Gedenktafel und Trauerfeier Island erklärt Gletscher offiziell für "tot"

Ein Opfer der Erderwärmung: Der Gletscher Okjökull ist nicht mehr, auf Island wurde seiner mit einer Feier und einer Gedenkplakette gedacht. In rund 130 Jahren hatte er 35 Meter an Eisdicke verloren.

Jeremie RICHARD/ AFP

Auf Island ist offiziell der erste Gletscher für "tot" erklärt worden. Der 700 Jahre alte Okjökull gilt formell nicht mehr als solcher, weil er mit nur noch 15 Metern Eisdicke zu leicht geworden ist, um sich vorwärtszuschieben. (Lesen Sie hier mehr zum Thema bei SPIEGEL+)

An der Abschiedszeremonie nahmen am Sonntag rund hundert Menschen teil. Darunter befanden sich Regierungschefin Katrin Jakobsdottir, aber auch die frühere Uno-Menschenrechtskommissarin Mary Robinson sowie zahlreiche isländische Forscher und Wissenschaftler der Rice University in den USA, die das Anbringen der Gedenktafel initiiert hatten.

Vor Ort wurde die Tafel mit der Überschrift "Ein Brief an die Zukunft" enthüllt. Darauf heißt es weiter: "In den nächsten 200 Jahren ist zu erwarten, dass alle unsere wichtigsten Gletscher den gleichen Weg gehen. Diese Gedenktafel dient dazu, anzuerkennen, dass wir wissen, was vor sich geht und was zu tun ist." Auf der Tafel ist zudem die im Mai gemessene CO2-Konzentration von 415 Teilen pro Million (ppm) vermerkt. Dies war der höchste jemals gemessene Kohlendioxidgehalt in der Erdatmosphäre.

Gedenkplakette für einen Gletscher: Okjökull ist nicht mehr
STR/EPA-EFE/REX

Gedenkplakette für einen Gletscher: Okjökull ist nicht mehr

Einen Gletscher verschwinden zu sehen, sei eine "ziemlich visuelle" und spürbare Erfahrung, die ein Mensch verstehe, sagte Julien Weiss, Aerodynamik-Professor an der Technischen Universität Berlin, der Nachrichtenagentur AFP. Der Klimawandel sei sonst nicht auf diese Weise im alltäglichen Leben zu erleben, da er sich aus der Perspektive eines Menschen sehr langsam, aus erdgeschichtlicher Sicht allerdings sehr schnell vollziehe, so Weiss.

9000 Milliarden Tonnen Eis sind verloren gegangen

1890 erstreckte sich der Okjökull noch auf einer Fläche von 16 Quadratkilometern, seine Eisschicht war mehr als 50 Meter dick. Bereits 2014 erkannten ihm Wissenschaftler die Einstufung als Gletscher ab.

Schmelzende Gletscher verlieren weltweit nach neuen Schätzungen jährlich rund 335 Milliarden Tonnen Eis. Zu diesem Schluss kommen Forscher aus Zürich, die Satellitenmessungen und Beobachtungen vor Ort ausgewertet haben. Der führende Forscher Michael Zemp von der Universität Zürich sagte im April, die Welt verliere damit jährlich rund drei Mal das verbleibende Gletschervolumen der Europäischen Alpen. Die Gletscher hätten zwischen 1961 und 2016 mehr als 9000 Milliarden Tonnen Eis verloren.

Anfang des Monats hatte der Weltklimarat IPCC in einem Sonderbericht festgestellt, dass der weltweite Temperaturanstieg über den Landflächen im Vergleich zur vorindustriellen Zeit bereits bei 1,53 Grad liegt.

