Jahrhundert-Fieberkurve Deutschlands heißer Thermometer-Trend

Fast ein Grad wärmer als zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die ersten Jahre des neuen Milleniums in Deutschland, Hitze-Rekordjahre häufen sich. Meteorologen zeigen an der Entwicklung von Temperaturen und Niederschlägen, was uns der Klimawandel in Zukunft bringen könnte.


Berlin – Deutschland ist mitten drin in der Erwärmung: Die ersten sechs Jahre dieses Jahrhunderts lagen stets über dem langjährigen Temperaturdurchschnitt. Damit setzt sich der Trend der neunziger Jahre fort, die bereits überdurchschnittlich warm waren. Das geht aus der Statistik des Deutschen Wetterdienstes (DWD) hervor, die heute in Berlin vorgestellt wurde.

Die neunziger Jahre waren die wärmste Dekade des gesamten 20. Jahrhunderts - geht es auch im neuen Jahrtausend so weiter? Wo hört Wetter - oder auch Extremwetter - auf, und wo beginnt Klima? In der Debatte der vergangenen Monate wurden Wetter und Klima häufig durcheinandergeworfen. Meteorologen versuchen einzelne Messwerte und langjährige Trends zu trennen: Sie interessiert die Frage, welche Wetterkapriolen schon Teil der langfristigen Erwärmung sein könnten.

Der Wetterdienst fand in den Aufzeichnungen, die bis ins Jahr 1901 zurückreichen, einen "deutlich ansteigenden Trend". 2001 wurde bislang der Hitzerekord erreicht, aber 2006 war immerhin das fünftwärmste Jahr seit Beginn des 20. Jahrhunderts, sagte DWD-Präsident Wolfgang Kusch. Hier betrug die Jahresmitteltemperatur 9,9 Grad. Zum Vergleich: Das langjährige Mittel liegt bei 8 Grad. Insgesamt, so Kusch, sei die Mitteltemperatur seit Beginn der Wetteraufzeichnung 1901 um knapp 0,9 Grad gestiegen.

Bereits in der Vergangenheit hatten regionale Klimastudien die Folgen des Klimawandels für Deutschland errechnet.

Wetterstatistik und Klimamodelle

Solche Rechenmodelle brechen globale Prognosen, wie sie in den Klimareports des IPCC gesammelt werden, auf einen kleineren Maßstab herunter, und modellieren die künftige Entwicklung mit größerer Genauigkeit. Das DWD hat seine über 105 Jahre reichende Datei über Niederschläge, Temperaturen und Sonnenscheindauer mit solchen regional arbeitenden Klimamodellen kombiniert.

Anhand der Trendabweichungen, die jetzt schon beobachtet werden können, versuchten die Experten Prognosen für die - wärmere - Wetterzukunft Deutschlands zu treffen.

Dabei wurde deutlich: Vom Klimawandel sind die einzelnen Regionen unterschiedlich stark betroffen. Verlierer ist vor allem der Süden. Hier werde die Landwirtschaft besonders von Hitze- und Dürreperioden betroffen sein, warnten die Wetterexperten. So ergibt sich zum Beispiel nach den Daten des DWD für das Saarland eine Erwärmung von rund einem Grad Celsius, während Mecklenburg-Vorpommern nur knapp auf die Hälfte kommt (0,4 Grad Celsius). Allerdings werden den Bauern im Osten wohl künftig besonders die Sommerniederschläge fehlen.

Am heißesten wird es in den Großstädten, wo ein ungünstiges Mikroklima die Menschen zum Schwitzen bringen dürfte: Schon jetzt sprechen die Wetterexperten bei den Innenstädten von "Wärme-Inseln". Fehlende Frischluftschneisen sind der Grund für höhere Temperaturen. Berlin ist wegen seiner Ausdehnung besonders betroffen. Schon in den letzten Hitzesommern konnten die Experten beobachten, was die Zukunft wohl häufiger und heftiger bringen wird. Hier misst der DWD im Sommer zwei Grad höhere Temperaturen als auf dem Land. Berlin sei insgesamt das wärmste der 16 Bundesländer, sagte Kusch.

Im Sommer werde es häufigere und intensivere Hitzewellen geben, die zu mehr Todesfällen führen werden, so der DWD. Allerdings sind solche Berechnungen unter Experten umstritten. Durch die dünnere Ozonschicht müsse zudem mit mehr Hautkrebsfällen gerechnet werden, warnte Kusch.

Extremwetter und Hautkrebs nehmen zu

Wie schon andere Studien zuvor sagt auch die Arbeit der DWD-Meteorologen wärmere, trockenere Zeiten für die Küste und Probleme für die Höhenlagen und ihre Wintersportgebiete voraus.

Auch mit extremeren Wetterereignissen, wie schweren Gewittern, Hagelschauern und großflächigen Überschwemmungen, müssen die Deutschen in Zukunft rechnen. Grund: Wenn sich die Erdatmosphäre stärker aufheizt, kann sie auch mehr Feuchtigkeit aufnehmen.

Auch hier zeigen die vergangenen Jahre die mögliche zukünftige Entwicklung auf. So ist bereits jetzt die durchschnittliche jährliche Niederschlagsmenge in Deutschland insgesamt um rund neun Prozent angestiegen. An vielen der insgesamt 2200 Messstationen stellten die Wissenschaftler zudem auch mehr Starkniederschläge (mehr als 30 Liter pro Quadratmeter) fest.

Um Wetterbeobachtung und Klimaprognose besser zu verzahnen, sollen die Auswirkungen des Klimawandels künftig im Projekt ZWEK ("Zusammenstellung von Wirkmodell-Eingangsdatensätzen für die Klimafolgenforschung") erforscht werden, das am DWD zum Beispiel Modelle zum Stadtklima und zur Agrarmeteorologie verknüpft. Erste Ergebnisse soll es am Jahresende geben.

job/stx



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