Satellitenbild der Woche Ruck am Bosporus

Innerhalb weniger Tage haben zwei Erdbeben Istanbul erschüttert, darunter das stärkste in der Region seit 20 Jahren. Was bedeutet das für die 15-Millionen-Einwohner-Stadt?

Aufeinandertreffen der Kontinente (Bild von 2017): Am Bosporus verbinden Brücken Europa (unten) und Asien
JSC/ NASA

Aufeinandertreffen der Kontinente (Bild von 2017): Am Bosporus verbinden Brücken Europa (unten) und Asien


Experten warnen seit Jahren: Eines Tages werde ein heftiges Erdbeben Istanbul erschüttern. Die Stadt hat 15 Millionen Einwohner. Fachleute rechnen daher mit Zehntausenden Toten, Zehntausenden Verletzten und gewaltigen Sachschäden. Gebäude werden einstürzen, Infrastruktur wird zerstört werden, so die Prognose. Große Teile der Stadt sind nicht auf das Ereignis vorbereitet.

Wann es zur Katastrophe kommen wird, ist unklar. Fest steht nur, dass sie unvermeidbar ist.

Die größte Metropole der Türkei liegt an einer der gefährlichsten geologischen Strukturen weltweit, der sogenannten nordanatolischen Verwerfung. Wo oberirdisch Brücken den europäischen und den asiatischen Teil Istanbuls verbinden, treffen im Untergrund die eurasische und die anatolische Platte aufeinander. Ein Astronaut der Internationalen Raumstation ISS hat die Region 2017 aus dem All fotografiert.

Nun gibt es Bewegung im Untergrund. Am 24. und 26. September 2019 wurden unter dem Marmarameer, etwa 70 Kilometer von Istanbul entfernt, zwei Beben der Stärke 4,7 und 5,7 gemessen, die auch in der Metropole zu spüren waren. Behörden berichten von mindestens 34 Verletzten, Tote gab es demnach nicht.

Das zweite Beben war das stärkste in der Region seit 20 Jahren. Bei dem Erdbeben im Jahr 1999 in der Nähe Istanbuls kamen 17.000 Menschen ums Leben.

"Wir beobachten die Vorgänge sehr genau", erklärte Marco Bohnhoff vom Deutschen Geoforschungszentrum (GFZ) in Potsdam. Ob die aktuellen Erschütterungen das erwartete Großbeben wahrscheinlicher gemacht haben, lasse sich allerdings noch nicht sagen, so der Experte weiter. Möglich sei auch, dass das Risiko abgenommen habe.

Gefahr durch vier-Meter-Rutsch

Die nordanatolische Verwerfung ist insgesamt mehr als 1000 Kilometer lang und reicht von Ostanatolien über die Schwarzmeerküste, das Marmarameer bis in die Nordägäis. Starkbeben von mehr als sieben auf der Richterskala haben entlang der Verwerfung seit Beginn des 20. Jahrhunderts 20.000 Menschen das Leben gekostet, berichtet das GFZ.

Nur im Gebiet unter dem Marmarameer südlich von Istanbul gab es seit 250 Jahren kein derart starkes Beben mehr. Dadurch haben sich dort extreme Spannungen aufgebaut.

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Satellitenbild der Woche: Schnappschüsse aus dem All

Erst im Juli 2019 veröffentlichten Forscher vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel eine Studie, in der sie die Plattengrenze unter dem Marmarameer genauer analysiert haben. Demnach sind die eurasische und anatolische Platte im Untergrund verhakt. Statt sich etwa zwei Zentimeter im Jahr aneinander vorbeizubewegen, hängen die Platten ineinander fest.

Löst sich diese Spannung, könnten sich die Platten um mehr als vier Meter auf einen Schlag vorwärts bewegen. Ein Beben der Stärke 7,1 bis 7,4 wäre die Folge, warnen die Forscher. Möglich wäre aber auch, dass sich die aufgebaute Spannung in mehreren kleinen Beben entlädt. Auch die Kieler Experten können allerdings nicht vorhersagen, wann und auf welche Weise sich die Platten aus ihrer derzeitigen Position lösen werden.

jme



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