Interview mit Grönlands Außenminister "Das Überleben in der Arktis macht zäh"

Grönland kann als einer von wenigen Staaten vom Klimawandel profitieren. Außenminister Per Berthelsen erklärt im SPIEGEL-ONLINE-Interview, wie sein Land mit dem Abbau von Rohstoffen unabhängig werden und seine Interessen durchsetzen will.


SPIEGEL ONLINE: Herr Minister, ist Grönland ein Gewinner oder ein Verlierer des Klimawandels?

Berthelsen: Momentan sind wir ein Verlierer. Sehen Sie sich die Jäger und vor allem die Fischer in Nordgrönland an. Früher konnten sie vier Monate lang auf dickem Eis fischen, heute bleibt ihnen noch ein Monat. In den anderen dreien ist das Eis zu dick für Boote und zu dünn für Hundeschlitten. Das bringt eine Menge sozialer und finanzieller Probleme. Aber ich hoffe, und ich bin sicher, dass wir es schaffen werden, in Zukunft neue Einnahmequellen zu erschließen - und auf diese Weise zu einem Gewinner des Klimawandels zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen die Ausbeutung von Rohstoffen …

Berthelsen: Natürlich! Ein wärmeres Klima macht es einfacher, Mineralien abzubauen und vor unseren Küsten nach Öl zu suchen. Wir können uns nur an den Klimawandel anpassen und wir müssen lernen, wie wir das tun können. Ich bin sicher, dass wir in den kommenden Jahren Wege finden können, das Meiste aus unseren Möglichkeiten herausholen.

SPIEGEL ONLINE: Damit dürften Sie aber zusätzliche Treibhausgase produzieren. Wenn zum Beispiel in Grönland neue Aluminiumwerke gebaut werden, verschärfen sich Probleme in anderen Teilen der Welt.

Berthelsen: Wir sind Teil des Kyoto-Protokolls und sorgen uns um unsere Treibhausgas-Emissionen. Innerhalb der kommenden fünf Jahre werden wir ein Achtel unseres Bruttosozialprodukts für den Bau von vier oder fünf Wasserkraftwerken aufwenden, um von Diesel zu einer saubereren Energieerzeugung zu kommen. Wir nehmen das Thema ernst und machen uns Gedanken über die negativen Folgen, die der Klimawandel für andere Länder hat. Wir sind Teil einer Welt, in der wir zusammen leben und uns gegenseitig helfen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Einnahmen aus dem Verkauf von Rohstoffen sollen Grönland eines Tages vollständig unabhängig von Dänemark machen. Wann wird das soweit sein?

Berthelsen: Bisher haben wir nicht über Unabhängigkeit gesprochen. Kürzlich haben wir aber einen sehr wichtigen Schritt gemacht. In einem Referendum haben sich 75 Prozent der Wähler für eine Selbstverwaltung ausgesprochen. Ich hoffe, dass das dänische Parlament dieses Referendum bestätigen wird - und wir zum grönländischen Nationalfeiertag am 21. Juni loslegen können. Aber selbst dann werden wir ein Teil Dänemarks sein, für 20 oder 30 weitere Jahre. Wir haben sehr gute Beziehungen zu Dänemark und werden uns darum bemühen, dass das auch so bleibt.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird sich ein unabhängiges Grönland geopolitisch positionieren?

Berthelsen: Als sehr kleines Land sind wir sehr stark davon abhängig, zu so vielen Partnern wie möglich gute Beziehungen zu haben. Durch den Inuit Circumpolar Council haben wir exzellente Kontakte zu den Inuit in Kanada und Alaska, vor allem im kulturellen Bereich. Ich bin sicher, dass es auch im Handelsbereich große Möglichkeiten gibt. Aber das sind hochpolitische Themen - heiße Kartoffeln, wie wir auf Dänisch sagen -, die wir im Detail noch nicht diskutiert haben. Wir konzentrieren uns darauf, gute Beziehungen zu unseren Nachbarn zu entwickeln und zu pflegen.

SPIEGEL ONLINE: Wie steht's mit einer EU-Mitgliedschaft?

Berthelsen: Im Moment gehören wir nicht zur EU. Bevor wir weitere Entscheidungen treffen, müssen wir herausfinden, was wir von einer möglichen Mitgliedschaft haben würden - und was dagegen spräche.

SPIEGEL ONLINE: Die Beziehungen zwischen Grönland und der EU sind traditionell schwierig. Nun bemüht sich Brüssel um eine stärkere Rolle in der Arktis. Was halten Sie davon?

Berthelsen: Wir sind ein sehr kleines Volk und wissen, dass es großes Potential in der Arktis gibt. Deswegen müssen wir flexibel sein und akzeptieren, dass wir nicht allein die nötigen Arbeiten unternehmen können. Aber wir müssen klarstellen, dass wir beteiligt und gehört werden wollen. Unsere Interessen müssen berücksichtigt werden. Die EU kann gern eine aktivere Rolle in der Arktis spielen. Aber wir haben eine Forderung: Europa muss ernsthafter als bisher darauf hören, was wir zu sagen haben. Wenn wir einem stärkeren europäischen Engagement im Arktischen Rat zustimmen sollen, dann müssen wir darauf bestehen, dass die EU unsere Kultur mehr respektiert. Wir können die EU nicht ernst nehmen, so lange sie gegen die nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen wie Robben und Wale in Grönland vorgeht.

SPIEGEL ONLINE: Was ist so besonders an der grönländischen Kultur?

Berthelsen: Egal, wie modern unser Leben wird, wir werden uns immer als Teil der Umwelt verstehen, in der wir leben. Wir haben immer genutzt, was die Natur uns gegeben hat. Das ist der Kern dessen, was wir sind. Obwohl ich einer der führenden Politiker Grönlands bin, fange ich immer noch einige Monate im Jahr meinen eigenen Fisch. Wir sind abhängig von der Natur, wir leben von der Natur. Deswegen ist zum Beispiel ein EU-Embargo für Robbenprodukte aus Grönland komplett lächerlich, und wir werden eine solche Politik bekämpfen. Das Überleben in der Arktis hat uns zäh und dickköpfig gemacht.

Das Interview führte Christoph Seidler



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