Neue Metastudie In 30 Jahren ist die Zahl der Insekten an Land um ein Viertel gesunken

In einer neuen Untersuchung haben Forscher die Lage der Insekten weltweit analysiert. Während ihre Bestände insgesamt weiter sinken, nimmt ihre Zahl in einigen Ökosystemen sogar zu.
Landlebende Insekten wie Schmetterlinge gingen im globalen Durchschnitt um 0,92 Prozent pro Jahr zurück

Landlebende Insekten wie Schmetterlinge gingen im globalen Durchschnitt um 0,92 Prozent pro Jahr zurück

Foto: Gabriele Rada

Weltweit wird seit Jahren ein dramatisches Insektensterben befürchtet, mit immensen Auswirkungen für unsere Ökosysteme. Eine Analyse von Langzeitstudien verschiedener Länder bestätigt, dass die Anzahl und Biomasse landlebender Insekten tatsächlich zurückgeht. Bei Süßwasserinsekten zeigt sich dagegen ein positiver Trend, berichten Forscher um Roel van Klink vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) im Fachblatt "Science" .

Insekten sind die artenreichste Tierklasse unseres Planeten: Bislang wurden fast eine Million unterschiedliche Spezies beschrieben, die als Pflanzenbestäuber, Schädlingsbekämpfer oder Futter für andere Tiere das Fundament eines gesunden Ökosystems bilden. Umso größere Beachtung fanden in den vergangenen Jahren Studien, die einen besorgniserregenden Insektenrückgang verzeichneten.

Eine Untersuchung aus Naturschutzgebieten bei Krefeld in Nordrhein-Westfalen kam zu dem Schluss, dass die Gesamtmasse an Fluginsekten in Teilen Deutschlands von 1989 bis 2016 um mehr als 75 Prozent abnahm. Auch andere Studien belegten starke Rückgänge, einige weniger starke und manche sogar leichte Zunahmen. Das Problem bei all diesen Daten: Die Welt der Insekten gilt im Vergleich zu anderen Tiergruppen als noch recht wenig erforscht, und regionale Analysen liefern kein vollständiges Bild. Daher sind die Ergebnisse der Studien immer mit Unsicherheiten behaftet.

Halbierung der Landinsekten binnen weniger Jahrzehnte

Wissenschaftler des iDiv Halle-Jena-Leipzig, eines Konsortiums aus elf Universitäten und Forschungsinstituten, haben nun versucht, die Datenlücken zu schließen, indem sie das vorhandene Wissen über die Insektenpopulationen weltweit zusammengetragen haben. Sie werteten Informationen zur Anzahl und Biomasse von Insekten aus 166 Langzeitstudien von weltweit 1676 Orten aus, die zwischen 1925 und 2018 erfasst worden waren.

Die Analyse zeigt große Unterschiede in den lokalen Trends - selbst zwischen nahe gelegenen Orten. Insgesamt ging die Zahl der landlebenden Insekten laut den Forschern im globalen Durchschnitt um 0,92 Prozent pro Jahr zurück. "0,92 Prozent klingt vielleicht nicht nach viel, aber es bedeutet 24 Prozent weniger Insekten über 30 Jahre und sogar eine Halbierung über 75 Jahre. Zu der Insektengruppe gehörten etwa Schmetterlinge, Heuschrecken oder Ameisen."

Foto: Van Klink et al./ Science 2020

Der Rückzug der Insekten finde leise statt und werde innerhalb nur eines Jahres nicht bemerkt: "Es ist, wie wenn man an den Ort zurückkehrt, an dem man aufgewachsen ist. Nur wenn man jahrelang nicht dort war, bemerkt man, wie viel sich tatsächlich verändert hat."

Europa und USA besonders betroffen

Im Vergleich habe sich die Zahl der landlebenden Insekten in Teilen der USA sowie in Europa und hier speziell in Deutschland am stärksten reduziert. Allerdings stammten die meisten der erfassten Arbeiten auch aus diesen Regionen, so die Autoren. Demnach ist es denkbar, dass es anderen Regionen ähnlich ergangen ist, dies aber nicht erfasst wurde.

Die Untersuchung bestätigt auch den Eindruck vieler Autofahrer, dass weniger Insekten an ihren Frontscheiben klebten als noch vor einigen Jahren. Die Forscher weisen aber auch darauf hin, dass die Beobachtung keine Rückschlüsse auf den Zustand der Insektenbevölkerung insgesamt erlaubt.

"Einige Insekten fliegen - das sind dann die, die von Windschutzscheiben und Kühlergrills erschlagen werden. Wir konnten zeigen, dass fliegende Insekten im Schnitt tatsächlich weniger geworden sind", sagt Ökologe Jonathan Chase. Allerdings: "Die meisten Insekten leben im Verborgenen - im Boden, in Baumwipfeln oder im Wasser." Sie sind nie auf einer Windschutzscheibe zu sehen - und schwinden teils dennoch.

Die Forscher stellten fest, dass sowohl in Bodennähe als auch in der Luft weniger Insekten lebten als früher. Lediglich die Menge der Insekten in Bäumen sei im Schnitt unverändert geblieben.

