Intelligenz Was Tiere denken

2. Teil: "Good boy! Good birdie!"


Es hört sich verrückt an: Ein Vogel soll seine Lektionen üben und ist tatsächlich dazu bereit. Aber wenn man "Alex" gesehen und gehört hat, fällt es schwer, Pepperbergs Ansichten über sein Verhalten zu bezweifeln. Sie gab ihm keine Belohnungen für wiederholte Anstrengungen und forderte ihn auch nicht sichtlich dazu auf.

"Er muss die Wörter immer und immer wieder hören, nur dann kann er sie richtig nachmachen ", sagte Pepperberg, nachdem sie ihm ein gutes Dutzend Mal hintereinander "Seven" vorgesprochen hatte. Zu mir gewandt, fügte sie hinzu: "Es geht mir nicht darum zu sehen, ob 'Alex' die Sprache der Menschen lernen kann. Das war nie der Punkt. Ich wollte immer nur seine Nachahmungsfähigkeit nutzen, um seine Fähigkeit zu denken besser zu verstehen."

Mit anderen Worten: Weil "Alex" Laute hervorbringen konnte, die englischen Wörtern stark glichen, hatte Pepperberg die Möglichkeit, ihn nach bestimmten Dingen zu fragen. Sie konnte sich zwar nicht danach erkundigen, was er dachte, aber sie konnte etwas darüber in Erfahrung bringen, was er über Zahlen, Farben und Formen wusste. Das führte sie mir vor: Sie trug "Alex" auf dem Arm zu einer hölzernen Sitzstange in der Mitte des Zimmers. Dann nahm sie einen grünen Schlüssel und eine kleine grüne Tasse aus einem Korb und hielt "Alex" beide Gegenstände unter die Nase.

"Was ist gleich?", fragte sie.

"Co-lor", antwortete "Alex" ohne zu zögern. Farbe.

"Was ist verschieden?"

"Shape", sagte "Alex", Form.

Seine Stimme klang mechanisch. Papageien haben keine Lippen – ein Grund auch, warum "Alex" Schwierigkeiten mit der Aussprache von Silben hatte, die mit einem "B" oder "P" beginnen. Die Wörter schienen aus der Luft in seiner Umgebung zu kommen, als würde ein Bauchredner sprechen. Aber die Wörter – und, man kann es nicht anders nennen: die Gedanken – kamen ausschließlich von ihm.

Während der folgenden 20 Minuten unterzog sich "Alex" mehreren Prüfungen: Er musste zwischen Farben, Formen, Größen und Materialien (Wolle, Holz, Metall) unterscheiden. Er hatte ein paar Rechenaufgaben zu lösen und sollte die Zahl der gelben Klötze in einem Stapel verschiedenfarbiger Bausteine nennen. Und am Ende meldete sich "Alex" selber zu Wort, so als wolle er den letzten Beweis für den Geist in seinem Vogelgehirn erbringen: "Talk clearly!", "Sprich deutlich!", kommandierte er, als einer der jüngeren Papageien, denen Pepperberg ebenfalls das Sprechen beibringt, das Wort "green" nicht richtig artikulierte.

"Nun spiel mal nicht den Klugscheißer", ermahnte ihn Pepperberg. "Er kennt das alles schon und langweilt sich, deshalb unterbricht er die anderen. Oder er gibt dann aus Widerwillen falsche Antworten. Manchmal ist er auch einfach launisch, und man weiß nie genau, was er als Nächstes anstellt."

"Wanna go tree" klagte "Alex" mit dünner Stimme, "Will zum Baum!". Der Papagei hatte sein ganzes Leben in Gefangenschaft verbracht, aber er wusste, dass es jenseits der Labortüren einen Flur, ein großes Fenster und dahinter eine Ulme mit dichtem Blattwerk gab. Er wollte den Baum sehen. Pepperberg streckte die Hand aus, so dass er an ihr hochklettern konnte. Sie ging mit ihm durch den Flur in das grüne Licht des Baumes. "Good boy! Good birdie", sagte "Alex" und wippte auf ihrer Hand auf und ab. "Ja, du bist ein braver Junge. Ein braves Vögelchen", erwiderte Pepperberg und küsste ihn auf die gefiederte Stirn.

