Überschwemmungen in Italien Erst trockneten Flüsse aus, nun reißen sie alles mit sich

Weil starke Unwetter in Norditalien auf ausgedörrten Boden treffen, kommt es zu Fluten und Schlammlawinen. Mehrere Menschen starben. Auch die rechtsgerichtete Regierung sucht jetzt neue Antworten auf die Klimakatastrophe.
Plötzlich über die Ufer getreten: der Fluss Savio in Cesena

Plötzlich über die Ufer getreten: der Fluss Savio in Cesena

Foto: Uncredited / dpa

Extreme Regenfälle in einer dürregeplagten Region Norditaliens haben am Mittwoch Flüsse über die Ufer treten lassen. Mindestens acht Menschen starben bislang, mehrere weitere werden nach Behördenangaben noch vermisst.

In einigen der betroffenen Gebiete der Emilia-Romagna fielen nach Angaben von Zivilschutzminister Nello Musumeci in den vergangenen 36 Stunden bis zu 50 Zentimeter Regen – das ist rund die Hälfte der jährlichen Menge. Allein in Bologna und Ravenna mussten 8000 Menschen ihr Zuhause verlassen. 50.000 Einwohner der Katastrophenregion waren am Mittwoch ohne Strom, Dutzende Städte und Gemeinden überschwemmt, zahlreiche Orte meldeten Erdrutsche.

Nahe Bologna riss der normalerweise kleine Fluss Idice die Brücke einer Provinzstraße ein. Zentrale Bahnlinien und Autobahnen Italiens waren unterbrochen.

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In der besonders betroffenen Stadt Forlì flohen viele Einwohnerinnen und Einwohner barfuß und in Panik in der nächtlichen Dunkelheit vor den Wassermassen. Einigen reichte das Wasser laut einem AFP-Fotografen bis zur Brust. »Das ist das Ende der Welt«, schrieb Bürgermeister Gian Luca Zattini auf Facebook. Seine Stadt sei »am Boden«.

Regionalpräsident Stefano Bonaccini sagte, die Emilia-Romagna sei »wie von einem Erdbeben« getroffen worden. Die Region hatte bereits vor zwei Wochen heftigen Regen, Überschwemmungen und Erdrutsche erlebt. Zwei Menschen kamen dabei ums Leben.

Zunehmend Wetter wie in Afrika

Minister Nello Musumeci forderte einen nationalen Wasserbauplan, um sich gegen häufigere Überschwemmungen und Erdrutsche zu wappnen. Italien habe es zunehmend mit tropischem Wetter wie in Afrika zu tun, wo lange Dürreperioden unterbrochen werden von heftigen Regenfällen, die der ausgetrocknete Boden nicht aufnehmen kann. Der Minister nannte den Erdrutsch auf der Insel Ischia im vergangenen November mit zwölf Todesopfern als weiteren Beleg der neuen Realität.

»Nichts wird jemals wieder sein wie zuvor, das zeigen die Geschehnisse dieser Stunden«, sagte Musumeci auf einer Pressekonferenz. »Wenn Erdboden für eine lange Zeit trocken bleibt, wird er nicht aufnahmefähiger, sondern zementiert.« Dann ströme das Regenwasser über die Oberfläche, »was absolut unvorstellbare Zerstörung bringt«.

Musumeci gehört der extrem rechten Partei Fratelli d’Italia von Premierministerin Giorgia Meloni an, die Klimaschutz als Herzensthema der Rechten neu besetzen will, zugleich aber den »Klimafundamentalismus« des europäischen Green Deal kritisiert. Meloni, die am Mittwoch zum G7-Gipfel nach Hiroshima reiste, sagte Nothilfe zu.

Auch aus Kroatien, Bosnien und Herzegowina sowie Slowenien wurden am Mittwoch Erdrutsche und Überschwemmungen gemeldet. »Wir haben hier eine Apokalypse«, sagte Amin Halitovic, der Bürgermeister der bosnischen Stadt Bosanska Krupa, dem Fernsehsender N1. Mehrere Hundert Häuser in der Stadt stünden unter Wasser, man könne sie nicht mehr zählen.

Südeuropa erwartet weitere Rekorddürre

Derweil warnen Wissenschaftler, im Mittelmeerraum könne die Trockenheit in diesem Sommer die Rekorddürre des Vorjahres noch übertreffen. Norditalien fehlten nach zwei Jahren der Wasserknappheit 70 Prozent der Schneewasserreserven, sagte Luca Brocca, Forschungsdirektor des Nationalen Forschungsrates. Daraufhin sei die Bodenfeuchtigkeit vor Ort um rund 40 Prozent gesunken. Ein derartiger Wassermangel könnte eine Situation wie im vergangenen Jahr auslösen. Damals erlebte Italien die schwerste Dürre seit 70 Jahren.

In Spanien, wo bis April weniger als die Hälfte des durchschnittlichen Niederschlags gefallen ist, sind derzeit Tausende Menschen auf die Lieferung von Trinkwasser per Lastwagen angewiesen. Einige Landwirte meldeten nach Verbandsangaben bereits Ernteeinbußen von bis zu 80 Prozent, wobei vor allem Getreide und Ölsaaten betroffen waren. »Dies sind die schlimmsten Ernteverluste seit Jahrzehnten«, sagte Pekka Pesonen, Leiter der Landwirtschaftsorganisation Copa-Cogeca.

Landwirtschaftsminister Luis Planas hatte Ende April Soforthilfe in Höhe von 450 Millionen Euro bei der EU beantragt, bislang aber keine Antwort erhalten. Madrid stellte mittlerweile mehr als zwei Milliarden Euro für Notfallmaßnahmen bereit, da die Wasserreservoirs des Landes im Durchschnitt nur noch zu 50 Prozent gefüllt sind.

Klimamodelle bestätigt und doch kein Einsehen

Häufigere und schwerwiegendere Dürren im Mittelmeerraum, wo die Durchschnittstemperatur um 1,5 Grad Celsius höher liegt als vor 150 Jahren, stimmen mit den Prognosen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern überein. »Die Folgen des Klimawandels vor Ort entsprechen genau dem, was wir erwartet haben«, sagte Hayley Fowler, Professorin und Klimaforscherin an der Universität Newcastle. Trotz dieser Prognosen bleiben Maßnahmen weitgehend aus, um der Dürre vor Ort entgegenzuwirken.

»Die Regierungen sind spät dran. Die Unternehmen sind spät dran«, sagt Robert Vautard, Klimawissenschaftler und Direktor des französischen Pierre-Simon Laplace Instituts. So müssten viele landwirtschaftliche Regionen noch wassersparende Methoden einführen oder auf resistentere Landbaukulturen umstellen. »Einige Unternehmen denken nicht einmal daran, ihr Modell zu ändern. Sie sind nur damit beschäftigt, irgendwelche Wundertechnologien zu finden, die Wasser hervorzaubern.«

ahh/AP/AFP/Reuters
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