklone, wenn sie die Luft rund um ihr Auge mit großem Tempo herumwirbeln, so eine hohe Stufe auf der Intensitätsskala erreichen und dann auf Land treffen. Das geschieht zunehmend in Gegenden, wo die Menschen weniger Erfahrung mit Hurrikanen oder ihren Verwandten haben, wo die Häuser und Abwassersysteme nicht darauf ausgelegt sind. Gefährlich ist dann nicht nur der Wind, sondern vor allem der Regen, den solches Extremwetter über einer Region ausschüttet. Dessen Menge kann nach neuesten Erkenntnissen auch dadurch zunehmen, dass der Sturm langsamer wird.

Tropische Zyklone werden nämlich durch zwei Geschwindigkeiten gekennzeichnet:

James Kossin von der US-Behörde für Ozeane und Atmosphäre (NOAA) hat nun diese Zuggeschwindigkeit für Tausende von tropischen Zyklonen zwischen 1949 und 2016 verglichen. Sie ist in dieser Zeit im globalen Mittel um etwa zehn Prozent zurückgegangen, berichtet er im Fachblatt "Nature".

Reservoirs laufen über

Besonders ausgeprägt ist dieser Rückgang, wo die Taifune in Asien auf Land treffen: Hier hat das mittlere Tempo um 30 Prozent abgenommen. Hurrikane, die in der Karibik, in Zentralamerika, Mexiko oder den USA Küstenregionen erreichen, bewegen sich um 20 Prozent langsamer, und bei Stürmen in Australien beträgt der Rückgang 19 Prozent.

"Diese Trends steigern mit ziemlicher Sicherheit bereits die lokalen Regenmengen und begünstigen die Überflutungen, die mit großer Lebensgefahr einhergehen", sagt Kossin. Hinzu kommt, dass die Wolken in erwärmter Luft sowieso mehr Wasser enthalten, das dann in Sturzbächen zu Boden fällt.

Dennoch formuliert der NOAA-Forscher seine Schlussfolgerung vorsichtig, weil es nicht genügend direkte Messungen der Niederschläge gibt, um seine begründete Vermutung zu belegen.

Wie die Faktoren jedoch zusammenwirken können, lässt sich am Hurrikan "Harvey" aus dem Jahr 2017 erkennen. Er bewegte sich nach seinem Landgang in Houston (Texas) fünf Tage lang fast gar nicht mehr, ließ so Seen und Reservoirs überlaufen und setzte viele Stadtviertel unter Wasser. Damals kamen 93 Menschen ums Leben , die meisten lebten in Gegenden, wo normalerweise nicht mit Hochwasser zu rechnen ist.

Stotternder Jetstream

Wie schnell sich ein tropischer Wirbelsturm bewegt, darüber entscheiden meist die vorherrschenden Winde in großer Höhe. Erst vor kurzem hatten zwei Forscher im Fachmagazin "Science" gezeigt, dass dieser Jetstream in jüngster Zeit zu Blockaden neigt, die an Verkehrsstaus erinnern. Eine solche Störung habe 2012 letztlich dazu geführt, den nordwärts ziehenden Hurrikan "Sandy" auf der Höhe von New York an die Küste zu treiben.

Der stockende Höhenwind führt generell - nicht nur bei Wirbelstürmen - dazu, dass Tiefdruckgebiete und andere Wetterphänomene nicht oder langsamer weiterziehen und sich die extremen Folgen an einem Ort oder in einer Region konzentrieren. Beispiele dafür gab es vor Kurzem auch in Deutschland, als sich Gewitter über Orten wie Herrstein in der Pfalz oder Wuppertal ausschütteten und lokale Überschwemmungen auslösten. Der mangelnde Antrieb des Jetstream ist vermutlich auch eine Folge des Klimawandels.

Seit einigen Jahren wissen die Wissenschaftler zudem, dass Zyklone ihre maximale Intensität immer weiter entfernt vom Äquator erreichen. Gut hundert Kilometer pro Jahrzehnt wandere der Punkt mit den heftigsten Winden im globalen Durchschnitt weiter in den Norden oder in den Süden, stellte 2014 ein Team um den NOAA-Wissenschaftler Kossin und Kerry Emanuel vom Massachusetts Institute of Technology fest.

Stärkere und nassere Tropenstürme?

Dass ein Hurrikan Manhattan oder gar Boston trifft und ein weiterer wie im vergangenen Jahr vor Portugal auftaucht (wo er allerdings diesmal abdrehte), wird damit immer wahrscheinlicher. Auf solche Stürme sind die Menschen dort mangels historischer Erfahrung kaum vorbereitet.

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Diese Verlagerung macht Kossin dafür verantwortlich, dass sich bei der Intensität der Stürme, also der Geschwindigkeit der herumgewirbelten Luft, bisher kein klarer Trend zeigt. Weder er noch seine Kollegen zweifeln jedoch daran, dass der Rekord von 345 Kilometer pro Stunde bald gebrochen wird.

An der Zahl der stärksten Stürme könne man den Trend schon erkennen: es gebe gegenüber 1980 doppelt so viele Zyklone mit Winden von mehr als 200 km/h und dreimal so viele, die 250 km/h übertreffen. "Die Gesamtschau der Beweise deutet darauf hin, dass sich die 30 Jahre alte Vorhersage von stärkeren und nasseren Tropenstürmen bewahrheitet. Es ist ein Risiko, das wir nicht mehr ignorieren können", schreibt das Forscher-Quartett im realclimate-Artikel.

Michael Mann von der Pennsylvania State University fordert zudem gegenüber "Inside Climate News", die bisherige fünfteilige Skala der Hurrikan-Kategorien um eine sechste Stufe zu erweitern, um Betroffene besser zu informieren und zu warnen.

Das wäre ein starkes Signal, ist aber in den USA angesichts der herrschenden Regierung kaum durchzusetzen. Ihre Vertreter erklären schließlich eine Diskussion über Waffengesetze nach Schießereien in Schulen genauso für unpassend wie eine Debatte über die Klimakrise nach Überschwemmungen. Mann aber ist sicher: "In mancherlei Hinsicht ist der gefährliche Klimawandel keine Entwicklung der fernen Zukunft mehr, die wir noch abwenden können. Er ist angekommen."

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