Schiffsverkehr und invasive Arten Welcher blinde Passagier zum Problem wird

Meeresbewohner können durch den Schiffsverkehr in weit entfernte Regionen gelangen und sich dort ausbreiten. Ein neues Modell soll vorhersagen, welche Arten gefährlich werden.

Aufnahme in neuseeländischen Gewässern
Corbis

Aufnahme in neuseeländischen Gewässern


Muscheln, Algen, Krebse, Fische - sie alle reisen als blinde Passagiere im internationalen Schiffsverkehr mit und werden so heimisch in fremden Ökosystemen: Große Frachter pumpen zur Stabilisierung oft enorme Mengen Meerwasser in ihre Ballasttanks. Mit dem Ballastwasser oder am Schiffsrumpf können sie Meeresbewohner in weit entfernte Regionen einschleppen. Finden die Arten dort ähnliche Lebensbedingungen vor wie in ihrer Heimat, können sie sich ausbreiten. Und möglicherweise Schäden anrichten, die die heimische Flora und Fauna stark beeinträchtigen.

Doch welche Arten sind besonders erfolgreich dabei, auf Kaperfahrt zu gehen? Das war bisher nur schwer vorhersagbar. Deutsche Forscher haben nun ein Programm erstellt, das mit hoher Wahrscheinlichkeit angibt, welche Arten mit dem Schiffsverkehr in eine bestimmte Region gelangen und sich dort ansiedeln.

Das berichtet das Team um Hanno Seebens vom Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum (BiK-F) in Frankfurt am Main gemeinsam mit Kollegen der Universität Oldenburg in den "Proceedings" der US-Nationalen Akademie der Wissenschaften ("PNAS").

Fotostrecke

19  Bilder
Invasive Arten: Neubürger im Biotop

Die Wissenschaftler um Seebens nutzten ein mathematisches Modell, das Daten über Schiffsbewegungen und -größen mit Wassertemperaturen und Salzgehalt des Wassers verbindet. Ähnliche Modelle wurden schon früher verwendet. "Wir haben nun ein solches Modell angepasst und mit Verbreitungskarten von potenziell invasiven Arten gekoppelt", sagt Seebens. "Dadurch konnten wir die Arten vorhersagen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit in eine bestimmte Meeresregion einwandern werden."

Vorsicht bei "Hochrisiko-Arten"

Zunächst simulierten die Forscher die Streuung von 40 Arten von Meereslebewesen von ihrer ursprünglichen Heimat aus. Der Vergleich mit der dokumentierten Verbreitung zeigte, dass das Modell die Invasionen mit einer Genauigkeit von 77 Prozent vorhersagte.

Anschließend prüften die Forscher anhand der Ausbreitung von rund hundert Algenarten, in welchen Meeresregionen sich diese Spezies ansiedeln könnten.

Die Autoren ordneten die Algen in drei Kategorien ein:

  • "Aufstrebende Arten" haben ein kleines Verbreitungsgebiet und eine geringe Chance, sich anderswo anzusiedeln.
  • "Hochrisiko-Arten" haben eine mittelgroße Verbreitung und große Chancen, in fremde Regionen einzudringen.
  • Für "weitverbreitete Arten" gibt es nur noch wenige Gebiete, in die sie einwandern könnten.

Bestätigt wird das Modell durch Berichte über zwei Algen, die neuerdings in der Nordsee auftreten: Prorocentrum minimum und Polysiphonia harveyi. In der Datenbank, die die Forscher für die Simulationen verwendeten, tauchten sie noch nicht als Bewohner der Nordsee auf. Die Berechnung ergaben eine Einordnung in die Hochrisikogruppe.

Generell ist die Gefahr einer Invasion etwa in der Nordsee höher als bisher vermutet - insbesondere aus Regionen um Japan und China. "Die Meere in Ostasien und in Nordeuropa teilen ähnliche Umweltbedingungen und sind durch Schiffsverkehr gut verbunden, was die Wahrscheinlichkeit eines Austauschs zwischen beiden Regionen steigert", schreibt das Team.

