Internationale Umweltstudie Deutsche patzen im Öko-Ranking

Die Deutschen sehen sich gern als Öko-Weltmeister - doch weit gefehlt: In einem internationalen Ranking zum Umweltverhalten im Alltag liegen ausgerechnet Länder wie Indien, Brasilien und China vorn. Den Deutschen verhagelt ihre Liebe zum Flaschen-Trinkwasser das Ergebnis.

Hamburg - Windkraftanlagen auf beinahe jedem Feld, Solarzellen auf den Dächern, Recyclingtonnen vor dem Haus: Die Deutschen sehen sich selbst gern als Vorreiter in Sachen Umweltschutz. Doch zwischen hehrem Anspruch und dem grauen Alltag klafft offenbar eine gewaltige Lücke: Das Ergebnis einer internationalen Studie über ökologisches Verbraucherverhalten ist für Deutschland nicht unbedingt schmeichelhaft.

Zum zweiten Mal seit 2008 hat die amerikanische National Geographic Society die "Greendex"-Studie  zum Konsumverhalten durchgeführt. In 17 Ländern wurden jeweils 1000 Verbraucher nach ihren Gewohnheiten befragt. Dabei ging es um Fragen wie die Benutzung von Auto, Fahrrad oder öffentlichen Verkehrsmitteln, kaltem oder warmem Wasser fürs Waschen, Wärmedämmung für Häuser, Stromverbrauch und vieles mehr. 60 Prozent der 65 abgefragten Variablen basierten auf freiwilligem Verhalten. Die Antworten ergaben am Ende eine Gesamtpunktzahl pro Nation - und Deutschland landet mit 51,1 Punkten lediglich auf dem zehnten Platz - siehe Bilderstrecke:

Das Meinungsforschungsinstitut GlobeScan fand bei den Deutschen unter anderem überraschend große Mängel im Umweltbewusstsein: Nur 43 Prozent gaben an, wegen der aktuellen ökologischen Probleme beunruhigt zu sein - das liegt zwölf Prozentpunkte unter dem internationalen Durchschnitt von 55 Prozent. Lediglich 14 Prozent fühlen sich für die Umweltprobleme verantwortlich, während es im Schnitt aller 17 Länder 31 Prozent sind. Auch die oft beschworene Klimawandel-Panik ist hierzulande kaum existent: Nicht einmal jeder dritte Deutsche glaubt, dass sein Leben sich durch die globale Erwärmung verschlechtern wird.

Schwellenländer auf den Plätzen eins bis drei

An der Spitze des Rankings liegt Indien mit einem "Greendex" von 59,5 Punkten, eine Verbesserung von 1,5 Punkten gegenüber 2008. Auf Rang zwei liegt Brasilien, das einzige Land, das sich gegenüber dem vergangenen Jahr verschlechtert hat - von 58,6 auf 57,3 Punkte. Platz drei geht an China mit 56,7 Punkten (2008: 55,2).

Weniger überraschend als das Abschneiden der Schwellenländer ist, dass die USA erneut abgeschlagen auf dem letzten Platz gelandet sind - mit großem Rückstand auf Kanada, das auf Platz 16 rangiert. Zudem verzeichneten die USA mit einem Plus von 1,3 Punkten gegenüber 2008 einen der geringsten Zugewinne. Wenigstens in dieser Disziplin liegen die Deutschen vorn: Sie verbesserten sich um drei Punkte - nach Spanien (plus 3,4) und gleichauf mit Frankreich das zweitbeste Resultat.

Dass es insgesamt für die Deutschen nicht zu einer besseren Plazierung gereicht hat, dürfte vor allem einen Grund haben: die Teutonen pflegen eine geradezu exzessive Liebe zum Trinkwasser in Flaschen. In vielen Staaten, sogar den USA, gelten insbesondere die Edel-Wässerchen aus fernen Ländern als ökologisches Teufelszeug. Und das zu Recht, wie Experten immer wieder betonen. Denn selbst wenn die Flaschen nicht aus Italien, Frankreich oder gar von den Fidschi-Inseln eingeflogen werden, ist ihre Öko-Bilanz verheerend.

