Internes Regierungspapier Staaten versagen endgültig beim Meeresschutz

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2. Teil: Der Nordseeboden ist übersät mit Kunststoff


Besonders belastet sei die Deutsche Bucht. In dem schmalen Meeresabschnitt der Nordsee treiben acht Millionen Müllteile. Ähnlich verschmutzt ist die südliche Nordsee, dort wurden pro Quadratkilometer durchschnittlich 575 Müllteile gezählt. Strömungen machen Abfall mobil: Die Hälfte des Mülls an der Schwedischen Küste stammt aus britischen Gewässern.

Entlang der Strände von Nordsee und Nordatlantik liegen nach Angaben des Bundes auf einem 100 Meter kurzen Strandabschnitt durchschnittlich 712 Müllteile, mancherorts gar 1200. "Es reicht aber nicht, ab und zu mal die Strände zu fegen", sagt Meeresbiologe Groß. Denn gut zwei Drittel des Mülls würden auf den Meeresgrund sinken. Der Boden der Nordsee ist den offiziellen Zahlen zufolge mit 600.000 Kubikmetern Abfall übersäht, das entspricht dem Volumen von rund zweieinhalb Cheops-Pyramiden. Auf jeden Quadratkilometer Nordseegrund kommt damit ziemlich genau ein Kubikmeter Müll.

An Vorschlägen für Maßnahmen gegen die Verschmutzung mangelt es nicht. Das Strategiepapier der Bundesregierung schlägt vor, klein anzufangen: Zunächst sollten Kriterien für einen guten Zustand der Meere beschrieben und die Ozeane und ihre Lebewesen besser erforscht werden, um die "diffuse Informationslage" zu ändern. Ob die bisherigen Forschungsmethoden dafür geeignet seien, bleibe "ein unzureichend gelöstes Problem".

Fischer sollen Müll sammeln

Auch konkrete Maßnahmen hat die Regierung im Gepäck: "Robuste Müllsäcke" sollten dem Strategie-Papier zufolge an Fischer verteilt werden, damit sich 500 von ihnen in der Nordsee als Müllsammler betätigten. Doch die Fischer seien selbst ein Problem, nicht nur bei der Plastikentsorgung: Eine große Gefahr für Meerestiere stellen nach Angaben der Bundesregierung Geisternetze dar, also führungslos im Wasser treibende Fischernetze. Es sollte geprüft werden, ob Netze künftig mit Sendern ausgestattet werden könnten, heißt es in dem Strategiepapier.

Generell müsse auf Schiffen der Einsatz von Recycling und Nachfüllsystemen gefördert werden. Auch Mülltrennung sei wünschenswert, jedoch keine Müllpresse - darin sei der Müll "nicht mehr identifizierbar". "Auch strengere Kontrollen und höhere Strafen" sollten nach Auffassung der Bundesregierung angewendet werden.

"Müll-Tagebücher würden endlich Aufschluss über den tatsächlichen Müllverbrauch geben", sagt Onno Groß von Deepwave. Auf einem durchschnittlichen Containerschiff fallen täglich 100 Kilogramm Abfall an. Würde im Hafen zu wenig entsorgt, sollten "drastische Strafen" erhoben werden, meint auch Thilo Maack von der Umweltorganisation Greenpeace.

Hafengebühren sollten genutzt werden, um die Abfallentsorgung zu finanzieren, meint Groß: "Was auf Campingplätzen gängige Praxis ist, sollte auch für die Schifffahrt gelten". Doch die Bundesregierung hat wenig Hoffnung auf Besserung: "Solange die Müllannahme in Häfen nicht kostenfrei ist", heißt es im Strategiepapier, "wird sich die Einstellung der Seeleute nur schwer ändern lassen."

insgesamt 114 Beiträge
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smerfs 04.02.2010
1. überbelegt
eine welt die für 100.000.000 menschen konzipiert wurde ist sechzigfach überbelegt und das sind die konsequenzen!
zbigbrz 04.02.2010
2. depri
Grauslig. Man bekommt Depressionen von dem Artikel. Einfach grauslig.
kdshp 04.02.2010
3. aw
Zitat von sysopTausende Tonnen Abfälle treiben in den Weltmeeren, gefährden Mensch und Tier. Jetzt enthüllt ein vertrauliches Dokument der Bundesregierung, das SPIEGEL ONLINE vorliegt: Die Bemühungen von Uno und EU zur Bekämpfung der Müllflut sind komplett gescheitert - Experten sind entsetzt. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,675899,00.html
Hallo, ich bin nicht entsetzt weil es klar war das nix passiert bzw. viel zu wenig. Also was soll die aufregung ?
tropico 04.02.2010
4. Wie...
...positioniert sich der Mensch langfristig in der Welt? Ich denke, dass Konsumenten speziell in Westeuropa in den letzten Jahren gedanklich einen Schritt in die richtige Richtung gemacht haben, indem sie anfangen darüber nachzudenken, was sie konsumieren und wie sehr sie damit die Umwelt belasten, aber dennoch wird es leider noch sehr sehr lange dauern, bis der Mensch nicht mehr auf Kosten seiner Zukunft lebt, speziell, wenn man sich vor Augen führt, dass Schwellenländer wie Indien und China erst in den letzten Jahren den Motor angeworfen haben. Ich hoffe für uns alle, dass die Regierungen länderübergreifend sich zusammenraffen und die momentanen Probleme gemeinsam anzupacken. Wenn nicht: Zum Teufel mit ihnen!
wer es glaubt wird selig 04.02.2010
5. Muell zurueck zum Produzenten
.....es ist an der zeit ein Gesetz zu veranschieden, welches dafuer sorgt, das jeder Hersteller fuer das Recycling / Wiederverwertung seines eigenen Produktes incl. Verpackung verantwortlich gemacht wird. Nur so werden auch schon bei der Herstellung eines jeden Produktes alle umweltfreundlichen oder Recycling Optionen beruecksichtigt und am Ende ist nicht die Verantwortung beim Verbraucher sondern beim Hersteller......wie sich das gehoert!!!
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