Naturschutz Liebe Leserin, lieber Leser,


wann haben Sie zum letzten Mal auf einer Wiese gelegen, den Duft von Blüten in der Nase, über sich den strahlend blauen Himmel, und rundherum brummte und summte es? Insekten sind rar geworden in der Landschaft. Auch Bienen haben Probleme. Die Honiglieferanten sind eine Art Frühwarnsystem der Natur. Geht es ihnen schlecht, dann stimmt etwas nicht in Wald und Flur.

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Heft 18/2019
Verstörend, revolutionär, genial - wie Leonardo die Moderne erfand

Der Berufsimker Thomas Radetzki hat in den vergangenen Jahren viele taumelnde, orientierungslose Bienen gesehen, deren Nervensystem gestört war. Und er glaubt zu wissen, woran das liegt: an den Ackergiften der konventionellen Landwirtschaft. Rund 90 Prozent des von Bienen gesammelten Blütenpollens in Deutschland ist mit Pestiziden belastet, ein Drittel davon mit mehr als neun verschiedenen Wirkstoffen. Honig enthält Pestizidrückstände. Bei rund 44 Prozent der Deutschen lassen sich die Stoffe im Körper nachweisen.

Rachel Boßmeyer/ DPA

Wie konnte es so weit kommen? Die EU-Zulassungsverfahren für Pestizide seien zu lasch, sagt Radetzki, der mit seiner Aurelia-Stiftung seit Jahren gegen die Ackergifte kämpft. Auch das Gericht der Europäischen Union attestierte der Pestizidrisikoprüfung im vergangenen Jahr Defizite. In dem Verfahren ging es unter anderem um drei Stoffe aus der Klasse der Neonicotinoide, die inzwischen verboten wurden. Kein Einzelfall: Mehrfach mussten bereits zugelassene Pestizide wieder vom Markt genommen werden, weil sie Bienen oder andere Bestäuber krank machten oder töteten.

Grund für solche Fehleinschätzungen ist die Konstruktion der EU-Risikoprüfung. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit untersucht bislang nur die reinen Wirkstoffe der Ackergifte, nicht aber die handelsüblichen Produkte mit ihren Beistoffen. Weitgehend ungeprüft bleiben auch Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Chemikalien oder Langzeitrisiken wie die Anreicherung der Stoffe in Grundwasser oder Boden.

Deutschland müsse sich in der EU für eine bessere Pestizidrisikoprüfung starkmachen, fordert Radetzki. Der Imker hat Anfang April eine Bundestagspetition eingereicht, "zum Schutz von Bienen und anderen Insekten". 50.000 Unterschriften braucht er bis zum 1. Mai, damit Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) ihm im Bundestag Rede und Antwort stehen muss. Das wäre ein Anfang.

Vielleicht mögen Sie auch unterschreiben.

Herzlich

Ihr Philip Bethge

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Abstract

Meine Leseempfehlungen in dieser Woche

  • Dazu passt ein Report des Bundesamts für Naturschutz: Jährlich werden in Deutschland rund 55 Milliarden Euro an naturschädigenden Subventionen gezahlt.
  • Da bin ich froh, dass manche Superreichen mit ihrem Privatvermögen dagegenhalten. Der Schweizer Hansjörg Wyss gibt eine Milliarde US-Dollar für den Naturschutz. Ich habe ihn porträtiert.
  • So sieht man Schmetterlingsflügel sonst nie. Traumhafte Bilder des Fotografen Chris Perani, zusammengestellt von meiner Kollegin Ines Kaffka.
  • Wer wird fett und schläft schlecht? Kinder unter fünf Jahren, die mehr als eine Stunde täglich vor einem Bildschirm verbringen, sagt die WHO.
  • Rund 400.000 Tote weniger pro Jahr? Das könnte bald gelingen. In Äquatorialguinea wird eine Impfung gegen Malaria erstmals klinisch getestet. Sie verspricht hundertprozentigen Schutz gegen die Tropenkrankheit.
  • Mögen Sie Akten? Im juristischen Streit über das Herbizid Glyphosat sind in den USA neue interne Monsanto-E-Mails veröffentlicht worden.
  • Gefährlich? Russlands schwimmendes Atomkraftwerk soll im Juli ans Netz gehen.
  • Tier macht Sachen: So posieren Gorillas für Selfies.
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Ein neuer Wettlauf zum Mond ist entbrannt, und dieses Raketenmodell in einem Windtunnel der Nasa soll helfen, dass die USA wieder triumphieren können. Die erste Frau auf dem Mond soll Amerikanerin sein, fordert die Trump-Administration, und zwar in spätestens fünf Jahren.

