Kühler November Ist jetzt Winter oder was?

Klimawandel, Erderwärmung? Spürt man derzeit nicht, wenn man vor die Tür geht: Der Herbst 2016 fühlt sich winterlich an, hier und da hat sogar schon die Skisaison begonnen. Ist das noch normal?

DPA

Hamburg, Bremen minus zwei, Dresden Frost, Sauerland minus fünf Grad. In Winterberg hat gerade der erste Skilift geöffnet, im Schwarzwald schon vor Tagen: So klingt der aktuelle Wetter-Statusbericht am 12. November 2016, Mittagszeit. Seit Wochen geht es abwärts mit den Temperaturen, und irgendwie fühlt sich das an, als sei der Herbst glatt ausgefallen. Ist das normal?

Aber ja, sagt Gerhard Lux, Sprecher beim Deutschen Wetterdienst in Offenbach: "Dass im November die ersten Fröste kommen, ist ganz normal."

Allerdings sei das im Flachland in der Regel erst Mitte November der Fall. In diesem Jahr kamen die Minusgrade in Niedersachsen, Schleswig-Holstein oder Mecklenburg-Vorpommern dagegen etwa eine Woche früher. Mit durchschnittlich vier Grad lägen die Temperaturen bislang nur geringfügig unter der langjährigen Durchschnittstemperatur von 4,4 Grad.

Für den Meteorologen entscheidet sich die Frage, wie normal oder unnormal das Wetter in einem Monat ausfällt, eben an statistischen Schnitten. Und in Durchschnitten gesehen wird auch 2016 ein ungewöhnlich warmes Jahr sein - der Trend zur Erwärmung ist ungebrochen, auch wenn wir aktuell mal ins Bibbern kommen.

Die Kälte ist ja vor allem gefühlt - ein subjektiver Eindruck: "Nach dem halbwegs milden Oktober kommt uns das kühl vor", sagt Lux. Dennoch, der November sei eben der Spätherbstmonat. Da sei der erste Schnee der Saison eigentlich programmiert. "Aber das Chaos ist dann trotzdem komplett, weil die Leute alle Jahre wieder von winterlichen Bedingungen überrascht werden. So war es auch in diesem Jahr wieder."

Unnormal wäre ein November ohne Frost

Dabei müssten wir es besser wissen: Im November ist so gut wie alles möglich und normal. Im statistischen Durchschnitt erwarten Meteorologen im November Temperaturen von 4,4 Grad - und natürlich geht das, zumindest in den Höhenlagen, so gut wie immer mit Frost und meist mit erstem Schnee einher.

Der November ist dabei stets für Extreme gut. Am 7. November 2015 genossen die Menschen in der Nähe von Freiburg knallenden Sonnenschein bei fast 25 Grad Celsius. Vierzehn Tage später bibberte Oberstdorf bei fast minus 16 Grad und die Boulevardpresse warnte vor einer Winter-Katastrophe mit Temperaturstürzen von mehr als 20 Grad Celsius über Nacht. Armageddon fiel dann aus, das letzte Quartal 2015 setzte stattdessen Wärmerekorde, der Dezember wurde der wärmste seit 135 Jahren. Daran erinnert man sich natürlich auch noch wohlig.

Es gab andere Jahre, da maß das Quecksilber stattdessen örtlich minus 25 Grad im November - und auch das war normal, aber im langfristigen Schnitt eben 4,4 Grad, also ungemütlich.

Im langjährigen Vergleich ist der November 2016 bislang jedenfalls weit von Kälterekorden entfernt. Da bleibt der November 1921 mit einer monatlichen Durchschnittstemperatur von minus 0,2 Grad ungeschlagen. Im Jahr 1993 war es durchschnittlich 0,4 Grad frisch. Die wärmsten Novemberjahre mit jeweils 7,4 Grad monatlicher Durchschnittstemperatur waren nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes dagegen 1963 und 2009.

Mittelfrist-Prognose 2016: Möglicherweise mal wieder Winter

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Herbst 2016: Die gefährliche Seite der Novemberkälte

Ganz falsch ist der Eindruck, dass Oktober und November 2016 im Vergleich zu den letzten Jahren eher frisch ausfallen, trotzdem nicht. Die Skiliftbetreiber, die gerade in den Mittelgebirgen in den letzten Jahren arg gebeutelt wurden, wird die aktuelle Kälte freuen. Ein Problem ist die nicht, außer im Straßenverkehr, wo die Risiken steigen, und für diejenigen, die kein Dach über dem Kopf haben: Es zeichnet sich ab, dass sich die kühle Jahreszeit in diesem Jahr etwas länger hinziehen könnte als zuletzt.

Eine erste Winterprognose lieferte vor einigen Tagen die National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA), die im Auftrag der US-Regierung das Klima weltweit beobachtet.

Die NOAA erwartet für Deutschland einen Dezember, dessen Temperaturen ebenfalls leicht unter dem statistischen Schnitt landen könnten - und möglicherweise ziemlich knackig kalte polare Luft im Januar und Februar. Alles ohne Gewähr, versteht sich, denn auch die Mittelfrist-Prognosen werden durch das novemberliche Auf und Ab immer wieder relativiert. In den nächsten vier Tagen, sagt der Deutsche Wetterdienst, werde es jedenfalls fast überall im Land wieder etwas wärmer werden und die Schneefallgrenze über 800 Meter steigen.

Eine gute Nachricht? Sicher, wenn man Regen mag: Es wird novemberlich nasskalt. Normal eben.

pat/dpa

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