Forscher-Revolte "Uno-Klimabericht vom Kopf auf die Füße stellen"

Verzichtbar, uninteressant, ineffizient: Uno-Forscher wollen keine großen Klimaberichte mehr verfassen. Der führende Klimatologe Jochem Marotzke fordert im Interview radikale Reformen.
Sturm nahe Sydney, Australien: Grollende Klimaforscher

Sturm nahe Sydney, Australien: Grollende Klimaforscher

Foto: DAVID GRAY/ REUTERS

Der Anspruch ist gewaltig: Alle paar Jahre sollen Klimaforscher im Auftrag der Staatengemeinschaft ihr gesamte Wissen zusammenstellen. Sie haben jeweils fünf Jahre Zeit. Doch jetzt haben sie genug von der Mammutaufgabe.

Zum fünften Mal seit 1990 hatten sich Umweltforscher im Auftrag der Uno-Klimarats IPCC in den letzten fünf Jahren der Herausforderung gewidmet. Sie haben drei Klimaberichte erarbeitet, die zusammen mehr als 5000 Seiten umfassen. Allein für den ersten Teil wurden nach IPCC-Angaben 9200 Studien gesichtet, 54.677 Kommentare geprüft, um schließlich 1552 Seiten Sachstand widerzugeben.

Detailliertes Wissen wird dargelegt. Der Leser erfährt beispielsweise, wie Aerosole Cirruswolken verändern, wie stark Simulationsergebnisse bei der Berechnung von Starkregen im Süden Neuseelands schwanken, oder dass sogenannte Omega-Wetterlagen über manchen Regionen im Südpazifik sehr häufig sind. Keine andere Wissenschaft hat ihr Wissen so übersichtlich dokumentiert.

"Entscheidende Fragen sind beantwortet"

Doch der Aufwand ist immens. Viele Klimaforscher opfern einen Gutteil ihrer Zeit für das Projekt. Die Mitarbeit am IPCC-Report stärkt zwar zweifellos das Renommee der Autoren. Aber hilft der Klimabericht der Politik wirklich weiter? Trotz 22 Jahren Klimaverhandlungen hat die Staatengemeinschaft bislang so gut wie keine Konsequenzen aus den Ergebnissen von fünf Klimaberichten gezogen.

Die entscheidenden Botschaften des IPCC seien längst ausreichend bekannt, meint das Fachblatt  "Nature Geoscience": "Die zwei großen Fragen, für die der Klimarat gegründet wurde, hat er beantwortet": Ändert sich das Klima? Und wenn ja, ist der Mensch schuld? Die Antwort laute zweimal ja, hat der IPCC nun erneut unterstrichen.

Nun planen führende IPCC-Forscher die Revolution. Der Vorsitzende der Uno-Klimaverhandlungen in Stockholm, Thomas Stocker, etwa plädiert für kleine Klimaberichte zu einzelnen Fragen. Es wäre des Ende der großen "Blockbuster"-Berichte, die alle paar Jahre für große Schlagzeilen sorgten.

Der leitende IPCC-Forscher Jochem Marotzke erläutert im SPIEGEL-ONLINE-Interview eine mögliche Radikalreform der Uno-Klimaberichte:

Zur Person
Foto: KlimaCampus HH

Der Ozeanograf und Klimaforscher Jochem Marotzke ist Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg. Er hat als koordinierender Leitautor am fünften Bericht des Weltklimarats IPCC führend mitgearbeitet.

SPIEGEL ONLINE: Herr Marotzke, Sie waren in führender Funktion am IPCC-Bericht beteiligt. War es den Aufwand wert?

Marotzke: Ich habe große Zweifel. Wir überlegen, wie die Arbeit des IPCC umgestaltet werden könnte. Tiefgreifende Änderungen sind notwendig.

SPIEGEL ONLINE: Was läuft falsch?