NASA Langley/ David C. Bowman

Fußnote

208 Knochen hat der Körper vieler Menschen - nicht 206, wie gemeinhin in anatomischen Lehrbüchern angegeben. Fabella heißt ein Knöchelchen auf einer Sehne im Kniegelenk. Noch 1918 fand es sich nur bei elf Prozent der Menschen, heute werden die Fabellae schon bei 39 Prozent nachgewiesen, berichten britische Forscher. Als Grund vermuten sie längere Knochen und mehr Muskelmasse durch eine bessere Ernährung als noch vor 100 Jahren. Die dadurch bedingte höhere Belastung der Sehne könnte die Bildung der Fabella begünstigen.

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* Quiz-Antworten: Die DNA des Axolotls enthält rund 32 Milliarden Basenpaare, gut zehnmal so viele wie die DNA des Menschen. Kann der mexikanische Schwanzlurch deshalb Beine und Organe regenerieren? / Die Sucht nach dem Bräunen der Haut / Das Schwein. Der Orgasmus eines Ebers dauert bis zu 20 Minuten. Innerhalb dieser Zeit produziert er bis zu einen Liter Ejakulat.

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insgesamt 53 Beiträge
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siryanow 27.04.2019
1. Wohl oder Profit
Es ist Illusion zu glauben dass Industrien sich um das Wohl und Gesundheit von Mensch und Natur kuemmern , wenn sie stattdessen Profit machen koennen . Wir sind das Volk. Und wir haben Macht das zu aendern .
deufin 27.04.2019
2. Und es wird wieder nicht geschehen...
Menschen, die sich mit dem Thema auch nur für ein paar Stunden beschäftigen versuchen seit Jahrzehnten auf die Folgen der Pestizide und Düngemittel aufmerksam zu machen. Man bekommt dann alle 10 Jahre mal etwas in den Medien zu dem Thema zu hören, aber in den Regularien findet sich nie etwas. Der Grund dafür ist auch recht einfach zu erklären. Ohne den massiven Einsatz von Pestiziden und vor allem Düngemitteln könnten wir die Bevölkerung nicht ernähren. Wenn wir darauf verzichten würden, dann hätten wir 30-50% weniger Erträge auf unseren Ackerflächen, da man die Äcker dann nämlich immer für ein Jahr brach liegen lassen müsste, bevor man sie wieder bestellen kann. Vor allem wären die großen Monokulturen nicht mehr machbar. Der Zug ist wie beim Klima längst nicht mehr aufzuhalten.
Koana 27.04.2019
3. Sterblichkeit.....
... die Lebenserwartung der Menschen steigt, da man Chemie mit Chemie therapiert. Therapie bringt Rendite, ein kranker Mensch bringt dem BIP einen schönen Anteil, ein gesunder, bescheidener, womöglich auch noch konsumresistenter Mensch ist fast schon ein Verbrecher, ein Unmensch der dem System keinen Profit abwirft, ja, der wahre Schmarotzer, da er sich nicht einreiht in die Phalanx der Untertanen, einer den man am Besten vor das Peloton stellt und es ordentlich knallen lässt. Was ist nun ein sozialer Artgenosse, einer der beim destruktiven Spiel des grenzenlosen Reichtums für wenige, der auf dem Elend der Biosphäre gründet (ich behaupte mindestens 80% der Menschen leben wesentlich elender, als dies möglich wäre, würde man ein anderes Spiel spielen - die Menschen sind schlicht ein Teil dieser Sphäre) demütig und womöglich noch sehr, sehr fleißig folgt, oder einer der sich verweigert und notgedrungen ein karges und einsames Dasein fristet, dem aber eine Biene auf der Blüte, das Zwitschern der Vögel, die Geräusche des Winds in den Blättern der Baumkronen mehr Freude bringen, als jene Freuden, die der Konsum und die berechnende Geselligkeit der Artgenossen sie brächten? Die Menschen werden sich an den Rand kämpfen, ob sie über den Abgrund stürzen als Spezies, eine offene Frage. Jenen die täglich im Krieg, bei Unfällen, an Krankheit und an Armut krepieren, dürfte das wohl einerlei sein, sie haben dieses Spiel schon verloren. Ich bin sicher mancher Leser hier hat schon Angehörige auf dies Art verloren, dennoch findet er wohl dieses System als das Bestmögliche, er hat es so gelernt.
Beat Adler 27.04.2019
4. Erste Warnungen der Imker sind genau 20 Jahre her.