Deutsche Weltmeister im Flaschenwasser-Verbrauch

Das Wasser muss in die Fabrik transportiert werden, unter hohem Energieeinsatz abgefüllt und von dort aus in Supermärkte gebracht werden. Von dort aus wiederum bringt der Endverbraucher das teure Nass heim - aufgrund des hohen Gewichts meist per Auto. Eine Studie in der Schweiz kam im Juli 2008 zu dem Ergebnis, dass im ungünstigsten Fall das Äquivalent von mehr als 0,3 Litern Erdöl verbraucht wird, um einen Liter Flaschenwasser zum Endverbraucher zu bringen. Bei Leitungswasser hingegen werde mit 0,3 Millilitern weniger als ein Tausendstel fällig. Hinzu kommt der Verpackungsmüll, denn längst nicht alle Mehrwegflaschen finden ihren Weg zurück in den Supermarkt.

Dennoch nuckeln die Deutschen wie verrückt an der Flasche: 68 Prozent gaben bei der "Greendex"-Umfrage an, täglich abgefülltes Wasser zu trinken - das ist einsamer Weltrekord. In Schweden, dem in dieser Hinsicht vorbildlichsten Land, sind es ganze sechs Prozent. Die Skandinavier haben anscheinend schon verinnerlicht, was Experten auch in Deutschland immer wieder, bisher aber vergebens, betonen: dass Leitungswasser zu den am strengsten kontrollierten Nahrungsmitteln gehört und härtere Vorschriften erfüllen muss als abgefülltes Wasser.

Letzteres ist zudem kürzlich mehrfach in die Schlagzeilen geraten: Im März haben Frankfurter Forscher herausgefunden, dass insbesondere das Wasser aus Kunststoffflaschen oft mit Umwelthormonen belastet ist. Im Sommer 2008 kam die Stiftung Warentest zu dem Ergebnis, dass insbesondere PET-Flaschen von Billigdiscountern oft chemische Stoffe ins Wasser entlassen, die zwar keine Gesundheitsgefahr darstellen, aber einen äußerst faden Beigeschmack hinterlassen.

Schwellenländer oft aus Armut umweltfreundlich

Dass gerade die Schwellenländer in der "Greendex"-Studie so gut abschneiden, liegt freilich nicht immer an größerem Umweltbewusstsein, sondern oft an purer Not. So gehen in Indien oder China die Menschen öfter zu Fuß oder benutzen ein Fahrrad, was sich positiv auf ihren "Greendex" auswirkte. Das aber dürfte sich ändern, sobald sich mehr Bewohner dieser Länder ein Auto leisten können. An den "Greendex"-Zahlen ist das schon jetzt abzulesen: Brasilien, China, Indien und Russland gehören zu den Ländern, in denen sich die Öko-Bilanz in Sachen Fortbewegung am deutlichsten verschlechtert hat.

Zwei Entwicklungen geben dennoch Anlass zur Hoffnung. Zum einen ist das Umweltbewusstsein in den Schwellenländern der Umfrage zufolge überraschend stark ausgeprägt: Die Befragten in China, Südkorea und Brasilien äußerten die größten Sorgen bezüglich der Umweltverschmutzung.

Der zweite Faktor, der sich positiv auswirkt, ist die globale Wirtschaftskrise. 80 Prozent der Befragten, die im Laufe des vergangenen Jahres ihren privaten Energieverbrauch gedrosselt haben, taten dies nach eigenen Angaben hauptsächlich aus Kostengründen. Ähnlich sah es bei denjenigen aus, die ihren Spritverbrauch reduziert haben: 75 Prozent von ihnen gaben Geldersparnis als einen der beiden Hauptgründe an.

"Es ist interessant, dass die wirtschaftlichen Umbrüche einen Hoffnungsschimmer für die Umwelt darzustellen scheinen", sagte National-Geographic-Manager Terry Garcia. "Aber werden die positiven Verhaltensänderungen überleben, wenn sich die Wirtschaft erholt?"