Stefan Rahmstorf

Fall James Black Ein Forscher sagte schon 1977 den Klimawandel voraus - leider arbeitete er bei Exxon

Fossile Großkonzerne wie Exxon wussten früh über den Klimawandel Bescheid - doch die Öffentlichkeit führten sie jahrzehntelang in die Irre. Ein Fall reicht sogar bis in die Siebzigerjahre zurück.
Tankstelle in Cambridge, Massachusetts, im Winter 1978: Millionen für PR, statt an einer Lösung zu arbeiten

Tankstelle in Cambridge, Massachusetts, im Winter 1978: Millionen für PR, statt an einer Lösung zu arbeiten

Foto: Barbara Alper/ Getty Images

Mitte November wurden die Schlussplädoyers in einem spektakulären Prozess gehalten: Der Ölmulti Exxon ist vom US-Bundesstaat New York verklagt worden, weil er Anleger über den Klimawandel getäuscht haben soll. Wie auch der SPIEGEL berichtete, hatten Exxon-Wissenschaftler bereits im Jahr 1982 in einem internen Dokument eine Prognose des erwarteten CO2-Anstiegs und der daraus folgenden globalen Erwärmung erstellt, die bis heute fast exakt eingetroffen ist.

Der breiten Öffentlichkeit hat Exxon dagegen eine völlig andere Geschichte erzählt, wie Harvard-Forscher um die Wissenschaftshistorikerin Naomi Oreskes detailliert dokumentiert  haben: In zahlreichen "Advertorials" - von Exxon bezahlten Meinungskommentaren in führenden Tageszeitungen - hat der Konzern Zweifel an der Klimaforschung und der Rolle der fossilen Brennstoffe bei der globalen Erwärmung gesät. Bis heute argumentieren die AfD  und andere "Klimaskeptiker" mit von Exxon lancierten irreführenden Behauptungen. Was Exxon-Anwalt Theodore Wells allerdings nicht davon abhielt, den Prozess als "grausamen Scherz" zu verunglimpfen.

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Foto: Astrid Eckert

Stefan Rahmstorf schreibt regelmäßig für den SPIEGEL über die Klimakrise. Er ist Klima- und Meeresforscher und leitet die Abteilung Erdsystemanalyse am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Seit dem Jahr 2000 ist er zudem Professor für Physik der Ozeane an der Universität Potsdam. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Paläoklimaforschung, Veränderungen von Meeresströmungen und Meeresspiegel sowie Wetterextreme.

Bisher kaum öffentlich diskutiert wurde der Fall von James Black. Der leitende Exxon-Wissenschaftler hatte sogar noch viel früher - bereits im Juli 1977 - ein "Super-Interglazial" vorhergesagt, das durch den hohen CO2-Ausstoß zustande kommen könnte. Interglaziale sind Warmzeiten, die zwischen den Eiszeiten vorkommen. Die Exxon-Führungsriege hat der Wissenschaftler informiert, in internen Unterlagen des Konzerns findet man sein Briefing-Papier, das davor warnt, dass wir in diesem Jahrhundert das Temperaturniveau des Eem-Interglazials überschreiten werden - und dass unser Heimatplanet damit heißer als seit mindestens 150.000 Jahren werden wird.

Wie nah sich Black mit seinen 42 Jahre alten Erkenntnissen an der Realität bewegt, ist erstaunlich. Sichtbar wird das, wenn man die alte Grafik mit dem modernen Wissensstand der Paläoklimaforschung vergleicht.

Inzwischen ist unser Erdsystemmodell in der Lage, alleine aus den Zyklen der Erdbahn (Milankovic-Zyklen ) die Eiszeiten korrekt zu reproduzieren: In der Computersimulation bauen sich zu den richtigen Zeiten große Eismassen auf den Kontinenten auf, CO2 wird von den Ozeanen aufgesogen, die Temperaturen fallen immer weiter - bis eine Veränderung der Erdbahn den Frost wieder beendet, das Eis zum großen Teil schmilzt und den Meeresspiegel ansteigen lässt. Diese Simulation ist in der Grafik mit den Daten verglichen, auf die Exxon-Forscher 1977 seine düstere Prognose gründete.