Deutlich mehr Süßwasserinsekten

Es gibt aber auch gute Nachrichten: So sei die Zahl der Insekten, die ihr Leben zeitweise im Wasser verbringen, jährlich durchschnittlich um 1,08 Prozent gestiegen. Das entspricht einem Zuwachs von 38 Prozent über einen Zeitraum von 30 Jahren. Zu der Gruppe der Süßwasserinsekten gehören etwa Libellen, Wasserläufer oder Köcherfliegen.

Foto: Van Klink et al./ Science 2020

"Die Zahlen zeigen, dass wir die negativen Trends umkehren können", erklärt Chase. In den vergangenen 50 Jahren sei weltweit viel getan worden, um verschmutze Flüsse und Seen wieder zu säubern: "Dadurch haben sich möglicherweise viele Populationen von Süßwasserinsekten erholt. Das stimmt zuversichtlich, dass wir die Trends auch bei Populationen umkehren können, die momentan zurückgehen."

Eine Einschätzung, die Axel Hochkirch von der Universität Trier in einer unabhängigen Einordnung teilt: "Positive Effekte von Wasserschutzmaßnahmen können wir tatsächlich auch hier vor unserer Haustür sehr gut beobachten." Vor mehr als 50 Jahren seien in Deutschland zahlreiche Fließgewässer begradigt und kanalisiert worden oder mit Giften belastet gewesen. "In der Folge haben wir viele Süßwasserarten verloren", so der Biologe, der auch Vorsitzender des Komitees zum Schutz wirbelloser Tiere der Weltnaturschutzunion (IUCN) ist.

Indem Kläranlagen gebaut worden und Flüsse in den vergangenen Jahrzehnten renaturiert worden seien, hätten sich zahlreiche früher gefährdete Arten erholt: "Die Asiatische Keiljungfer (Gomphus flavipes) galt zum Beispiel noch in den Achtzigerjahren in Westdeutschland als ausgestorben. Inzwischen kommt diese Libelle wieder in den großen Flüssen vor."

Welche Arten schwinden, welche wachsen?

Hochkirch weist aber auch darauf hin, dass lediglich generelle Analysen der Biomasse und der Zahl der Individuen gemacht wurden: "Dabei wurde die Artenvielfalt, das Vorkommen eingeschleppter Arten oder die Gefährdung von Arten außer Acht gelassen." Bei einer Metaanalyse sehr vieler unterschiedlicher Einzelstudien seien detaillierte Analysen der treibenden Gefährdungsfaktoren generell schwierig.

Für Christoph Scherber von der Universität Münster ist der positive Trend, den die Autoren der Studie bei den Süßwasserinsekten feststellen, deshalb wenig aussagekräftig: "Waren es Allerweltsarten, deren Zahl zugenommen hat? Vielleicht waren es ja nur ein paar Mücken? Aus diesen Daten auf eine Verbesserung der Wasserqualität zu schließen, ist abenteuerlich." Die Wasserqualität von Fließgewässern und Seen sei nach wie vor schlecht, und landwirtschaftliche Stoffeinträge nähmen eher zu als ab, so der Landschaftsökologe.

So kommt die Studie auch zu dem Schluss, dass der Insektenrückgang dort geringer ausfällt, wo Nutzpflanzen angebaut werden, also in landwirtschaftlich genutzten Gebieten. "Es gibt umso mehr Schwebfliegen und Rapsglanzkäfer, je mehr Getreide und Raps angebaut wird. Eine Zunahme der Masse an Insekten kann heißen, dass Insekten der Agrarlandschaft - oder sogar Schädlinge - zugenommen haben."

Welchen Effekt welche Aspekte der Landwirtschaft genau auf die Insektenpopulationen haben, ist bislang nicht abschließend geklärt.

Grund für Rückgänge und Wachstum lässt sich im Detail nicht ermitteln

Auch die Studienautoren schreiben, dass sie die Auslöser der verschiedenen beobachteten Trends nicht mit Sicherheit benennen können. Es gebe aber Hinweise, dass insbesondere die Zerstörung natürlicher Lebensräume landlebende Insekten zurückdränge, etwa durch Verstädterung. Eine Vermutung, die sich mit Aussagen des Weltbiodiversitätsrates IPBES decke.

"Aufgrund ihrer kurzen Lebensdauer und der schnellen Populationsdynamik ist die Menge an Insekten naturgemäß sehr unterschiedlich, was eine Herausforderung für die Quantifizierung langfristiger Trends darstellt", schreiben die Biologinnen Gergana Daskalova von der Universität von Edinburgh sowie Maria Dornelas von der schottischen Universität St. Andrews in einem Kommentar zur Studie . Die iDiv-Studie sei aber die derzeit größte und vollständigste Metaanalyse zum Insektenvorkommen.

"Die Versuchung, zu einfache und sensationelle Schlussfolgerungen zu ziehen, ist verständlich, da sie die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit erzeugt und möglicherweise dringend benötigte Maßnahmen in den Bereichen Politikentwicklung und Forschung katalysieren kann", schreiben die Forscherinnen. Ein solches Vorgehen könne aber fehlschlagen, wenn es das Vertrauen in Wissenschaft untergrabe und Leugnung oder Apathie auslöse.

jme/dpa