Intelligenz Was Tiere denken

3. Teil: Intelligenz ist nicht für Primaten oder Säugetiere reserviert


Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig erfuhren von "Rico" und testeten ihn. Das Ergebnis war ein wissenschaftlicher Aufsatz, in dem über "Ricos" geradezu gespenstische Lernfähigkeit für Sprache berichtet wurde: Er speicherte Wörter so schnell wie ein Kleinkind. Die Max-Planck-Wissenschaftler kamen zu dem Schluss, dass der Hund zum Erlernen der Wörter prinzipiell die gleichen angeborenen Fähigkeiten nutzt wie ein Mensch.

Dann gingen die Forscher Hunderten von Briefen nach, in denen behauptet wurde: "Unser Hund ist so schlau wie "Rico"." Doch nur zwei verfügen über vergleichbare Fähigkeiten, und beide sind ebenfalls Border-Collies. Einer – eine Hündin namens "Betsy" – hat einen Wortschatz von mehr als 300 Wörtern.

"Was "Betsy" kann, schaffen nicht einmal Menschenaffen. Sie braucht ein Wort nur ein- oder zweimal zu hören, dann weiß sie, dass das Lautmuster etwas Bestimmtes bedeutet", sagt die Leipziger Kognitionsforscherin Juliane Kaminski, die schon mit "Rico" gearbeitet hat. Mit ihrem Kollegen Sebastian Tempelmann ist sie nach Wien gefahren, wo "Betsy" zu Hause ist. Sie wollen mit dem Hund neue Tests machen. Kaminski tätschelt "Betsy", während Tempelmann eine Videokamera aufbaut.

"Dass Hunde unsere menschliche Kommunikation verstehen, ist eine Neuerung der Evolution ", sagt Kaminski. "Es ist dazu gekommen, weil sie schon so lange mit Menschen zusammenleben. Collies sind zudem hoch motivierte Arbeitstiere, eigens als Hütehunde gezüchtet und mit Aufgaben betraut, für die sie sehr genau auf ihren Besitzer hören müssen."

"Betsy": Abstraktionsfähigkeit ähnlich der von Menschen

Die Gemeinschaft von Menschen und Hunden ist rund 15.000 Jahre alt – eigentlich eine kurze Zeit für die Evolution von Sprachverständnis. Wie weit reichen die Gemeinsamkeiten von Mensch und Hund wirklich? Wir benutzen Symbole zum abstrakten Denken: Ein Ding (zum Beispiel ein Foto) steht für ein anderes (ein Objekt). Kaminski und Tempelmann wollten wissen, ob auch Hunde dazu in der Lage sind, den gesprochenen Namen für ein Ding auf einem Foto auf das abgebildete Objekt zu übertragen.

"Betsys" Besitzerin – sie bevorzugt das Pseudonym "Frau Schäfer" – ruft, und die Hündin legt sich zu ihren Füßen. Wenn ihr Frauchen spricht, neigt sie den Kopf hin und her.

Kaminski gibt Frau Schäfer einen Stapel farbiger Fotos und bittet sie, eines auszuwählen. Jedes Bild zeigt ein Spielzeug vor weißem Hintergrund. Der Hund hat diese Gegenstände nie zuvor gesehen. Es sind keine echten Spielzeuge, sondern Fotos von Spielzeugen. Kann "Betsy" eine Verbindung zwischen einer zweidimensionalen Abbildung und einem dreidimensionalen Ding herstellen? Frau Schäfer hält das Bild eines Frisbee in Regenbogenfarben hoch und fordert "Betsy" auf, danach zu suchen. Die Hündin schaut auf das Foto, schaut in Frauchens Gesicht – und rennt in die Küche, wo das Frisbee zwischen drei anderen Spielzeugen und Fotos der Spielzeuge liegt. In mehreren Versuchen bringt sie jedes Mal entweder das Frisbee oder das Foto des Frisbee.

"Es wäre auch nicht falsch, wenn sie jedes Mal das Foto bringen würde", erklärt Kaminski. "Ich vermute aber, "Betsy" kann einen Gegenstand anhand eines Fotos finden, auch wenn man keinen Namen dafür nennt. Um das zu beweisen, müssen wir aber noch mehr Versuche mit ihr anstellen."

Selbst wenn es so wäre: Juliane Kaminski ist nicht sicher, ob sich andere Wissenschaftler ihrer Meinung anschließen: "Betsys" Abstraktionsfähigkeit käme der des Menschen schon sehr nahe. Natürlich bleibt der Homo sapiens die innovativste Spezies. Keine andere Tierart hat Wolkenkratzer gebaut, Sonette geschrieben oder Computer konstruiert. Andererseits sind die Zoologen heute überzeugt, dass Kreativität und andere Formen der Intelligenz nicht aus dem Nichts gekommen sind. Auch sie sind durch Evolution entstanden.

Zunächst waren ja auch viele überrascht, als man entdeckte, dass Schimpansen Werkzeuge herstellen", sagt der Verhaltensökologe Alex Kacelnik von der Universität Oxford. Er meint die Strohhalme und Stöckchen, die Schimpansen zurechtmachen, um damit Termiten aus ihrem Bau zu angeln. "Dann sagten sich die Leute: 'Na ja, wir haben relativ junge gemeinsame Vorfahren; da müssen sie ja schlau sein.' Jetzt aber stellt sich heraus, dass auch manche Vogelarten Werkzeuge herstellen, und unser letzter gemeinsamer Ahn mit den Vögeln war eine Echse, die vor mehr als 300 Millionen Jahren lebte."

