Jane Goodall über Ökotourismus "Es gibt skrupellose Reiseveranstalter"

Jane Goodall war die Erste, die vor Jahrzehnten als Forscherin wilde Menschenaffen an die Gegenwart von Menschen gewöhnt hat. Heute sollen habituierte Tiere Urlauber anziehen. Die Primatologin sieht darin eine Überlebenschance für Schimpansen, Gorillas und Co, warnt im Interview mit SPIEGEL ONLINE aber auch vor Gefahren.


Affenforscherin Goodall: "Die Berggorillas hätten ohne Ökotourismus wahrscheinlich nicht überlebt"
Dominik Baur

Affenforscherin Goodall: "Die Berggorillas hätten ohne Ökotourismus wahrscheinlich nicht überlebt"

SPIEGEL ONLINE:

Frau Goodall, wird der Ökotourismus die Menschenaffen retten?

Goodall: Das ist sehr schwer zu beantworten. Ökotourismus kann eine sehr gute Sache sein, birgt aber auch Gefahren. Natürlich kann er beträchtliche Geldsummen in ein Land bringen. In einem armen afrikanischen Land ist die Regierung natürlich versucht, die natürlichen Ressourcen zu Geld zu machen - in der Regel dadurch, dass sie Konzessionen an große Holzfirmen vergibt. Solange es keine andere Möglichkeit gibt, mit dem Wald Geld zu verdienen, werden sie sich mit der Holzindustrie zusammentun, die den Lebensraum der Tiere zerstört.

SPIEGEL ONLINE: Aber kann Ökotourismus mit der Holzindustrie überhaupt konkurrieren? Schließlich bringen diese Touristen nur vergleichsweise wenig Geld ins Land.

Goodall: Sicher, aber wir müssen alles versuchen, was möglich ist, um die Menschenaffen zu retten. Und immerhin: In Ruanda zum Beispiel ist es der zweitgrößte Devisenbringer. Man geht davon aus, dass die Berggorillas den Bürgerkrieg nicht überlebt hätten, wenn der Ökotourismus nicht von beiden Konfliktparteien als wichtige Einnahmequelle betrachtet worden wäre.

SPIEGEL ONLINE: Sie sprachen von Gefahren, die der Ökotourismus mit sich bringt. Könnten Sie Beispiele nennen?

Goodall: Das Problem ist, dass Menschenaffen sich sehr leicht bei Menschen anstecken können. Das ist höchstwahrscheinlich bei uns in Gombe in Tansania passiert, wo ich Anfang der Sechziger mit meinen Beobachtungen begonnen habe und wo wir später auch Besucher zugelassen haben. Wir vermuten, dass Touristen Viren eingeschleppt haben. Einige Schimpansen haben wir in der Folge verloren.

SPIEGEL ONLINE: Wie lässt sich so etwas verhindern?

Goodall: Man muss sehr strikte Regeln befolgen. Die Wichtigste ist: Abstand halten. Menschen dürfen grundsätzlich nicht näher als siebeneinhalb oder besser noch zehn Meter an die Tiere heran. Natürlich darf man auch kein Essen mit in den Wald nehmen oder Abfälle dort lassen.

SPIEGEL ONLINE: Eigentlich sollte man ja wünschen, dass die Tiere Angst vor Menschen haben. Werden sie eine leichtere Beute für Wilderer?

Goodall: Man kann natürlich so argumentieren. Meine Kollegin Dian Fossey ("Gorillas im Nebel") hat davor immer gewarnt. Ich sehe das allerdings nicht unbedingt so. Es hängt immer davon ab, wie geschützt der Lebensraum der Tiere ist. Die eigentliche Gefahr sehe ich in der möglichen Übertragung von Krankheiten.

SPIEGEL ONLINE: Kann der Besuch bei Menschenaffen auch für Menschen gefährlich werden?

Goodall: Natürlich besteht auch die Gefahr, dass sich Menschen bei den Affen anstecken. Es gilt inzwischen als ziemlich sicher, dass HIV und in einigen Fällen auch Ebola von Schimpansen auf den Menschen übergegangen ist. Diese Viren wurden zwar wahrscheinlich durch den Kontakt mit Buschfleisch übertragen, aber es zeigt, dass die Ansteckungsgefahr über die Spezies hinweg grundsätzlich besteht.

SPIEGEL ONLINE: Was macht Menschenaffen so interessant für Ökotouristen?

Goodall: Sie sind unsere nächsten Verwandten. Touristen, die ihnen begegnet sind, fühlen sich oft, als ob sie durch ein Fenster in unsere Vergangenheit blicken. Mir haben viele, die in Gombe oder Ruanda waren und einmal für einen kurzen Moment in die Augen eines wilden Schimpansen oder eines Gorillas geschaut haben, erzählt, dass ihnen das ein völlig neues Bewusstsein eröffnet hat.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Menschenaffen, die sich für Ökotourismus besonders eignen?

Goodall: Aus der Sicht der Touristen sind natürlich Schimpansen besonders interessant, weil sie aktiver sind. Da gibt es mehr zu beobachten. Das gleiche gilt für Bonobos, allerdings gibt es derzeit keine touristischen Projekte mit ihnen. Von Orang Utans bekommt man kaum etwas zu sehen, weil sie meistens in den Baumkronen versteckt sind; und Gorillas tun halt nicht besonders viel - obwohl die Erfahrung, in ihrer Nähe zu sein, natürlich phantastisch ist.

SPIEGEL ONLINE: Wird das Etikett "Ökotourismus" auch missbraucht? Können Urlauber sicher sein, dass sie zum Artenschutz beitragen, wenn sie habituierte Menschenaffen besuchen?

Goodall: Nein, überhaupt nicht. Es gibt sehr viele skrupellose Tour-Veranstalter. Und die können oft auf die Unterstützung der Regierungen zählen. Es ist natürlich sehr verführerisch, so viel Geld wie möglich aus einem Ökotourismus-Projekt herauszuholen und beispielsweise die Zahl der Menschen, die gleichzeitig zu den Tieren dürfen, zu verdoppeln. Für die Affen ist das ein großer Stressfaktor. Man sollte sich vor seiner Reise genau über die Projekte informieren.

Die Fragen stellte Dominik Baur



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.