Foto: SPIEGEL ONLINE

Schon 1977 sagte Exxon-Forscher James Black ein "Super-Interglazial" durch CO2 vorher, das noch heißer werden würde als die wärmste Phase der letzten 150.000 Jahre Erdgeschichte. Black ging in seinem Szenario (schwarze Kurve) davon aus, dass die CO2-Emissionen etwa bis zum Jahr 2025 ansteigen und danach im selben Maße wieder abnehmen würden. Über seine Originalgrafik ist in rot eine moderne Computersimulation mit einem Erdystemmodell des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung gelegt (nach Ganopolski und Brovkin 2017  ). Die Beschriftungen in der Grafik stammen ebenfalls von Black - heute geht man nicht mehr davon aus, dass es ohne fossile Emissionen zu einer natürlichen Abkühlung gekommen wäre, sondern dass das stabile Holozänklima noch rund 50.000 Jahre angehalten hätte.

Recht hatte Black mit seiner Folgerung, dass die CO2-Erwärmung die höchsten Temperaturen des Holozäns übertreffen würde - das hat sie inzwischen wahrscheinlich bereits getan . Es ist damit heute wärmer als in der gesamten Zivilisationsgeschichte der Menschheit. Und er dürfte auch recht damit behalten, dass wir die höheren Temperaturen des Eem-Interglazials vor 120.000 Jahren auch bald überschreiten werden. Im Eem lag der Meeresspiegel übrigens sechs bis neun Meter höher  als heute.

Unterschätzt hat Black allerdings die Dauer der Erwärmung. Was er damals nicht wissen konnte, da dieses Detail erst seit Anfang der Zweitausender verstanden wurde: Die erhöhten CO2-Mengen in der Luft werden Zehntausende von Jahren anhalten, und nicht innerhalb weniger Jahrtausende nach Ende der Emissionen wieder zurückgehen.

Unrecht hatte er auch mit seinem gestrichelten Zukunftsszenario, wonach ohne CO2 die Erde in den kommenden Jahrtausenden allmählich wieder in eine Eiszeit fallen würde. Denn höchstwahrscheinlich haben wir schon jetzt derart viel CO2 in die Atmosphäre geblasen, dass die nächste Eiszeit ausfallen  wird, selbst wenn sofort alle Emissionen gestoppt würden. Der Mensch ist damit endgültig zu einer geologischen Kraft geworden, und das heutige Zeitalter gilt zurecht als das Anthropozän - die Menschenzeit.

Exxon ignorierte James Blacks Warnungen. Wie dessen Tochter 2016 beklagte , entschied sich die Firmenleitung zum Entsetzen ihres Vaters dafür, statt an einer Lösung zu arbeiten, Millionen Dollar in PR-Kampagnen zu stecken, um Zweifel an der Klimawissenschaft zu säen. Für diese Täuschungsmanöver steht Exxon nun vor Gericht. Sie haben nicht unwesentlich dazu beigetragen, dass wir uns heute in einer globalen Klimakrise befinden, die jetzt nur noch durch drastische Einschnitte bei den Emissionen  beherrschbar ist.

Ob man diesem Manöver durch das Aktienrecht rechtlich beikommen kann, ist eine andere Frage. Doch selbst wenn Exxon diesen Prozess gewinnen sollte, droht weiteres Ungemach. Kalifornien hat Exxon wegen Klimaschäden verklagt, und eine ganze Reihe von US-Städten versuchen vor Gericht zu erreichen, dass Exxon, BP, Chevron und Shell die Kosten für Küstenschutzmaßnahmen übernehmen, die ihnen durch den steigenden Meeresspiegel entstehen. Lediglich 20 Firmen sind nach einer aktuellen Analyse für ein Drittel des CO2-Anstiegs in der Erdatmosphäre  verantwortlich, darunter die vier genannten . Nicht unwahrscheinlich, dass es diesen Firmen so gehen wird wie einst den Tabakfirmen, die in den USA für die Verharmlosung der Gefahren ihrer Produkte einen hohen Preis bezahlen mussten.