Japan Schweres Beben hinterlässt Tod und Zerstörung

Eingestürzte Häuser, zerrissene Straßen, entgleiste Züge. Bei der Serie schwerer Erdstöße in der Provinz Niigata im Nordwesten Japans sind mindestens 20 Menschen ums Leben gekommen und 1500 verletzt worden. Am Sonntag wurde die Region von heftigen Nachbeben erschüttert, die Behörden warnen vor weiteren Erdstößen.


Verwüstungen in der Stadt Ojiya: Zerstörte Straßen
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Verwüstungen in der Stadt Ojiya: Zerstörte Straßen

Tokio - Das Hauptbeben am Samstag gegen 18 Uhr Ortszeit erreichte eine Stärke von 6,8 auf der Richterskala und war auch in Tokio deutlich zu spüren. Die Häuser in der Hauptstadt schwankten mehr als eine Minute lang - mancherorts so stark, dass die Menschen sich nur unter Schwierigkeiten auf den Beinen halten konnten. Zunächst war von drei Toten die Rede, doch nach Angaben des japanischen Fernsehsenders NHK starben mindestens 20 Menschen, darunter auch Kinder und ein zwei Monate alter Säugling. Mehr als 1500 Menschen mussten ärztlich behandelt werden, teils mit schweren Verletzungen.

Seitdem wurden Hunderte von kleineren und größeren Nachbeben registriert. So wurde die Region nahe der Stadt Ojiya am Sonntagnachmittag japanischer Zeit erneut von einem starken Beben erschüttert, das nach Angaben der Meteorologischen Behörde eine Stärke von 4,9 auf der Richterskala erreichte. Weitere Erdstöße könnten folgen, warnten die Behörden. Das Beben liege jenseits der Vorstellungskraft, was das Ausmaß der Zerstörung und die Angst der Menschen angehe, sagte der japanische Ministerpräsident Junichiro Koizumi.

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Japan: Schweres Beben hinterlässt Tod und Zerstörung

Fast 70.000 Menschen verließen bei der Serie von Erschütterungen ihre Häuser und Wohnungen; einige werden noch vermisst. Viele verbrachten die kalte Nacht unter freiem Himmel und versuchten, sich mit Decken, Öfen oder an Feuerstellen zu wärmen. Helfer versorgten die Menschen am Sonntag mit Trinkwasser und Lebensmitteln. Hubschrauber brachten Bewohner stark betroffener Orte in Sicherheit. Rettungskräfte suchten mit Hunden nach Vermissten.

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Neben Häusern und Straßen wurden auch Wasser- und Gasleitungen zerstört, Strommasten kippten um. Am Sonntag waren noch immer Zehntausende ohne Gas und Strom, obwohl die Reparaturarbeiten auf Hochtouren liefen. "Unsere Lebensadern sind abgeschnitten. Weder die Toiletten funktionieren, noch haben wir Gas oder Strom und es war kalt vergangene Nacht", sagte der 57-jährige Toshiro Hosoya der Nachrichtenagentur Reuters.

Tausende Menschen verbrachten die Nacht trotz sinkender Temperaturen im Freien. Mehrere Erdrutsche lösten sich und schnitten ein Dorf mit 600 Einwohnern von der Außenwelt ab. Soldaten versuchten, eine verschüttete Mutter und ihren Sohn aus den Erdmassen zu bergen, die Männer bahnten sich mit Hilfe von Kettensägen ihren Weg durch das Geröll.

In der Stadt der 40.000-Einwohner-Stadt Ojiya, einem Zentrum der japanischen Textilindustrie, präsentierte sich ein Bild der Zerstörung. Das Beben hatte den Untergrund der Bahngleise wegsacken lassen. Über einem riesigen Erdkrater hingen die Schienen haltlos in der Luft. Durch das Beben obdachlos gewordene Menschen machten sich bei fünf Grad Außentemperatur auf den Straßen die Suche nach etwas Essbarem.

In einem durch Erdrutsche abgeschnittenen Teil Ojiyas haben die Bewohner in riesigen Lettern "SOS" auf die Straße geschrieben. "Mir ist kalt, mir ist kalt", jammerte ein in eine rote Decke gehülltes Mädchen, bevor sie mit Hubschraubern ausgeflogen wurde. In den überfüllten Krankenhäusern drängten sich die Verletzten, manche wurden auf den Fluren behandelt.

Schlange stehen nach dem Beben: Reisende warten auf die Rückzahlung für ihre Tickets, nachdem der Bahnverkehr gestoppt wurde
AFP

Schlange stehen nach dem Beben: Reisende warten auf die Rückzahlung für ihre Tickets, nachdem der Bahnverkehr gestoppt wurde

Die Erdbeben erfolgten nur drei Tage nach dem verheerenden Taifun "Tokage", dem 80 Menschen zum Opfer fielen. Die Zentralregierung in Tokio richtete einen Krisenstab ein und entsandte Experten mit Helikoptern in die Unglücksprovinz. Die Telefongesellschaften mussten dort die überlasteten Leitungen einschränken und einige Fabriken ihren Betrieb vorübergehend einstellen. Zur Finanzierung der enormen Schäden durch die Beben und den Taifun soll ein Zusatzhaushalt aufgelegt werden, hieß es am Sonntag.

Das Beben vom Samstag liegt mit der Stärke von 6,8 auf der Richterskala auf dem Niveau der fünf großen Beben, die seit 1885 Tokio getroffen und Stärken von 6,7 bis 7,2 erreicht hatten. Wenige Minuten nach dem ersten Erdstoß kam es zu zwei starken Nachbeben mit Stärken von 5,9 und 6,3. Das Epizentrum befand sich nach Angaben des Meteorologischen Dienstes in der Provinz Niigata, etwa 250 Kilometer nordwestlich von Tokio entfernt, und habe 20 Kilometer unter der Erdoberfläche gelegen.

Japan, das am Schnittpunkt mehrerer tektonischer Platten liegt, ist eines der von Erdbeben am häufigsten heimgesuchten Länder der Welt. Ein Erdbeben der Stärke sechs kann schwere Verwüstungen verursachen, wenn sein Epizentrum in der Nähe besiedelter Gebiete liegt.

Erst Ende August hatten japanische Forscher vorhergesagt, dass Tokio in den nächsten 50 Jahren mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit einem schweren Erdbeben zum Opfer fallen werde. Die Wissenschaftler hatten im Auftrag der Regierung die Beben der vergangenen 120 Jahre untersucht und ein statistisches Modell entworfen.

Die schlimmste Katastrophe hat Tokio am 1. September 1923 getroffen: Ein Erdbeben der Stärke 8,3 auf der Richterskala ließ Häuser einstürzen und löste Feuersbrünste aus. Etwa 142.000 Menschen kamen ums Leben.




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