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04. Januar 2016, 16:03 Uhr

Historischer Vulkanausbruch

Als das ganze Jahr Winter war

Hungersnot, Kälte, Frankenstein: Vor 200 Jahren sorgte ein Vulkanausbruch dafür, dass der Sommer ausfiel. Die Katastrophe brachte bedeutende Erfindungen hervor.

Unzählige Menschen in Europa verhungerten oder wanderten aus, weil auf den Feldern kaum etwas wuchs, die mageren Ernten im Dauerregen vermoderten und das Vieh verendete. Dass die Not auf eine noch weit verheerendere Katastrophe zurückging, ahnten die Menschen vor 200 Jahren nicht.

Auf der kleinen indonesischen Insel Sumbawa hatte der Vulkan Tambora Anfang April 1815 Dutzende Kubikkilometer Magma aus seinem Schlund geschleudert - der Ausbruch gilt als der größte von Menschen dokumentierte.

Die Berichte stammen allerdings kaum von Sumbawa selbst: Überlebt haben nur jene, die die Insel rechtzeitig verließen. Noch auf der mehr als 2500 Kilometer entfernten Insel Sumatra soll der Ausbruch zu hören gewesen sein, Tsunamis trafen auf die Inseln der Region, der Himmel verdunkelte sich für Tage. Mehr als 10.000 Menschen sollen unmittelbar gestorben sein, mehr als 60.000 allein in der Region an den Folgen.

Auf einer Skala von 0 bis 8 liegt der aus Volumen und Eruptionshöhe berechnete Vulkanexplosivitätsindex (VEI) des Tambora bei 7. Ein solcher Ausbruch kommt nur alle 1000 Jahre vor. Der Vulkan, mit rund 4300 Metern einer der höchsten Gipfel des Archipels, fiel in sich zusammen - er misst nun noch knapp 2900 Meter. Ein sieben Kilometer breiter Krater bildete sich.

Frankenstein entstand

Es blieb nicht bei der regionalen Katastrophe. In Mitteleuropa und Nordostamerika zeigten sich die Folgen 1816: Das Jahr hatte gerade zum Frühling angesetzt, da kehrte der Schnee zurück. Die Kälte blieb.

In der Schweiz und Baden-Württemberg hörte es über Monate kaum mehr auf zu regnen oder zu schneien. Auf Tauwetter folgten extreme Hochwasser. Die Getreidepreise vervielfachten sich, Arme versuchten, ihren Hunger mit Gras zu stillen.

Die schlimmste Hungersnot des 19. Jahrhunderts nahm ihren Lauf. "Die Region war ohnehin schon ausgelaugt durch die Napoleonischen Kriege", erklärt Claus-Peter Hutter, Leiter der Akademie für Natur- und Umweltschutz Baden-Württemberg. Württemberg habe mit den Bauern- und den Erbfolgekriegen auch davor schon ständige Not erlebt. "Und dann kam der vulkanische Winter."

Gemälde aus jener Zeit etwa von Caspar David Friedrich zeigen glühend rote Sonnenuntergänge, weil von Vulkanpartikeln nur die langwelligen, rötlichen Strahlen durchgelassen werden. Mary Shelley soll ihren Roman "Frankenstein" geschrieben haben, weil sie wegen des vielen Regens kaum das Haus in der Nähe des Genfersees verlassen konnte, in dem sie zu Gast war.

"Feuerwerk der Innovationen"

Bis 1817 habe es kaum Ernten gegeben, sagt Hutter. "Die Menschen haben ihre Zugtiere geschlachtet und die Saatkartoffeln wieder ausgegraben in ihrer Not." Mit Gipspulver, Eichel- oder Sägemehl gestreckte Hungerbrötchen seien gebacken worden. "In manchen Kirchen sind noch Hungerbrote in Glaskästen zu sehen, die aus Dankbarkeit aufgehängt wurden, als es von 1818 an wieder besser wurde." Etliche Menschen waren da längst in die USA ausgewandert.

Das "Jahr ohne Sommer" habe aber auch Gutes zur Folge gehabt, ergänzt Hutter. "Es gab ein Feuerwerk an Innovationen." Ein Glück für Württemberg sei gewesen, dass es gerade von König Wilhelm I. regiert wurde: Der war mit der Zarentochter Katharina Pawlowna verheiratet, die Getreide-Hilfslieferungen aus Russland ins Rollen brachte. Und er setzte sich engagiert für Verbesserungen zugunsten aller ein.

Das Paar habe zum Beispiel eine landwirtschaftliche Hochschule gegründet - aus der später die Universität Hohenheim hervorging. Um verbesserte Gerätschaften rasch großflächig einzuführen, seien die entwickelten Eggen und Pflüge als kleine Modelle in großer Auflage aus Holz und Eisen nachgebaut und an die Handwerker verteilt worden.

Auch die Vorläufer der Sparkassen entstanden - bei ihnen konnten Bauern fortan einen Notgroschen deponieren.

Von Annett Stein, dpa/boj

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