Wissenschaftler legen Sofortprogramm vor Acht Maßnahmen, die das Insektensterben stoppen könnten

Die Zahl der Insekten weltweit schwindet. Nun haben Forscher einen Maßnahmenkatalog entwickelt, der das große Sterben aufhalten könnte - aber nur, wenn er schnell umgesetzt wird.
Biene auf Klatschmohn: "Wir müssen jetzt handeln", fordern die 70 Forscher aus 21 Ländern

Biene auf Klatschmohn: "Wir müssen jetzt handeln", fordern die 70 Forscher aus 21 Ländern

Foto: Thomas Warnack/dpa

Den Insekten geht es schlecht - das haben Studien in den vergangenen Jahren mehrfach gezeigt. Nun haben 70 Forscher aus 21 Staaten einen Plan erarbeitet, wie sich das große Sterben aufhalten oder zumindest abschwächen ließe.

In den vergangenen 27 Jahren hat die Gesamtmasse der Insekten in Deutschland um 75 Prozent abgenommen, berichteten Forscher im Oktober 2017. Sie hatten Daten aus Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Brandenburg ausgewertet. Eine andere Auswertung kam 2019 zu dem Schluss, dass die Insektenvielfalt zwischen 2008 und 2017 in drei Regionen Deutschlands um ein Drittel gesunken ist.

Beide Auswertungen sind regional begrenzt - wie stark die Zahl der Insekten in Gesamtdeutschland in den vergangenen Jahrzehnten gesunken ist, ist noch unklar. Dass es ein Insektensterben gibt, ist jedoch unbestritten.

Acht Sofortmaßnahmen gegen das große Sterben

Im Fachmagazin "Nature Ecology & Evolution"  listen die Experten um Jeff Harvey vom Niederländischen Institut für Ökologie (NIOO-KNAW) und der Vrije Universität Amsterdam acht Maßnahmen auf, die so schnell wie möglich umgesetzt werden müssten:

  • Die Agrarlandschaft soll demnach heterogener werden. Die Forscher wünschen sich weniger Mono- und mehr Mischkulturen, um Insekten vielfältigere Nahrung und Lebensräume anzubieten.

  • Zudem müsse die Lichtverschmutzung reduziert werden. Lampen können etwa Falter in der Nacht irritieren. Zudem soll Lärm vermindert und Gewässer besser geschützt werden.

  • Auf der Liste steht auch die Forderung, den Einsatz von Pestiziden durch ökologisch verträglichere Maßnahmen zu ersetzen.

  • Der Import von umweltschädlichen Produkten solle gestoppt werden.

  • Invasive Arten sollen laut der Analyse zurückgedrängt und ihre Ausbreitung verhindert werden. In Europa hat sich beispielsweise der insektenfressende Waschbär ausgebreitet. Die EU hat ihn bereits auf eine Liste invasiver Arten gesetzt, die bekämpft werden sollen.

  • Auch der besondere Schutz bereits vom Aussterben bedrohter Insektenarten steht im Forderungskatalog.

  • Erhaltungsprogramme sollten unterstützt werden.

  • Die Bevölkerung muss laut den Forschern mehr Informationen über Insekten und ihren Schutz erhalten.

"Es gibt einen starken wissenschaftlichen Konsens, dass der Insektenschwund und der Artenschwund insgesamt ein reales und ernsthaftes Problem sind, das die Gesellschaft schnell angehen muss", schreibt das Team um Harvey. Zu den größten Problemen zählen demnach der Verlust von Lebensräumen und die Tatsache, dass geeignete Habitate oft weit voneinander entfernt lägen. Hinzu kämen Umweltverschmutzung und das sich erwärmende Klima.

Feldversuche gegen Wissenslücken

Insekten seien von entscheidender Bedeutung für das Ökosystem und erfüllten wichtige Funktionen wie die Bestäubung von Früchten, die dem Menschen als Nahrung dienen, so die Forscher weiter. Zudem reduziere eine Vielzahl konkurrierender Insektenarten die Gefahr, dass eine Art sich so stark ausbreite, dass sie zur ernst zu nehmenden Gefahr für Ernten wird.

Allerdings stoßen die Forscher mit ihren Forderungen an Grenzen. So lassen sich bedrohte Arten nur dann schützen, wenn man sie kennt und weiß, dass sie bedroht sind. Zunächst müsse daher priorisiert werden, welche Insektengruppen, Lebensräume und Probleme am dringendsten sind und zuerst angegangen werden sollten.

Mittelfristig fordern die Wissenschaftler weitere Forschung. Es müsse genauer untersucht werden, welchen Einfluss menschliche Aktivitäten wie die Landwirtschaft auf verschiedene Insekten hätten. Um das herauszufinden, seien Feldversuche nötig.

Zudem müssten vermehrt Insektensammlungen in Museen und wissenschaftlichen Sammlungen ausgewertet werden. Sie könnten verraten, wie vielfältig die Insektenwelt einst war. Besonders für Regionen, aus denen es sonst kaum Daten gibt, sei das interessant, so die Wissenschaftler.

Langfristig fordert das Team zudem, Finanzierungsstrategien zu entwickeln, etwa Verbünde aus staatlichen und privaten Investoren. Sie sollen Geld bereitstellen, um Lebensräume für Insekten wiederherzustellen, neu aufzubauen und die Tiere langfristig zu schützen. Um den Erfolg der Maßnahmen zu prüfen, brauche es weltweit einheitliche Standards für die Dokumentation der Insektenzahl und Vielfalt.

Deutschland als Vorzeigebeispiel

Das vom Parlament in Deutschland verabschiedete "Aktionsprogramm Insektenschutz" wird in dem Papier lobend erwähnt. Die Regierung stellt darin 100 Millionen Euro pro Jahr für die Förderung  des Insektenschutzes zur Verfügung. Andere Staaten, vor allem die reicheren, sollten sich daran ein Beispiel nehmen und die bereits bekannten Probleme und Lösungen angehen, schreiben die Wissenschaftler. Es gebe bereits genug Informationen, um aktiv zu werden.

"Am wichtigsten ist: Wir sollten nicht warten, bis jede Wissenslücke geklärt ist", heißt es am Ende des Aufsatzes. "Wir müssen jetzt handeln."