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27. April 2019, 10:00 Uhr

Naturschutz

Liebe Leserin, lieber Leser,

wann haben Sie zum letzten Mal auf einer Wiese gelegen, den Duft von Blüten in der Nase, über sich den strahlend blauen Himmel, und rundherum brummte und summte es? Insekten sind rar geworden in der Landschaft. Auch Bienen haben Probleme. Die Honiglieferanten sind eine Art Frühwarnsystem der Natur. Geht es ihnen schlecht, dann stimmt etwas nicht in Wald und Flur.

Der Berufsimker Thomas Radetzki hat in den vergangenen Jahren viele taumelnde, orientierungslose Bienen gesehen, deren Nervensystem gestört war. Und er glaubt zu wissen, woran das liegt: an den Ackergiften der konventionellen Landwirtschaft. Rund 90 Prozent des von Bienen gesammelten Blütenpollens in Deutschland ist mit Pestiziden belastet, ein Drittel davon mit mehr als neun verschiedenen Wirkstoffen. Honig enthält Pestizidrückstände. Bei rund 44 Prozent der Deutschen lassen sich die Stoffe im Körper nachweisen.

Wie konnte es so weit kommen? Die EU-Zulassungsverfahren für Pestizide seien zu lasch, sagt Radetzki, der mit seiner Aurelia-Stiftung seit Jahren gegen die Ackergifte kämpft. Auch das Gericht der Europäischen Union attestierte der Pestizidrisikoprüfung im vergangenen Jahr Defizite. In dem Verfahren ging es unter anderem um drei Stoffe aus der Klasse der Neonicotinoide, die inzwischen verboten wurden. Kein Einzelfall: Mehrfach mussten bereits zugelassene Pestizide wieder vom Markt genommen werden, weil sie Bienen oder andere Bestäuber krank machten oder töteten.

Grund für solche Fehleinschätzungen ist die Konstruktion der EU-Risikoprüfung. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit untersucht bislang nur die reinen Wirkstoffe der Ackergifte, nicht aber die handelsüblichen Produkte mit ihren Beistoffen. Weitgehend ungeprüft bleiben auch Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Chemikalien oder Langzeitrisiken wie die Anreicherung der Stoffe in Grundwasser oder Boden.

Deutschland müsse sich in der EU für eine bessere Pestizidrisikoprüfung starkmachen, fordert Radetzki. Der Imker hat Anfang April eine Bundestagspetition eingereicht, "zum Schutz von Bienen und anderen Insekten". 50.000 Unterschriften braucht er bis zum 1. Mai, damit Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) ihm im Bundestag Rede und Antwort stehen muss. Das wäre ein Anfang.

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Herzlich

Ihr Philip Bethge

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Fußnote

208 Knochen hat der Körper vieler Menschen - nicht 206, wie gemeinhin in anatomischen Lehrbüchern angegeben. Fabella heißt ein Knöchelchen auf einer Sehne im Kniegelenk. Noch 1918 fand es sich nur bei elf Prozent der Menschen, heute werden die Fabellae schon bei 39 Prozent nachgewiesen, berichten britische Forscher. Als Grund vermuten sie längere Knochen und mehr Muskelmasse durch eine bessere Ernährung als noch vor 100 Jahren. Die dadurch bedingte höhere Belastung der Sehne könnte die Bildung der Fabella begünstigen.

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