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04. Mai 2009, 16:33 Uhr

Impfstoff gegen Schweinegrippe

Roulettespiel mit dem Seuchenvirus

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Forscher arbeiten an einem Impfstoff gegen das Schweinegrippe-Virus - fürchten aber, dass H1N1 mutiert. Kann ein jetzt entwickeltes Serum überhaupt vor einer veränderten Version des Erregers schützen?

Die einen beschwichtigen, die anderen warnen - die Bürger sind verunsichert. Während deutsche Forscher schon in der vergangenen Woche erste Zweifel an der Gefährlichkeit der Schweinegrippe hegten, zeigt sich die Weltgesundheitsorganisation (WHO) an diesem Montag immer noch besorgt. "Wir hoffen zwar, dass das Virus sich totläuft", sagte WHO-Chefin Margaret Chan. Doch könne eine zweite Schweinegrippe-Welle jederzeit "mit aller Macht" zuschlagen. Und wenn das geschehe, "steht uns ein großer Ausbruch bevor".

Medizinisch-Technische Assistentin am Institut für Virologie in Marburg: Schützt ein Impfstoff auch vor mutierten Viren?
DDP

Medizinisch-Technische Assistentin am Institut für Virologie in Marburg: Schützt ein Impfstoff auch vor mutierten Viren?

Während Chan die Welt schon darauf vorbereitet, demnächst die höchste Alarmstufe 6 auszurufen, wetteifern gleich mehrere Pharmakonzerne um die Entwicklung eines Impfstoffes. Doch bis die Seren in Hausarztpraxen ankommen, wird es Monate dauern.

Die größte Sorge der Experten dabei: Das Virus A/H1N1 kann mutieren. Für den Chef des Robert-Koch-Instituts in Berlin, Jörg Hacker, ist die starke Wandelbarkeit des Erbguts des Erregers eine der größten Sorgen.

Wird ein Impfstoff, den Forscher jetzt eilig gegen den derzeit kursierenden Erreger entwickeln, auch gegen eine mutierte Version schützen? Sicher ist das nicht. Denn der Erreger kann sich zum einen durch sogenannte Punktmutationen verändern. Zum anderen kann er sein Erbgut mit dem anderer Viren mischen.

Ersterer Fall passiert jedes Jahr bei der saisonalen Influenza und bereitet Wissenschaftlern normalerweise kein Kopfzerbrechen. Sie sprechen von der genetischen Drift: Meist kommt es zu kleinen, statistisch im Virus verteilten Mutationen. "Mitunter führen sie sogar dazu, dass sich das Virus so verändert, dass es nicht überleben kann", sagt Stephan Becker, Direktor des Instituts für Virologie an der Marburger Philipps-Universität. Diese selbstlimitierende Variante ist zumindest ein Szenario, wie auch der Erreger der Schweinegrippe zum Erliegen kommen könnte.

Für die Wirksamkeit eines zukünftigen Impfstoffes spielt diese Wandlungsfähigkeit der Viren nur bedingt eine Rolle. Bei der saisonalen Grippe stellen die Pharmafirmen einfach jedes Jahr ein Serum her, das auf den Erbinformationen der Erreger der vergangenen Saison basiert - und obwohl die Viren mutieren, bieten die Antikörper-Seren Schutz.

"Meist liegen die Mutationen nicht in den Bereichen des Virus, die es für die Antikörper erkennbar machen", sagt Becker SPIEGEL ONLINE. Ausgeschlossen sei zwar nicht, dass sich auch die Erkennungsstrukturen verändern - der Virologe hält das aber für sehr unwahrscheinlich: "Je näher wir an der Genomsequenz des derzeitigen Erregers dran sind, umso größer ist vermutlich die Wirksamkeit einer Impfung."

Weiterreichende Folgen hätte das andere Szenario - der sogenannte Antigenshift. Würde der H1N1-Erreger sein Erbgut mit dem Genom des Vogelgrippevirus H5N1 mischen, könnte ein "virologisches Armageddon" entstehen, wie es der britische Virologe John Oxford im SPIEGEL nennt.

H5N1 ist hochpathogen und hat von 421 nachgewiesen infizierten Menschen 257 getötet. Experte Becker hält diesem Schreckensszenario jedoch entgegen, dass sich H5N1 "im Gegensatz zu H1N1 nicht einfach von Mensch zu Mensch überträgt".

Der H1N1-Erreger besteht aus verschiedenen Komponenten. Die Gensequenzen stammen sowohl von Viren aus Schweinen, aus Vögeln und aus Menschen. In welchem der drei Wirte der Erreger genau seinen Ursprung gefunden hat, ist derzeit noch unklar. Zunächst war vermutet worden, dass er aus Schweinebeständen in Mexiko stammte, doch dieser Verdacht wurde bislang nicht bestätigt. Am Sonntag wurden in Kanada erstmals Infektionen von Schweinen gemeldet, die sich vermutlich bei Menschen angesteckt hatten. Das Schwein gilt als ideales Reservoir für die Erreger und wird daher sogar als Bioreaktor bezeichnet.

Würde sich bei einer Mischung von Vogel- und Schweinegrippe eher die H5- oder H1-Variante durchsetzen? Davon hinge ab, ob ein jetzt entwickelter Impfstoff noch wirksam wäre. Gegen ein Super-Virus in H5-Form wäre die Immunisierung vermutlich unbrauchbar. In der H1-Variante könnte sogar der Impfstoff, der jetzt entwickelt wird, noch wirksam sein. Was wahrscheinlicher ist, darüber will kein Experte spekulieren.

Immerhin, bei der Entwicklung eines Impfstoffs vermeldet Hacker vom Robert-Koch-Institut Berlin einen ersten Erfolg. In Berlin und Marburg seien schon erste sogenannte Isolate des Virus im Labor angezüchtet worden, sagte er am Montag in Berlin - eine Grundlage für die Suche nach einem Impfstoff. "In den ersten Tagen ging es uns hauptsächlich darum, einen diagnostischen Test aufzubauen und zu vervollkommnen." Mit der Charakterisierung des Virus komme man jetzt einen wichtigen Schritt weiter. "Das ist wissenschaftlich eine neue Qualität", sagte Hacker. Ähnliche Arbeiten liefen international in vielen anderen Labors. Dies bedeute, dass man demnächst "prognostisch Richtung Impfstoff" gehen könne.

Mit Material von AP

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