Feuer, Dürre, Gletscherschmelze Was die extreme Hitzewelle in Indien und Pakistan anrichtet

Temperaturen bis zu 50 Grad machen mehr als einer Milliarde Menschen in Indien und Pakistan das Leben schwer. Auch für die Natur ist die Extremhitze eine Belastungsprobe. Fruchtbares Land droht zu einer Dust Bowl zu verkommen.
Getreideernte in Jammu, in der von Indien kontrollierten Kaschmir-Region

Getreideernte in Jammu, in der von Indien kontrollierten Kaschmir-Region

Foto: Nitin Kanotra / Xinhua / IMAGO

40 Grad Celsius Höchsttemperatur, das zählt jetzt in Delhi schon als Abkühlung. »Die Hitzewelle ist hier und in den meisten Teilen Indiens vorbei«, erklärt Rajendra Kumar Jenamami, der Chefmeteorologe des indischen Wetterdiensts IMD. Endlich sei eine aktive Sturmfront aus der Mittelmeerregion da, die Wolken und örtlich auch Regen bringe. In den kommenden sechs bis sieben Tagen werde die Temperatur kaum noch steigen.

Hitzewelle vorbei? Irgendwann muss man ja das Ende einer Welle ausrufen, für einen Dauerzustand ist das Wort nicht gedacht. Viel zu heiß ist es in großen Teilen Indiens und Pakistans schon seit Mitte März, die saisonüblichen Kaltfronten aus dem Westen ließen auf sich warten. So war der April der heißeste seit Beginn der Wetterstatistik vor mehr als 120 Jahren im Nordwesten und der Mitte Indiens, ebenso wie zuvor schon der März. Am 1. Mai wurden historische Höchstwerte gemessen, bis zu 49,5 Grad im pakistanischen Nawabshah. Soweit die Werte der Lufttemperatur im Schatten – der Boden wurde von der gleißenden Sonne laut Daten des EU-Erdbeobachtungssatelliten Copernicus teils auf mehr als 60 Grad erhitzt.

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Die Feuerwehr von Delhi schaffte es sechs Tage lang nicht, ein riesiges Feuer auf der Mülldeponie Bhalswa zu löschen. Doch auch abseits der Städte ist das Land in Brand geraten. Ende April zählte die staatliche Forstaufsicht mehr als 300 große Waldbrände zugleich, die meisten davon im Himalaja-Staat Uttarakhand, wo derartige Hitze und Trockenheit besonders ungewöhnlich sind.

Großbrände in Schutzgebieten

Die Böden seien extrem trocken, sagte der Klimaforscher Vimal Mishra vom Indian Institute of Technology der »Times of India« . »Unabhängig davon, ob ein Feuer letztlich natürliche oder menschengemachte Ursachen hat«, die Ursache liege in der Hitzewelle. »Trockene Biomasse wie Laub oder Holz in den Wäldern liefert in solchen trockenen und heißen Phasen reichlich Brennstoff.«

Gebrannt habe es in diesen tropischen Trockenwäldern auch früher immer wieder, sagte R. Siddappa Setty vom Umweltforschungsinstitut Atree in Bengaluru der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu . Doch das seien meist kleinere Feuer am Boden gewesen. Nun gerieten sie oft zu großen Bränden, die auch die Baumkronen entfachten. »Diese Waldbrände töten Setzlinge, und zu einem gewissen Maße auch erwachsene Bäume«, so Setty. »Auch die Fauna ist betroffen, weil manche Arten wie Reptilien, vor allem Schlangen, einem solchen Feuer nicht entkommen können«, warnte er. Einige der jüngsten Großbrände wurden aus Schutzgebieten für Tiger oder Löwen gemeldet.

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Das benötigte Wasser, um solche Brände zu löschen, fehle schon an anderer Stelle, meint Sunita Narain, Leiterin des Centre for Science and Environment  in Delhi. Durch die Hitze seien die meist oberirdischen Speicher schon zu einem großen Teil verdunstet – soweit es überhaupt welche gebe. Die Landwirtschaft auf dem Subkontinent verlasse sich bislang immer noch zum größten Teil auf Regen. Nun aber seien die Böden derart vertrocknet, dass große Flächen kaum noch zum Feldbau taugten. Mancherorts drohe eine »Dust Bowl« aus Staub, den nichts mehr hält.

Bereits die plötzliche Hitze im März traf die Landwirtschaft hart. Die extremen Temperaturen konzentrieren sich ausgerechnet auf die Ebenen von Indus und Ganges, die Kornkammern von Pakistan und Indien. Während der wichtigen Wachstumsphase, in der die Getreidepflanzen ihr Korn ausbilden, verkümmerten sie.

Ernteeinbußen bis zu 60 Prozent

Manche Landwirte in den wichtigsten Weizenanbaugebieten wie dem Punjab im indisch-pakistanischen Grenzgebiet beklagten laut dem Centre for Science and Environment Ernteeinbußen von 20 bis 60 Prozent. Die Angaben über die landesweiten Verluste gehen weit auseinander, aber klar scheint eines: Das von Indiens Premier Narendra Modi angesichts des Ukrainekriegs und der von dort fehlenden Weizenlieferungen abgegebene Versprechen, »Wir ernähren die Welt«, ist kaum zu halten.

Aus Pakistan berichtet der »Guardian« , die Obstplantagen seien früher erblüht als üblich, hätten dann aber praktisch keine Früchte gebracht. Von einer »existenziellen Krise« sprach gegenüber der britischen Zeitung die pakistanische Klimaministerin Sherry Rehman. »Unsere großen Stauseen sind jetzt schon auf fast leer, Wasserquellen werden rar«. Die Gletscher im Himalaja gebe es zwar noch, doch die schmölzen gerade in Rekordtempo. Das könnte auch zum gegenteiligen Effekt führen: zu viel Wasser auf einmal. Rehman warnte vor plötzlichen Sturzfluten, wenn Gletscher kollabieren.

Sehr viel Wasser auf einmal dürfte auch das Ende der Extremhitze bringen: wenn der Monsunregen kommt. Üblicherweise beginnt die Saison Ende Mai oder Anfang Juni. Doch auf den normalen Wechsel der Jahreszeiten scheint in Südasien derzeit wenig Verlass zu sein.

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