Marotzke: Der Bericht ist zwar effektiv, er liefert eine umfassende und genaue Bewertung des Wissens übers Klima. Aber er ist nicht effizient.

SPIEGEL ONLINE: Der IPCC verschwendet Ressourcen?

Marotzke: So würde ich es nicht ausdrücken, das würde dem historischen Verdienst des IPCC nicht gerecht. Aber ich glaube nicht, dass wir den IPCC-Bericht in diesem Umfang weiterführen können, der Arbeitsaufwand ist ungeheuer. Ich zum Beispiel habe in den vergangenen vier Jahren etwa ein Viertel meiner Arbeitszeit für den IPCC-Bericht aufgebracht. Das war meiner Rolle auch angemessen, aber wir sollten das nicht zu vielen Kollegen zumuten. Der IPCC muss seine Arbeitsweise fundamental überdenken.

SPIEGEL ONLINE: Teile des IPCC-Berichts sind verzichtbar?

Marotzke: Außerhalb der Forschung wird vom Gesamtbericht nur etwa ein Prozent gelesen, nämlich die Zusammenfassung. Der Wert der restlichen 99 Prozent ist für uns Forscher immens, denn nirgendwo sonst finden wir eine solch sorgfältig erstellte Begutachtung. Aber eine solch umfangreiche Bewertung wird nicht für jeden Bereich der Klimaforschung im Abstand von nur sechs Jahren benötigt.

SPIEGEL ONLINE: Auf welche Themen soll sich der IPCC denn konzentrieren?

Marotzke: Wir sollten uns auf Gebiete fokussieren, die für Entscheidungsträger auch tatsächlich relevant sind, etwa Extremereignisse, Meeresspiegelanstieg oder den Zusammenhang zwischen Klimazielen und Emissionsminderungen. Nur eine Handvoll Themen stößt auf ein genügend breites Interesse außerhalb der Wissenschaft, um die Aufnahme in die Zusammenfassung zu rechtfertigen. Diese Aspekte waren uns praktisch alle bekannt, als wir mit dem Verfassen des Berichts begannen. Wir hätten also auch eine Auslese treffen und manche Themen weglassen können.

SPIEGEL ONLINE: Welche Themen könnten wegfallen?

Marotzke: Den Inhalt sollten wir zusammen mit Regierungsvertretern sehr genau überlegen.

SPIEGEL ONLINE: Wie ginge es weiter?

Marotzke: Es ist an der Zeit, die Erstellung der IPCC-Berichte vom Kopf auf die Füße zu stellen. Bislang wurde der Rahmen des Gesamtberichts zu Beginn in einem einwöchigen Treffen von Wissenschaftlern abgesteckt und anschließend von den Regierungen akzeptiert. Es wird also erst das Angebot entworfen, dann der Report, und ganz zum Schluss wird mit Blick auf die Nachfrage der Politiker die Zusammenfassung geschrieben, mithin der Report auf ein Prozent kondensiert.

SPIEGEL ONLINE: Welches Vorgehen schlagen Sie für die Zukunft vor?

Marotzke: Die Wissenschaftler beginnen erst mit der Arbeit, wenn sie mit Regierungsvertretern die für die Politik relevanten Klima-Themen festgelegt haben. Ausführliche Berichtsteile sollten dann lediglich zur Untermauerung derjenigen Themen dienen, die auch tatsächlich in der Zusammenfassung für Politiker auftauchen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Fortschritte versprechen Sie sich von der IPCC-Reform?

Marotzke: Die Regierungen würden die notwendige Information effizienter und effektiver erhalten. Und Wissenschaftler könnten sich wieder vermehrt der freien Grundlagenforschung widmen. Mittlerweile zielt nämlich immer mehr Forschung darauf ab, im IPCC-Bericht verwertet werden zu können. Wir brauchen aber nicht zwingend jedes neue Szenario, nur weil uns gerade wieder ein neues Modell zur Verfügung steht.

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