Von Stefan Parsch, dpa/joe

Mehr zum Thema


insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Ringmodulation 19.04.2016
1. Warum die Beschränkung auf Salzwasser?
Das Problem besteht in Flüssen genauso, kann dort sogar viel dramatischer ausfallen, weil die Gesamtfläche eines Flussbetts kleiner ist als der Meeresboden, so dass es schnell passieren kann, dass Populationen vollständig ausgelöscht werden und nicht mehr aus umliegenden Gebieten wieder einwandern können.
permissiveactionlink 19.04.2016
2. #1, ringmodulation
Dieser Hinweis auf Neozoen in Süßwasserökosystemen ist sehr wichtig, egal ob die Einschleppung über Ballastwasser, künstliche Kanäle oder gezielte Freisetzung erfolgt. Im Rhein findet gerade ein ökologisches Drama durch vom schwarzen Meer aus über den Rhein-Main-Donau-Kanal eingeschleppte Grundeln (Familie Gobiidae) statt, genauer die Kessler-Grundel (Ponticola kessleri), die Schwarzmaulgrundel (Neogobius melanostomus), die Flussgrundel (Neogobius fluviatilis) und die Marmorgrundel (Proterorhinus semilunaris). Alle diese Arten dezimieren durch den Verzehr von Fischbrut einheimische Arten. Das Ausmaß der Katastrophe für die heimische Fischwelt im Rhen findet man unter : www.rheinfischerei-nrw.de/fischereithemen/grundel-problematik
Celegorm 20.04.2016
3.
Zitat von RingmodulationDas Problem besteht in Flüssen genauso, kann dort sogar viel dramatischer ausfallen, weil die Gesamtfläche eines Flussbetts kleiner ist als der Meeresboden, so dass es schnell passieren kann, dass Populationen vollständig ausgelöscht werden und nicht mehr aus umliegenden Gebieten wieder einwandern können.
Die "Beschränkung" dürfte keineswegs daran liegen, was man nun als "dramatischer" einstuft, sondern wohl eher durch die Limitation der vorhandenen Daten und Modelle begründet sein. Ozeanographische Modelle, internationale Schiffsverkehrdaten, etc. sind relativ einfach zugänglich und betrachten die Problematik relativ grossflächig. Auf einem ähnlich globalen Massstab Süsswassersysteme analysieren zu wollen, wäre hingegen eine wesentlich aufwendiger Aufgabe, gerade eben wegen der Kleinteiligkeit was Eigenschaften von Gewässern und Verbreitung von Populationen angeht. Kommt hinzu, dass die Verbreitungswege von invasiven Arten im Süsswasser auch vielfältiger und damit komplexer sind, wobei die grossen Warenströme diesbezüglich eher irrelevant sein dürften im Vergleich zu anderen Wegen, wie eben künstliche Gewässerverbindungen, vorsätzliches Aussetzen, etc. Gerade das lässt sich aber kaum vorhersagen. Interessant wäre in dem Kontext auch noch, dass auch invasiven Arten nicht zwingend ein Problem sind bzw. nicht unbedingt als solches betrachtet werden, wenn diese zu einem wirtschaftlichen Mehrwert führen. An den Königskrabben und seit neustem auch Schneekrabben in der Barentssee stört sich beispielsweise kaum jemand, auch die Regenbogenforelle wird vielerorts in Europa relativ wohlwollend geduldet..
frenchie3 20.04.2016
4. Eine schöne Arbeit
aber sinnvoll? Da es mehr oder weniger so gut wie keine Möglichkeiten gibt etwas gegen die Einwanderung zu tun kann man jetzt lediglich vorhersagen was man in ein paar Jahren mit Sicherheit weiß. Ich wage mal zu behaupten daß sich niemand die Mühe machen wird jetzt schon über potentielle Abwehrmaßnahmen nachzudenken.
Butenkieler 20.04.2016
5. Forschungsarbeiten
sind für die Allgemeinheit selten sehr verständlich. So kann man diese nicht als sinnvoll oder weniger sinnvoll einordnen wollen. Und manche Forschungen erweisen sich erst in weiterer Zeit als durchaus tragfähig. Und ob etwas sinnvoll ist, läßt sich in einem Blick über den großen Teich, sprich: Atlantik erst ersehen. Was die Amerikaner betreiben, das keine ausländischen Arten sich nach Nordamerika einschleppen lassen, schlägt so manchem Faß den Boden aus. Also, nicht immer alles gleich zerreden.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.