Posse um Uno-Bericht Der Klima-Geheimrat

Erneut ist ein Entwurf des nächsten Weltklimaberichts an die Öffentlichkeit gelangt. Doch der Uno-Klimarat will bis zur offiziellen Vorstellung Ende September an der Politik der Geheimhaltung festhalten. Forscher reagieren mit immer größerem Unverständnis.
Gewitter über Großstadt: "Klimareport wird jeden zu Tode erschrecken"

Gewitter über Großstadt: "Klimareport wird jeden zu Tode erschrecken"

Foto: Corbis

Hamburg - Wissenschaft wird von der Öffentlichkeit bezahlt, aber ist Wissenschaft deshalb öffentlich? Der Klimareport der Vereinten Nationen, der alle paar Jahre den Stand der Forschung zusammenfasst, ist Geheimsache. Nun jedoch ist abermals ein Entwurf des Berichts vorab bekannt geworden.

Die meisten Aussagen standen bereits in einem früheren Entwurf, der im Dezember bekannt geworden war. Die Nachrichtenagentur Reuters, die "New York Times" und die "Washington Post" zitierten in den vergangenen Tagen aus der neuesten Version des Berichts, dessen Endfassung Ende September publiziert werden soll. Mehrere Autoren bestätigten SPIEGEL ONLINE, dass folgende Angaben über die Zukunft des Klimas in dem Report stehen:

    • Temperatur: Ende des Jahrhunderts könnte sich die Luft in Bodennähe im weltweiten Durchschnitt um ein bis fünf Grad aufheizen - je nachdem, wie viel Treibhausgase mit Autos, Kraftwerken, Fabriken und Heizungen in die Luft gelangen.
    • Empfindlichkeit des Klimas: Die sogenannte Klimasensitivität beschreibt, wie stark sich die Luft erwärmt, wenn sich die Konzentration von Kohlendioxid (CO2) verdoppelt. Sie wird im neuen Uno-Report leicht nach unten korrigiert; Prognosen zum Temperaturanstieg fallen etwas milder aus. Ursache der Korrektur ist vor allem die gebremste Erwärmung der Luft und der oberen Meeresschichten in den letzten 15 Jahren. Als wahrscheinlich gilt nun ein Temperaturanstieg um 1,5 bis 4,5 Grad im Falle einer CO2-Verdopplung.
    • Stocken der Erderwärmung: Mit "mittlerer Sicherheit" lasse sich die Pause des Temperaturanstiegs der vergangengen 15 Jahre auf Wetterschwankungen und kurzfristige Effekte zurückführen: So hätten die tiefen Schichten der Ozeane vermutlich mehr Wärme aufgenommen ; aus diesen Regionen gäbe es allerdings nicht ausreichend Messungen.
    • Anteil des Menschen: Die Wahrscheinlichkeit, dass der Mensch das Klima wesentlich beeinflusse, betrage 95 Prozent. Mit jedem Report hat der Klimarat IPCC diese Angabe erhöht; im letzten Bericht 2007 betrug sie 90 Prozent. Je länger die untersuchte Zeitspanne, desto höher die wissenschaftliche Sicherheit, begründen Experten den neuen Wert.
    • Meeresspiegel: Die Ozeane drohen, bis 2100 um 29 bis 82 Zentimeter anzuschwellen. Der IPCC erhöht seine Extremprognose im Vergleich zu seinem letzten Report damit um 23 Zentimeter. Diesmal wurde für die schlimmsten Szenarien ein beschleunigtes Abtauen der Gletscher in Grönland und der Westantarktis einbezogen.
    • Gletscher: Die großen Eisschilde verlieren beschleunigt an Masse. Die Eisschmelze in der Antarktis steuere 0,01 bis 0,3 Millimeter pro Jahr zum Pegelanstieg bei. Tauwasser aus Grönland hebe die Ozeane um 0,28 bis 0,79 Millimeter pro Jahr. Allerdings wird nur ein Bruchteil der Eisströme kontinuierlich vermessen, entsprechend unsicher sind die Daten.
    • Extremwetter: Der IPCC hat kürzlich das gesammelte Wissen veröffentlicht. Hitzewellen und Sturzregen werden demnach vermutlich häufiger, Frostperioden seltener. Sturmfluten laufen höher auf. Im neuen IPCC-Report werden manche Befürchtungen korrigiert: Hurrikane dürften demnach nicht häufiger werden, Dürren können bislang nicht auf die menschgemachte Erwärmung zurückgeführt werden.

