Huuuuup So schief singen madagassische Primaten

"Du kommst hier nicht rein": Um ihr Revier zu markieren, singen Lemuren aus Madagaskar im Chor. Ihre Lieder klingen etwas schief - doch hören Sie selbst.

Giovanna Bonadonna/ University of Turin/ EurekAlert

Hauptsache auffallen. Das denkt sich nicht nur der eine oder andere Casting-Kandidat. Auch Indris, eine seltene Primatenart aus Madagaskar, singen laut und leidenschaftlich. Mehrere Tiere wechseln sich dabei im Chor mit sirenenartigem Heulen ab. Das berichten Forscher im Fachmagazin "Frontiers in Neuroscience". Oberstes Ziel der Primaten ist demnach, von Rivalen gehört zu werden.

Indris sind die größten noch lebenden Lemuren und eine von wenigen Primatenarten, die überhaupt singen. Sie leben ausschließlich im östlichen Regenwald von Madagaskar, der durch illegale Abholzung bedroht ist. Die Gruppen bestehen in der Regel aus einem dominanten Weibchen, dessen Partner und den eigenen Jungtieren. Außerdem ergänzen mehrere rangniedrigere Halbstarke die Gruppe.

Gesang am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen

Jeden Morgen singen die Gruppen, um ihr Revier abzugrenzen. Die Rufe sind bis zu zwei Kilometer weit zu hören. Forscher um Marco Gamba von der Universität Turin haben in ihrer Studie 496 Indri-Gesänge aufgezeichnet und auf Timing, Rhythmus und Tonhöhe untersucht.

Demnach koordinieren die Gruppenmitglieder ihren Gesang genau. Sobald ein Indri anfängt zu trällern, stimmen die anderen Gruppenmitglieder ein. Allerdings nicht irgendwie: Die meisten Chormitglieder passen sich dem Rhythmus und der Tonlage des Startsängers an. Nur Jungtiere unter zwei Jahren bleiben stumm.

Indri in einem Baum: Die Lemuren werden bis zu 90 Zentimeter groß
Giovanna Bonadonna/ University of Turin/ EurekAlert

Indri in einem Baum: Die Lemuren werden bis zu 90 Zentimeter groß

"Indris starten ihren Gesang mit einem Brüllen, das wahrscheinlich dazu dient, die Aufmerksamkeit der anderen Sänger zu bekommen", sagt Gamba. Darauf folgen aufeinander abgestimmte Töne, die oft zu Phrasen zusammengesetzt sind. Im Gesangsteil ist laut der Auswertung der Forscher zunächst ein hoher Ton zu hören, die Frequenz der darauffolgenden nimmt schrittweise ab.

Junge Sänger quietschen dazwischen

"Synchronisiertes Singen ist lauter und deshalb gut geeignet, um das Territorium zu schützen", erklärt Giovanna Bonadonna, die bei Gamba promoviert. "Es wird aber auch als Möglichkeit gesehen, um Artgenossen über die Paarbindung in der Gruppe und die Anwesenheit potenzieller Partner zu informieren."

So passen sich halbstarke, niederrangige Indris dem Gesang des dominanten Paares oft nicht an, sondern singen sogar gezielt dazwischen. Die Forscher vermuten, dass die Teenager mit dieser Taktik ihren Beitrag zum Lied hervorheben wollen. "Synchroner Gesang bietet dem Sänger keine Möglichkeit, seine Individualität zu bewerben. Daher ergibt es Sinn, dass die jungen Indris antiphonisch singen", so Bonadonna. Auf diese Weise könnten sie auch um einen Partner werben.

Als Nächstes wollen die Forscher, darunter auch Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, untersuchen, ob man einzelne Indris am Gesang erkennen kann. Das könnte auch Hinweise auf die Evolution der Sprache liefern. Die aktuelle Studie ist Teil einer Langzeituntersuchung von Indris in zwei Regionen im Osten Madagaskars.

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jme

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