Internes Strategiepapier EU fahndet nach neuen Rohstoffquellen

Europas Industrie droht eine Rohstoffkrise. Ein internes Strategiepapier der EU, das SPIEGEL ONLINE exklusiv vorliegt, zeigt, wo versteckte Schätze zu finden sind: in Mülltonnen, in Naturschutzgebieten, bei neuen Verbündeten. Doch Kritiker fürchten, dass das nicht genügt.
Schmelzofen für Vanadium-Legierungen: Alarmstimmung in der deutschen Industrie

Schmelzofen für Vanadium-Legierungen: Alarmstimmung in der deutschen Industrie

Foto: dapd

Metalle, Holz oder Treibstoffe bilden das Fundament des Wohlstands - doch die Lieferung mancher Rohstoffe stockt. Geologen warnen seit langem, Bodenschätze könnten knapp werden; es würden zu geringe Mengen gefördert. Folglich drohen Firmen gravierende Produktionsausfälle. Bei manchen deutschen Unternehmen ist der Ernstfall bereits eingetreten, ihnen gehen Hightech-Metalle aus. "Eine Versorgungskrise hat begonnen", sagt der Geologe Harald Elsner von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR).

Rohstoffen

Um Lieferungen von sicherzustellen, arbeiten Experten der Europäischen Union seit Jahren an einer neuen Strategie. In zwei Wochen will der EU-Kommissar für Verkehr und Industrie, Antonio Tajani, das Papier im europäischen Parlament vorstellen. SPIEGEL ONLINE hat den Entwurf der neuen EU-Rohstoffstrategie vorab erhalten. Darin finden sich die Maßnahmen, die den Bedarf an wichtigen Rohstoffen sichern sollen:

  • Im Abfall von Industrie und Haushalten lagern massenweise Metallschätze. Uno-Experten haben ermittelt, dass zum Beispiel in 41 Mobiltelefonen die gleiche Menge Gold steckt wie in einer Tonne Golderz . "Der Großteil" der 20 Millionen Tonnen Elektroschrott, die jährlich in der EU anfielen, würde nicht recycelt, heißt es im EU-Strategiepapier. Diese "urbanen Minen" sollen nun durch Wiederverwertung der Metalle erschlossen werden. "Deutschland muss mithelfen, dass diese Ressourcen nicht durch illegale Elektroschrottexporte verschwinden", sagt Reinhard Bütikofer, Berichterstatter für Rohstoffe im Europäischen Parlament und industriepolitischer Sprecher der Grünen/EFA-Fraktion. Laut EU-Papier sollen nun "präzise Kontrollmechanismen" entwickelt werden.
  • Die EU will Firmen mit Krediten und Bürgschaften unterstützen, Rohstoffe aufzutreiben.
  • Geologen aus der EU sollen helfen, das "geologische Wissen in Entwicklungsländern zu verbessern". Auch die Zusammenarbeit der Geologen innerhalb der EU müsse ausgebaut werden, um bessere Kenntnisse über Bodenschätze zu gewinnen.
  • Im Rahmen des 17 Millionen Euro teuren europäischen Forschungsprojekts ProMine, das im letzten Jahr gestartet wurde, soll mit neuer Technologie nach Rohstoffen gefahndet werden. Es gelte auch, den Untergrund Europas besser zu nutzen - neue Kartierungen von Rohstoffen sollen die "Vermögenswerte der EU" erhöhen. Im Falle großer Lagerstätten müssten auch Naturschutzgebiete in die Planungen einbezogen werden, heißt es im Strategiepapier. Obgleich die Eigenverantwortung der EU-Staaten respektiert werde, müssten die Anstrengungen zur Rohstoffgewinnung besser kontrolliert werden.
  • Die meisten Rohstoffe will die EU durch neue Handelsverträge mit Ländern außerhalb der EU erschließen. Um die Abhängigkeit von bisherigen Rohstofflieferanten zu überwinden, will die EU bei "vorrangigen Rohstoffen" verstärkt auf Drittländer zugehen - gegebenenfalls mittels eines "Streitbeilegungsmechanismus'", wie es im Strategiepapier heißt.

