Interview mit Jane Goodall - Teil 2 "Ich vermisse das Paradies"


SPIEGEL ONLINE:

Was sind derzeit die größten Gefahren für das Überleben der Schimpansen?

Mit dem Schimpansen Uruhara
Michael Neugebauer

Mit dem Schimpansen Uruhara

Goodall: Die große Nachfrage nach Buschfleisch und die Rodung der Wälder bedrohen ihre Zukunft am meisten. Derzeit gibt es nach großzügigen Schätzungen noch etwa 200.000 Schimpansen auf der Welt. Diese sind jedoch über 21 Länder verstreut. Ein Großteil der Populationen sind langfristig nicht überlebensfähig. Gombe ist selbst ein Beispiel dafür. Nur in vier Ländern gibt es stabile Bestände von mehr als 5000 Tieren: in den beiden Kongos, Gabun und Kamerun. Und das ist genau da, wo der Handel mit Buschfleisch das schlimmste Ausmaß erreicht hat. Die Jäger erschießen dort alles, was sie sehen: Elefanten, Gorillas, Schimpansen, Bonobos, Antilopen, Affen bis zu Fledermäusen und Vögeln. Sie räuchern oder trocknen das Fleisch, laden es auf ihre Laster und bringen es in die Städte, wo die Leute Spitzenpreise dafür zahlen. Es wird sogar illegal exportiert und in exotischen Restaurants in Europa und Amerika angeboten. In anderen Ländern - zum Beispiel in Tansania - ist die Zerstörung des Habitats durch die Abholzung der Wälder das größte Problem.

SPIEGEL ONLINE: Was können wir für das Überleben der Schimpansen tun?

Goodall: Das Problem ist, dass die meisten Organisationen nur diskutieren, Pläne schmieden, Unterschriften sammeln, das Bewusstsein der Menschen schärfen - alles wichtige Dinge, aber währenddessen sterben die Schimpansen. Wir versuchen, Dinge zu tun, die auch etwas bewirken. Mit unserem Buschfleisch-Programm haben wir bereits erste Erfolge im Kongobecken, indem wir die Menschen dort aufklären und ihnen erklären, warum sie dieses Fleisch nicht mehr essen dürfen.

Dann wollen wir auch große Organisationen wie die Weltbank in unsere Aktivitäten einbeziehen. Ich plane gerade mit Richard Leakey, dem Sohn von Louis, einige der wichtigen Staatsoberhäupter in Afrika zu besuchen, um mit ihnen über den Schutz von Schimpansen zu sprechen. Für diese Aktion suchen wir jedoch noch die Unterstützung der wichtigen westlichen Regierungen. Wir werden bestimmt nicht auf George W. Bush zählen können, aber wir wollen uns an einige Regierungen in Europa wenden: Deutschland, Großbritannien, die Niederlande und natürlich Frankreich, dem wegen seiner Bande in die ehemaligen Kolonien eine essenzielle Bedeutung zukommt.

SPIEGEL ONLINE: Denken wir an die großen Primatenforscher, fallen einem sofort Ihr Name sowie die von Diane Fossey und Birute Galdikas ein. An den Universitäten sind 80 Prozent der Primatologie-Studenten Frauen. Wie kommt das?

"Ohne Hoffnung gibt es keine Zukunft"
Dominik Baur

"Ohne Hoffnung gibt es keine Zukunft"

Goodall: Ich vermute, Diane, Birute und ich waren Vorbild für viele Frauen. Wir haben gezeigt, dass wir etwas tun können, was zuvor als Männersache galt. Wir zogen einfach in den Wald und lebten mit den Tieren. Als ich begann, Schimpansen zu beobachten, gab es so etwas wie Feminismus noch gar nicht. Ich dachte auch nicht daran, dass das mein Lebensunterhalt würde. Ich erwartete, dass ich eines Tages heiraten und mein Mann sich dann schon um mich kümmern würde. Wir hatten daher nicht den gleichen Druck, den ein Mann gehabt hätte.

SPIEGEL ONLINE: Liegt es vielleicht auch daran, dass Frauen bessere Beobachter sind?

Goodall: Louis dachte das. Vielleicht ist da etwas dran. Als mögliche oder wirkliche Mütter haben Frauen ein sehr gutes intuitives Verständnis für die Wünsche und Bedürfnisse von Babys. Vielleicht sind wir dazu prädestiniert, jemanden zu verstehen, der nicht spricht.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Gombe oft als Paradies bezeichnet. Und doch sind Sie kaum noch dort. Vermissen Sie es nicht?

Goodall: Oh doch. Ich vermisse das Paradies. Zum Glück habe ich das Paradies immer dabei. In mir drin. Ich behalte es da.

SPIEGEL ONLINE: Genügt Ihnen das?

Goodall: Es muss. Ich habe mich bewusst für dieses Leben entschieden. Das war 1986. In diesem Jahr haben wir eine große Konferenz zum Thema "Understanding Chimpanzee Behaviour" abgehalten. Da sind alle Biologen, die sich in Feldstudien mit Schimpansen beschäftigten, zusammengekommen. Es war das erste Mal, dass es eine so große Konferenz gab, die sich mit nur einem Tier beschäftigte. Da ging es um die Zerstörung der Umwelt, die Schimpansen, die in Fallen gefangen werden, Schimpansenmütter, die erschossen werden, und die Situation der Tiere in Laboren und Zoos. Als ich all diese Vorträge hörte, habe ich erkannt: Ich habe so viel von den Schimpansen gelernt, sie haben mir meine Karriere ermöglicht, jetzt muss ich das nutzen, was sie mir beigebracht haben, und ihnen helfen.

SPIEGEL ONLINE: Dafür ist es nötig, dass man das Leben im Paradies gegen das im Hotel eintauscht?

Goodall: Ja. Wenn jetzt jemand käme und sagte, ich stifte Ihrem Institut Millionen von Dollars. Sie müssen nicht mehr durch die ganze Welt reisen und Spenden sammeln, Sie können zurück zu Ihren Schimpansen gehen und mit ihnen leben, es würde nicht funktionieren. Ich reise nicht nur herum, um Spenden zu sammeln. Ich ziehe durch die Welt, um Bewusstsein zu wecken und den Menschen Mut zu machen. Denn ohne Hoffnung gibt es keine Zukunft.


Wenn Jane Goodall nach Gombe kommt, ist Schimpansin Fifi jedes Mal zur Stelle. Lesen Sie den letzten Teil des Interviews mit Jane Goodall: "Einmal die Welt mit den Augen eines Schimpansen sehen".




© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.