Vieles, was dieser Papagei an kognitiven Fähigkeiten zeigte, zum Beispiel das Verständnis für die Begriffe "gleich" und "verschieden", wird im Allgemeinen nur höheren Säugetieren und speziell den Primaten zugeschrieben. Aber wie Menschenaffen (und Menschen), so leben auch Papageien ein langes Leben in komplexen Gesellschaften. Wie Primaten, so müssen auch die Vögel den ständigen Wandel in ihren Beziehungen und in ihrer Umwelt verarbeiten können.

"Das geht weit darüber hinaus, an Farben unterscheiden zu können, ob eine Frucht reif oder unreif ist, was essbar ist und was nicht", sagte Pepperberg. "Ein Zahlenverständnis ist hilfreich, um den eigenen Schwarm zu beurteilen, und wenn man wissen will, wer allein ist und wer bereits einen Partner hat. Instinkt allein reicht einem Vogel mit langer Lebensdauer dafür nicht. Das geht nicht ohne Kognition."

Für Darwin gab es Abstufungen von Intelligenz

Die geistige Fähigkeit, die Welt in abstrakte Kategorien einzuteilen, ist sicher für viele Lebewesen nützlich. Gehört sie demnach zu den Triebkräften der Evolution, die am Ende zur Intelligenz der Menschen führte?

Schon Charles Darwin wollte die Entstehung unserer Intelligenz erklären und wandte seine Evolutionstheorie deshalb auch auf das Gehirn des Menschen an. Seine Überlegung: Wie unsere gesamte Erscheinung muss sich auch die Intelligenz aus den geistigen Fähigkeiten einfacherer Lebewesen entwickelt haben, denn alle Tiere haben es im Leben mit den gleichen grundsätzlichen Herausforderungen zu tun. Sie müssen Partner, Nahrung und einen Weg durch Wald, Meer oder Luft finden.

Dazu, so Darwin, braucht man die Fähigkeit, Probleme zu lösen und Kategorien abzugrenzen. Darwin vermutete sogar bei Regenwürmern eine Art Denkleistung, weil er durch eingehende Beobachtungen zu dem Schluss gelangt war, dass sie sich entscheiden, mit welchem Blattmaterial sie ihre Tunnel verschließen. Er hatte nicht damit gerechnet, denkendes Kriechgetier zu finden, und bemerkte, die Anhaltspunkte für die Intelligenz der Regenwürmer hätten ihn "mehr überrascht als alles andere bei den Würmern".

Für Darwin war damit klar, dass man Abstufungen von Intelligenz überall im Tierreich finden kann. Doch im 20. Jahrhundert wurde diese Sichtweise zeitweilig an den Rand gedrängt: Nun herrschte unter Wissenschaftlern die Meinung vor, Freilandbeobachtungen seien nur "Anekdoten" und in der Regel durch die menschliche Perspektive verfälscht.

Viele Fachleute wandten sich dem Behaviorismus zu, der in Tieren kaum etwas anderes sieht als instinktgesteuerte Maschinen. Im Labor konzentrierte man sich beinahe ausschließlich auf weiße Ratten als Versuchstiere, denn man nahm an, dass sich eine "Tier-Maschine" genauso verhalten würde wie jede andere. Doch wie wäre dann die Entstehung der menschlichen Intelligenz zu erklären? Nicht ohne Darwins Sichtweise, wonach die Evolution auch geistige Leistungen betrifft. Inzwischen legen Experimente mit vielen Arten nahe, dass die Wurzeln der Kognition weit zurückreichen und sehr verbreitet sind.

Am besten kann man das vielleicht an den Hunden nachvollziehen. Die meisten Hundehalter reden mit ihren Tieren und glauben, dass sie verstanden werden. Aber die Erkenntnis, dass Hunde wirklich verstehen können, setzte sich erst 1999 vollständig durch: Damals trat ein Border-Collie namens "Rico" in der Fernsehshow "Wetten, dass ..." auf. Der Collie kannte die Namen von 77 Spielzeugen; bis 2004 lernte er 120 weitere dazu.



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