Neonikotinoide: 1999 alarmierten Imker in Frankreich die Behoerden: Sie zeigten mit ihren Fingern auf Gaucho, Wirkstoff Imidacloprid, Hersteller Bayer, das damals zur Saatbeizung von Sonnenblumenkernen zugelassen war und erzaehlten den Fachleuten, dass sich ihre Bienen nicht mehr normal verhalten. Wenn ein Bauer erklaert, dass seine Kuh Mareili heute schlechte Laune hat, glaubt ihm die Fachwelt sofort. Bei Imkern, die behaupten, dass ihre Bienen herum spinnen, sich nicht mehr "normal" verhalten, war das damals LEIDER NICHT so! Haetten die Experten diese Imker fuer glaubwuerdig gehalten, waere der Welt viel Unheil erspart geblieben! Erschwerend kam damals dazu, dass sich die Varoamilbe ausbreitete und die Imker mit alle moeglichen Massnahmen, inklusive Behandlung mit Akariziden innerhalb der Bienenstoecke, arbeiteten, um dieser Plage Herr zu werden. Heute wissen wir, wissenschaftlich hieb -und stichfest bewiesen, dass geringste Mengen von Neonikotinoidrueckstaenden genuegen, um die Gehirne von Insekten, allen Insekten, zu beeinflussen. Bisher gibt es keine Beweise dafuer, dass neuartige Neonikonioid Wirkstoffe KEINEN Einfluss auf Insektengehirne haben. 1999 war ein einfach nachzuweisen das die geringen Rueckstaende des Imidacloprid in den Pollen der Sonnenblumen, Monate nach der Saatbeizung, KEINE Bienentoxizitaet aufweisen. Von Verhaltensstoerung war damals noch nicht die Rede! Folgene wissenschaftliche Versuche in dieser Richtung ergaben keine Resultate, weder negative noch positiv, sie ware nicht auswertbar, nie statistisch signifikant. Neonikatinoide waren bei ihrer Markteinfuehren regelrechte Wundermittel gegen Insekten. Sie wurden schnell Rund um den Globus zum neuen Standard in der Insektenbekaempfung. Ob sie Mit-Schuld sind am globalen Rueckgang der Insektenpopulationen, in Kombination mit der Umweltveraenderung durch die Globale Erwaermung, ist wiederum sehr schwer wissenschaftlich hieb –und stichfest zu beweisen. mfG Beat
Beat Adler 27.04.2019
5. Aenderungen der letzten 25 Jahre in Sachen Bewilligung von Agrarchemik
Zitat von deufinMenschen, die sich mit dem Thema auch nur für ein paar Stunden beschäftigen versuchen seit Jahrzehnten auf die Folgen der Pestizide und Düngemittel aufmerksam zu machen. Man bekommt dann alle 10 Jahre mal etwas in den Medien zu dem Thema zu hören, aber in den Regularien findet sich nie etwas. Der Grund dafür ist auch recht einfach zu erklären. Ohne den massiven Einsatz von Pestiziden und vor allem Düngemitteln könnten wir die Bevölkerung nicht ernähren. Wenn wir darauf verzichten würden, dann hätten wir 30-50% weniger Erträge auf unseren Ackerflächen, da man die Äcker dann nämlich immer für ein Jahr brach liegen lassen müsste, bevor man sie wieder bestellen kann. Vor allem wären die großen Monokulturen nicht mehr machbar. Der Zug ist wie beim Klima längst nicht mehr aufzuhalten.
Aenderungen der letzten 25 Jahre in Sachen Bewilligung von Agrarchemikalien: Wer heute ein neues, bisher chemisch unbekanntes, kuenstliches Chemikalium z.B. als Insektizid registrieren will, dafuer die Verkaufsbewilligungen in den beiden groessten Maerketen, der USA und der EU erhalten will, investiert das 3 bis 4-fache im Vergleich zu einem neuen Medikament zur Behandlung von Krankheiten beim Menschen. Die Vorschriften wurden, zu Recht(!), extrem hochgeschraubt, um ueber das neue Produkt alles zu wissen, bevor es Bauern auf ihre Felder ausbringen. Die Folge davon ist, dass es heute kaum noch Firmen gibt, die es schaffen Neues auf diesem Markt anzubieten. Aus diesem Grund uebernahm Bayer die Monsanto und Chemchina die Syngenta, die bisherige Nr 1 im Pflanzenschutz. Riesenfirmen versuchen noch Alternativen zum Heutigen zu finden. Da dies immer schwieriger wird, bleit das Heutige erhalten: Bauern arbeiten weiter mit Substanzen, die nicht unbedingt empfehlenswert sind. mfG Beat
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