Indischer Ozean Geologen prophezeien Erdbeben und Tsunamis

Eine neue Untersuchung der Erdbeben in Chile während der letzten 400 Jahre liefert eine besorgniserregende Erkenntnis: Geologen sind nach der Analyse der Daten davon überzeugt, dass es im Indischen Ozean schon bald wieder schwere Erdstöße geben wird. Der Region drohen erneut Tsunamis.

Von


Chile 30. Mai 1960: Acht Tage nach dem Mammutbeben sitzt ein Mann in der Stadt Castro vor Häusertrümmern
AP

Chile 30. Mai 1960: Acht Tage nach dem Mammutbeben sitzt ein Mann in der Stadt Castro vor Häusertrümmern

Es war eines der gigantischsten Naturereignisse der Geschichte: Am 22. Mai 1960 ging in Chile die Welt unter. Bei dem stärksten je gemessenen Erdbeben senkte sich das Land um mehrere Meter, und viele Dörfer und Häfen gingen im Pazifik unter. Zwei Millionen Menschen wurden obdachlos. Das Beben der Stärke 9,5 schickte riesige Tsunamis an die Westküsten Südamerikas. Noch im 12.000 Kilometer entfernten Japan, auf Hawaii und auf den Philippinen rissen die Wellen Tausende Menschen in den Tod.

Das Seebeben erstaunt die Wissenschaftler bis heute, denn gemäß ihrer Theorien hätte es gar nicht stattfinden dürfen. Forscher um Marco Cisternas von der Universität Valparaiso in Chile klären den Widerspruch in der heutigen Ausgabe des Fachblattes "Nature" auf (Band 437, Seite 404, 2005). Die Studie zeigt: Insbesondere im Indischen Ozean muss derzeit mit schweren Tsunami-Beben gerechnet werden.

Das Chile-Beben von 1960 rüttelte an den Grundfesten der Geologie - der Plattentektonik. Der Theorie zufolge besteht die Erdoberfläche aus einem Mosaik von Gesteinsplatten. Die Platten rutschen, von heißem, zähflüssigem Gestein im Erdinnern geschoben, wenige Zentimeter pro Jahr voran. Verhaken sich zwei ineinander, staut sich Energie. Bei einem Druck von etwa 30 Bar bricht schlagartig das Gestein, und es wird wie bei einem reißenden Gummiband Energie frei. Ebenso gilt: Je länger eine Plattengrenze von einem Beben verschont bleibt, desto mehr Spannung baut sich auf.

Zwei schwere Beben zu viel

Entlang der Küste Chiles erstreckt sich eine besonders gefährliche Erdplattengrenze: Dort schiebt sich die Nazca-Platte mit acht Zentimetern im Jahr unter die Südamerikanische Platte, wobei es immer wieder zu schweren Erschütterungen kommt. So soll es in Chile Berichten zufolge in den Jahren 1575, 1737 und 1837 schwere Erdbeben und Tsunamis gegeben haben.

Chilenische Stadt Valdivia nach dem Beben: Ist Spannungstheorie falsch?
AP

Chilenische Stadt Valdivia nach dem Beben: Ist Spannungstheorie falsch?

Und hier liegt das Problem: Erdstöße der Stärke 9,5 können nach derzeitigem Wissensstand nur etwa alle 400 Jahre auftreten, weil sich nur in einem solch langen Zeitraum entsprechend hohe Spannungen aufbauen. Vier schwere Beben von 1575 bis 1960 wären demnach zwei zu viel. Ist die Spannungstheorie etwa falsch? Dann wären alle Erdbeben-Gefährdungskarten obsolet.

Um diese wichtige Frage zu klären, machten sich Cisternas und Kollegen an eine detektivische Kleinarbeit: Sie studierten die Erdbeben-Geschichte in der Region. Die Forscher untersuchten küstennahe Ablagerungen der vergangenen 2000 Jahre in Chile. Historische Starkbeben sind gut zu identifizieren, denn sie hinterlassen eindeutige Spuren im Boden: Sie versetzen Erdschichten um mehrere Meter. Die Datierung von Pflanzenresten in den Sedimenten gab Aufschluss über das Alter der Schichten.

Für das Jahr 1575 fanden die Forscher vielerorts stark abgesunkenen Boden. Sie bestätigten damit Berichte spanischer Siedler in Chile, die in dem Jahr ein außergewöhnlich heftiges Beben und schwere Tsunamis registriert hatten.