jok/dpa/AFP



insgesamt 42 Beiträge
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Seite 1
sans_words 19.08.2019
1. Bitte präzisere Infos
In der Zusammanfassung heißt es, der Gletscher habe in 130 Jahren 35 Meter Dicke verloren. Daraus könnte man schließen, dass der Rückgang des Gletschers schon seit langem vor sich geht. Liegen exakte Informationen vor, wie sich das Dickenprofil über diese 130 Jahre verändert hat? Bitte nachliefern, um den Vorgang besser verstehen zu können.
permissiveactionlink 19.08.2019
2. Wir ?
Wer sind "wir", und wenn ja, wie viele ? Die Isländer, die Europäer, die Menschheit ? ""In den nächsten 200 Jahren ist zu erwarten, dass alle unsere wichtigsten Gletscher den gleichen Weg gehen. Diese Gedenktafel dient dazu, anzuerkennen, dass wir wissen, was vor sich geht und was zu tun ist." Bedauerlicherweise gibt es zahllose Exemplare des H. sapiens, die sich konsequent sämtlichen Fakten und naturwissenschaftlichen Belegen des anthropogen verursachten Klimawandels verweigern, darunter beispielsweise der amerikanische und der brasilianische Präsident, und natürlich hierzulande die physikalisch völlig weltfremden und naturwissenschaftlich gänzlich unbeleckten Hofnarren von EIKE e.V. und AfD.
Andraax 19.08.2019
3.
Zitat von sans_wordsIn der Zusammanfassung heißt es, der Gletscher habe in 130 Jahren 35 Meter Dicke verloren. Daraus könnte man schließen, dass der Rückgang des Gletschers schon seit langem vor sich geht. Liegen exakte Informationen vor, wie sich das Dickenprofil über diese 130 Jahre verändert hat? Bitte nachliefern, um den Vorgang besser verstehen zu können.
Genau Zahlen dazu finde ich nicht, aber Wissenschaftler stellen fest, dass der Schwund vor allem in den letzten 20Jahren stattgefunden hat, also nix mit "geht schon lange vor sich": https://slate.com/technology/2019/07/okjokull-iceland-glacier-death-plaque.html
geri&freki 19.08.2019
4. Nachbessern
Zitat von sans_wordsIn der Zusammanfassung heißt es, der Gletscher habe in 130 Jahren 35 Meter Dicke verloren. Daraus könnte man schließen, dass der Rückgang des Gletschers schon seit langem vor sich geht. Liegen exakte Informationen vor, wie sich das Dickenprofil über diese 130 Jahre verändert hat? Bitte nachliefern, um den Vorgang besser verstehen zu können.
Wie bei anderen Gletschern dürfte sich das Abschmelzen auch des Okjukull in den letzten Jahren erheblich beschleunigt haben. Insofern haben Sie durchaus recht, dass dieser elementare Aspekt in diesem Bericht nicht fehlen darf. Denn allzu leicht werden solche Unvollständigkeiten von bestimmten Seiten dazu missbraucht, um falsche Schlussfolgerungen zu ziehen und den Vorgang zu verharmlosen.
hinterfrager09 19.08.2019
5.
Ohne Zweifel ist es wichtig, die Umweltverschmutzung und den Ressourcenverbrauch zu reduzieren. Dazu bedarf es keiner Gletscherbeerdigung :):) . Wie man aber frei zugänglichen Informationen entnehmen kann, befinden wir uns im "Permanenten" Wechsel zwischen Warm- und Kaltperioden, die weit vor dem Co2-Ausstoß der Industrialisierung begann. Aktuell ist die Sonne sehr viel aktiver ans üblich - was sich in einigen Jahren wieder ändern wird. Grönland war früher Grünland - und soweit ich weiß weitgehend Eisfrei. Ich erachte die Vermüllung der Erde und Meere, den hemmungslosen Pestizideinsatz und die Reduzierung der Insekten um 75% als sehr (!!) viel bedrohlicher als der Anstieg vom Co2-Gehalt von 284ppm in 1832 auf 415 ppm in 2019 (ppm sind Anteile pro Million - also 415 Teile Co2 pro 1.000.000 Teile Luft). Es gibt Länder, in denen die Co2-Konzentration im Tagesverlauf um 60 ppm schwankt. Naja. Da haut mich die Entwicklung vom Co2 in 180 Jahren offen gesagt nicht vom Stuhl. Die aktive Zerstörung unserer Lebensräume ist viel schlimmer. Insbesondere die tägliche Vernichtung von Regenwäldern die nicht mehr zur Bindung von Co2 zur Verfügung stehen sondern zudem Co2 in riesen Mengen freisetzen bei der Brandrodung.
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