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15. November 2010, 11:29 Uhr

Illegale Jagd

Nashörner werden zum Überleben verstümmelt

Nashörner sind akut vom Aussterben bedroht, weil ihre Hörner auf dem Schwarzmarkt enorme Preise erzielen. Artenschützer greifen jetzt zu drastischen Maßnahmen, um die Giganten zu schützen: Sie sägen ihnen den begehrten Körperteil ab.

Die kreischende Kettensäge schneidet durch das Horn des zusammengesunkenen Dickhäuters und wirbelt kleine Splitter in die flirrende Hitze. Nur Sekunden dauert es, bis die Rhinozeros-Kuh ihr stolzes Horn verloren hat. Wenige Minuten später springt sie auf und flüchtet - verstümmelt, doch immerhin am Leben. Denn es waren nicht Wilderer, die das Tier vom Hubschrauber aus mit einem Pfeil betäubten und danach seines Horns beraubten, sondern Tierärzte von der Umweltstiftung Lowveld Rhino Trust.

Mit solch drastischen Maßnahmen versucht Simbabwe, die vom Aussterben bedrohten Tiere vor dem illegalen Abschuss zu schützen. Denn ohne das wertvolle Horn sind die Rhinozerosse für Wilderer uninteressant. Im vergangenen Jahr erreichte die Nashorn-Wilderei in Afrika nach Angaben der International Rhino Foundation einen absoluten Höchststand. In Simbabwe wird der Bestand der Rhinozerosse auf nur noch 700 geschätzt, etwa 400 davon sind vom Aussterben bedrohte Spitzmaulnashörner und 300 weniger gefährdete Breitmaulnashörner. In den frühen achtziger Jahren lebten in dem südostafrikanischen Land noch bis zu 3000 der massigen Dickhäuter.

"2006 und 2007 bemerkten wir den steilen Anstieg illegaler Jagd", sagt Joseph Okari, Nashorn-Experte bei der Umweltorganisation WWF. Es gebe Verbindungen zu der aus Südafrika gesteuerten bandenmäßigen Wilderei. "Das ist der große Unterschied zwischen der Wilderei heute und der in den achtziger und frühen neunziger Jahren", sagt Okari. "Damals war sie nicht so straff organisiert und koordiniert wie heute."

14.000 Euro für ein Kilo Horn

Auch Raoul du Toit vom Lowveld Rhino Trust im wasserarmen Südosten von Simbabwe bestätigt: "Die Wilderer schießen, wenn sie ein Nashorn sehen. Sie operieren in sehr aggressiven Einheiten." Den zur Strecke gebrachten Tieren hacken sie das Horn ab, das auf dem asiatischen Medizinmarkt enorme Preise erzielt. Nach offiziellen Schätzungen werden für ein Kilo des aus Keratin bestehenden Horns mehr als 14.000 Euro bezahlt. In Asien gilt das Horn nicht nur als Schmuck, sondern als Wundermittel bei der Behandlung von Kopfweh, vor allem aber als Aphrodisiakum.

Derartiger Aberglaube bedroht auch viele andere Tierarten, wie etwa Elefanten oder den Amur-Tiger. Die Asservatenkammern der Behörden sind voll von beschlagnahmtem Schmuggelgut. Die Regierung von Simbabwe lagert inzwischen fünf Tonnen Horn in der Hauptstadt Harare.

Das Enthornen schützt die Tiere jedoch nur, bis das Horn nachgewachsen ist. Zudem ist die für die Rhinozerosse schmerzlose Prozedur teuer, zeitaufwendig und riskant: Die mächtigen Tiere müssen während des Absägens mit Sauerstoff und kühlendem Wasser versorgt werden und können unberechenbar reagieren.

"Die Hörner abzusägen reicht nicht, man muss dies mit weiteren Strategien verbinden", sagt Geoffreys Matipano, nationaler Koordinator zum Schutz der Nashörner. So werden den Tieren teilweise Mikrochips oder Sender eingepflanzt, um sie immer orten zu können. Vielerorts laufen schwerbewaffnete Ranger-Trupps Streife. Manchmal werden die Wilderer-Banden sogar mit Spionen unterwandert.

Anti-Wilderer-Einheiten liefern sich teils heftige Kämpfe mit den Wilderern. "Die Banden senden Spähtrupps aus, wenn sie auf Nashorn-Jagd sind, und sie eröffnen ohne Zögern das Feuer", sagt du Toit. "Es gab viele Schießereien, einige Wilderer kamen ums Leben." Seit gegen die Wilddiebe kompromisslos gekämpft wird, finden sich in der Region Lowveld wieder mehr junge Rhinozerosse und weniger tote Tiere. "Wenn es so weitergeht, könnte der Bestand wieder steigen", heißt es beim Lowveld Rhino Trust. Allerdings hat sich die illegale Jagd nur verlagert: Im benachbarten Südafrika stieg die Zahl getöteter Nashörner nach Angaben von Artenschützern von 122 im vergangenen Jahr auf bereits mehr als 210 in diesem Jahr.

Von Justine Gerardy, AFP

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