Auch für die Jahre 1737 und 1837 gibt es ähnliche Aufzeichnungen. Überraschenderweise fanden Cisternas und Kollegen in den Ablagerungen aber keine entsprechenden Spuren. Es waren folglich relativ schwache Beben, schließen die Forscher. Ein im Jahre 1837 auf Hawaii eingelaufener Tsunami sei entgegen bisheriger Annahme nicht von dem Erdbeben in Chile ausgelöst worden.

Gefahrenzone Indischer Ozean: Schweres Seebeben wahrscheinlich
USGS

Gefahrenzone Indischer Ozean: Schweres Seebeben wahrscheinlich

Auch das Beben von 1737 habe nur regional Zerstörungen angerichtet. Beide Beben hätten die Spannung in der Erdkruste also nur wenig abgeschwächt, schreiben die Geologen. Es sollte knapp vier Jahrhunderte dauern, bis das Gestein endgültig nachgab: Am 22. Mai 1960 brach die Erdkruste vor der Küste Chiles auf einer Länge von 1000 Kilometern. Das Rekordbeben ereignete sich also doch im Einklang mit der Spannungstheorie.

Das ist eine gute Nachricht für die Wissenschaft, eine schlechte jedoch für die Anrainer des Indischen Ozeans. Denn der Spannungstheorie zufolge hat sich an den dortigen Küsten die Erdbebengefahr und damit die Bedrohung durch Tsunamis in letzter Zeit beträchtlich erhöht. Schuld ist paradoxerweise das Tsunami-Beben vom zweiten Weihnachtstag.

Zwar wurde entlang der 1300 Kilometer langen Bruchzone, die das Beben auslöste, die Spannung deutlich abgebaut. In diesem Gebiet seien für 400 Jahre keine tsunamogenen Beben mehr zu erwarten, berichteten Wissenschaftler um Sidao Ni vom Caltech kürzlich in "Nature".

Mehrere Beben Schlag auf Schlag

Doch bei einem Erdbeben wird gemäß der jetzt bestätigten Lehrmeinung nicht nur Spannung abgebaut, sondern auch ans Ende des Gesteinsrisses verschoben. So ereignete sich das schwere März-Beben vor der indonesischen Insel Sumatra am Ende jenes Bruches, der beim Tsunami-Beben am zweiten Weihnachtstag entstanden war.

Das Beben von Weihnachten hatte dort die Spannung im Gestein um vier Bar erhöht, hatten Seismologen um John McCloskey und sein Kollege Suleyman Nalbant von der Universität Ulster zuvor gewarnt. Die Rechnungen der Forscher beruhen auf Satellitendaten von Erdplattenbewegungen.

Tsunami-Frühwarnsystem: Bewährungsprobe könnte bevorstehen
SPIEGEL ONLINE

Tsunami-Frühwarnsystem: Bewährungsprobe könnte bevorstehen

Das März-Beben erhöhte nun offenbar seinerseits den Druck vor der Küste Sumatras um zwei Bar, wie Forscher um McCloskey und Nalbant im Juni in "Nature" berichteten. Die nächste Tsunami-Katastrophe sei damit deutlich näher gerückt.

Das meint auch der Seismologe Wolodya Kossobokow von der Russischen Akademie der Wissenschaften. Kossobokow erinnert daran, dass das Erdbeben von Chile 1960 zusammen mit anderen Rekordbeben "Schlag auf Schlag" binnen weniger Jahre auftrat: Die Beben ereigneten sich in kurzen Abständen von 1952 bis 1965 an den Pazifikküsten. Die Möglichkeit, dass die Häufung Zufall ist, beträgt weniger als ein Prozent, hat der Forscher errechnet. Auch das Tsunami-Beben von Weihnachten und das März-Beben vor Sumatra gehören zu den stärksten je gemessenen Erdstößen. Weitere schwere Tsunami-Beben im Indischen Ozean seien mithin in den nächsten Jahren zu erwarten.

Doch vielleicht erhält die Region eine Schonfrist und es gelingt deutschen Geowissenschaftlern rechtzeitig ein Tsunami-Warnsystem zu installieren - die ersten Messbojen des Systems sollen im Oktober im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung vom Forschungsschiff "Sonne" aus vor Sumatra installiert werden. Die Pazifik-Anrainer verfügen bereits über ein Tsunami-Warnsystem - es wurde eingerichtet kurz nach dem verheerenden Seebeben von Chile 1960.



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.