"Erfolgversprechende Verhandlungen" mit Rohstoffländern aus Südamerika, mit Indien und Kanada sollen demnach fortgesetzt werden; der Dialog mit anderen Rohstoffstaaten wie China, der Mongolei, Russland, Kasachstan, Weißrussland oder Aserbaidschan soll verstärkt werden. Mit afrikanischen Ländern solle eine "Win-Win-Situation" hergestellt werden, heißt es in dem Papier: Sie hätten ihren Rohstoffreichtum "oft nicht in nachhaltiges Wachstum umsetzen können". Die neue EU-Rohstoffstrategie solle Aufschwung in Afrika und Rohstoffsicherheit in Europa bringen.

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Neue Technologien: Um diese Rohstoffe kämpfen die Firmen

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Um den Handel mit afrikanischen Ländern zu verbessern, möchte die EU die 2003 begonnene "Initiative für Transparenz in der Rohstoffwirtschaft" der Welthandelsorganisation WTO gegen Korruption finanziell und politisch unterstützen. Die EU-Kommission und die Europäische Investmentbank EIB sollen in Zusammenarbeit mit afrikanischen Ländern die "am besten geeignete Infrastruktur fördern" - bessere Verkehrswege könnten demnach die Lieferung wichtiger Metalle aus Afrika erhöhen.

"Das wichtigste Vorhaben fehlt in dem Papier"

Die neue EU-Strategie ist noch nicht veröffentlicht, da erntet sie schon Kritik: "Das wichtigste Vorhaben fehlt in dem Papier", sagt Grünen-Europapolitiker Bütikofer: "Eine konzentrierte Anstrengung zu Ressourceneffizienz, also zur sparsameren Nutzung der Bodenschätze." Japan etwa habe diese Absicht in seiner Rohstoffstrategie an erster Stelle verankert.

Auch für den aktuellen Engpass bei Hightech-Metallen, den sogenannten Seltenen Erden, biete die EU-Strategie wenige Instrumente, sagt Bütikofer. China hat 2009 nahezu sämtliche Seltenen Erden gefördert. Die EU möchte sie nun verstärkt aus Afrika kaufen, doch bislang verteuern afrikanische Länder Metalle mit teils hohen Zöllen.

Die EU reagiert darauf zunehmend irritiert. Als Warnung an Rohstoffländer werteten Beobachter zuletzt etwa die Aussagen von EU-Handelskommissar Karel De Gucht: "Einige Regierungen entwickeln eine Industriepolitik, die Lieferengpässe und andere Störungen hervorruft", sagte De Gucht vergangene Woche in Brüssel. Bütikofer kritisiert das: Der "starke Fokus der neuen EU-Strategie auf Rohstoffe aus Afrika samt etlichen Drohgebärden" überzeuge ihn nicht.

Die EU-Kommission erwartet nun, dass der Wirtschaftsaufschwung in China, Indien und Brasilien zu einer erheblich steigenden Nachfrage nach Rohstoffen führen werde. Die Produktion von Hightech-Produkten werde den Bedarf an manchen Metallen in den nächsten 20 Jahren um das 20-Fache ansteigen lassen, heißt es im EU-Strategiepapier. Die Europäische Kommission hat 14 "kritische Metalle" identifiziert, deren Bedarf sich bis 2030 mehr als verdreifachen könnte, die aber nur in wenigen Ländern gefördert würden - weshalb Lieferengpässe drohten: Antimon, Beryllium, Kobalt, Fluorit, Gallium, Germanium, Grafit, Indium, Magnesium, Niob, Metalle der Platingruppe, Seltene Erden, Tantal, Wolfram.

Inzwischen haben europäische Länder wie Spanien, Griechenland, Rumänien und Schweden, aber auch die USA, Kanada und Australien neue große Bergbauprodukte begonnen. Eine verspätete Reaktion: Die Rohstoffkrise Europas hat sich verschärft, weil viele Firmen aufgrund der Wirtschaftskrise den Abbau der Bodenschätze zurückgefahren hatten.

Der Bergbau in westlichen Ländern könne die Knappheit von Metallen in Europa ohnehin nur allmählich lindern, sagt der Geologe Peter Buchholz von der BGR. Es drohten weiterhin "brisante Engpässe". Die neue EU-Strategie soll die Krise nun mildern: Die EU-Kommission will alle fünf Jahre "kritische Rohstoffe" identifizieren, für die eine gesonderte Strategie erstellt wird.

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