Reaktion des Klimarats

Der Uno-Klimarat reagiert auf das Bekanntwerden seiner Ergebnisse gewohnt einsilbig: Man nehme die Veröffentlichungen zur Kenntnis, aber keine Stellung, heißt es aus dem Genfer IPCC-Büro. Der Text könne sich noch ändern, daraus Schlüsse zu ziehen, wäre voreilig. Der IPCC gewichtet lediglich publizierte Studien, er forscht nicht selbst.

Doch auch die endgültigen Ergebnisse sollen etappenweise veröffentlicht werden: Ende September wird in Stockholm die sogenannte Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger vorgestellt, der eigentliche Report aber erst am folgenden Montag. Die wissenschaftliche Basis der Zusammenfassung lässt sich also zunächst nicht prüfen.

"Man möchte verhindern, dass Tausende Interpretationen im Umlauf sind, die Verwirrung stiften", sagt die Sozialforscherin und IPCC-Expertin Silke Beck vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ). Der IPCC versuche auf diese Weise, die Deutungshoheit über die Daten zu behalten und ihre öffentliche Rezeption zu kontrollieren. Bei bisherigen IPCC-Zusammenfassungen hat das gut funktioniert.

"Zu Tode erschrecken"

Auch der nächste Klimareport werde "jeden zu Tode erschrecken", kündigte der frühere Uno-Klimachef Yvo de Boer vergangenen November an. "Ich bin zuversichtlich, dass die Ergebnisse neuen politischen Schwung erzeugen werden", sagte de Boer dem "Sydney Morning Herald" .

Die jetzt bekannt gewordenen Ergebnisse eignen sich jedoch trotz der teils alarmierenden Daten kaum, die Eskalationsspirale weiter anzuziehen. "Wir konnten unser Wissen über das Klima festigen", sagt ein führender Uno-Forscher, der nicht namentlich genannt werden will. Aber grundlegende Neuigkeiten gebe es nicht. Prognosen für einzelne Regionen hätten sich gar als unsicherer erwiesen als angenommen, was die Abschätzung der lokalen Folgen des Klimawandels erschwere.

Die Abschottung des Klimarats sät Misstrauen, meint der renommierte britische Klimatologe Mike Hulme. Der IPCC habe mit der Wagenburgmentalität einzelne Wissenschaftler gegen Attacken der Industrielobby schützen wollen, erläutert UFZ-Expertin Beck. Doch dadurch sei der Rat noch angreifbarer worden.

Vorsitzender warnt vor Medien

Nun werden die Forderungen lauter, der Geheimniskrämerei ein Ende zu bereiten. Die Erstellung des IPCC-Berichts sollte transparenter gestaltet werden, fordert etwa der InterAcademy Council (IAC), der die Arbeit des Klimarats im Auftrag der Uno überprüft hat. Die holländische Meteorologiebehörde KNMI regte an, den IPCC-Report künftig öffentlich im Internet zu erstellen. So ließe sich der Bericht jederzeit aktualisieren. Das bisherige Verfahren ignoriert Studien ab einem bestimmten Datum; bei seiner Veröffentlichung ist das Uno-Klimawissen also gar nicht mehr aktuell.

Doch IPCC-Chef Rajenda Pachauri schien bisher nicht überzeugt. In einer E-Mail von 2010 versuchte er, dem Klimarat die Linie im Umgang mit der Öffentlichkeit vorzugeben: Er empfahl den Autoren des neuen Reports, sich von Medien fernzuhalten. Später sprach er von einem Missverständnis.

Immerhin hat der IPCC unabhängige Experten weltweit eingeladen, Vorabversionen seines nächsten großen Sachstandsberichts zu begutachten - im Sinne von mehr Offenheit. Zugleich sollen die Entwürfe geheimgehalten werden, so dass man am Ende den vollständig begutachteten Sachstand präsentieren kann.

Doch unter den 800 externen Gutachtern, den Tausenden beteiligten Wissenschaftlern und Politikern findet sich offenbar immer jemand, der einen Entwurf öffentlich macht.

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