Für Kacelnik ist die Schlussfolgerung klar: "Es bedeutet, dass die Evolution mehrmals ähnliche Formen einer hoch entwickelten Intelligenz hervorgebracht hat. Intelligenz ist nicht für Primaten oder Säugetiere reserviert."

Kacelnik beschäftigt sich mit so einem cleveren Federvieh: mit der Neukaledonienkrähe, die in den Wäldern dieser pazifischen Inseln lebt. Der Vogel verblüfft durch seine Fähigkeit, Werkzeuge herzustellen und zu benutzen. Er fertigt aus Stöckchen und Blattstielen Sonden und Haken, mit denen er in den Kronen von Palmen nach versteckten Maden stochert.

Nun könnte es sein, dass die Werkzeugbenutzung der Krähen vererbten Regeln folgt. Von Schimpansen weiß man, dass sie kreativ sind, dass sie ihre Werkzeuge den Erfordernissen anpassen. In freier Wildbahn benutzen sie bis zu vier unterschiedlich lange Stöckchen, um den Honig aus einem Bienenstock zu fischen. In Gefangenschaft finden sie heraus, wie sie mehrere Kisten zu stapeln haben, damit sie an eine von der Decke hängende Banane herankommen. Können die Neukaledonienkrähen da mithalten? Wie soll man das bei diesen scheuen Vögeln testen? Selbst nach jahrelangen Freilandbeobachtungen waren die Wissenschaftler nicht sicher, ob die Fähigkeit bei den Vögeln angeboren ist oder ob sie sich gegenseitig beobachten und dadurch lernen. Und falls die Begabung angeboren ist, können die Krähen sie dann auch anders und kreativ nutzen?

Es gab nur einen Weg, das herauszufinden: Kacelnik und seine Studenten brachten 23 Krähen, die mit einer Ausnahme in freier Wildbahn gefangen wurden, in das Gehege ihres Instituts und warteten auf Nachwuchs. Die Jungvögel wurden sobald wie möglich von den erwachsenen Tieren getrennt, so dass sie keine Gelegenheit hatten, den Werkzeuggebrauch zu lernen. Doch kaum waren sie flügge, benutzten sie Stöckchen, um damit eifrig in Ritzen zu stochern. Sie gestalteten auch Werkzeuge aus verschiedenen Materialien.

"Nun wussten wir, dass zumindest die Grundlagen des Werkzeuggebrauchs bei den Krähen erblich sind", sagt Kacelnik. "Es stellte sich die Frage: Was können sie sonst noch mit Werkzeugen anfangen?" Eine ganze Menge.

Kacelnik zeigt mir ein Video von einem Test, den er mit "Betty", einer der in freier Wildbahn gefangenen Krähen, gemacht hat. In dem Film fliegt "Betty" in ein Zimmer. Sie erspäht sofort ein schmales Glasrohr, in dem ein Körbchen mit einem Stück Fleisch liegt. Die Wissenschaftler haben zwei Stücke Draht in das Zimmer gelegt. Der eine ist gerade, der andere zu einem Haken gebogen. Wird die Krähe den Haken wählen und den Korb damit am Griff nach oben aus der Glasröhre ziehen?

Doch das Experiment verläuft nicht nach Plan. Eine andere Krähe klaut den Haken, ehe "Betty" ihn finden kann. Sie starrt auf das Fleisch in dem Körbchen in dem Rohr. Dann fällt ihr der gerade Draht ins Auge. Sie greift ihn mit dem Schnabel, steckt ein Ende in eine Fußbodenritze und biegt das andere mit dem Schnabel zu einem Haken. Augenblicke später zieht sie den Korb aus dem Rohr.

"Es war das erste Mal, dass diese Krähe überhaupt so einen Draht gesehen hat", sagt Kacelnik. "Dennoch wusste sie, dass sie daraus einen Haken machen kann und wo und wie sie ihn biegen muss, damit er passt."

"Betty" löste auch andere Aufgaben. Einmal formte sie einen Haken aus einem flachen Stück Aluminium. "Das heißt, sie verfügt über ein mentales Abbild von dem Gegenstand, den sie herstellen will. Das lässt auf hoch entwickelte Kognitionsfähigkeit schließen", sagt Kacelnik.

Die allgemeinere Lehre der Forschung an Tieren lautet: Wir sollten bescheidener sein. Wir sind nicht die Einzigen, die erfinden und planen. Oder andere austricksen und anlügen.

Täuschung erfordert eine komplizierte Form des Denkens: Man muss in der Lage sein, einem anderen Absichten zu unterstellen und sein Verhalten vorherzusehen. Neben dem Menschen können das Schimpansen, Orang-Utans, Gorillas und Bonobos. Primatenforscher haben in freier Wildbahn beobachtet, wie rangniedere Menschenaffen Nahrung vor dem Boss verstecken oder sich hinter seinem Rücken an die Weibchen heranmachen.



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