Kampf gegen Erderwärmung Brasilien führt Klimaschutz-Index an

Deutschland und die EU verlieren ihre Führungsrolle in der internationalen Klimapolitik - das ist das Ergebnis des neuen Klimaschutz-Index der Umweltorganisation Germanwatch. Wirklich gute Noten gab es für kein Land. Aber die großen Schwellenländer Brasilien, Indien und China holen auf.

Kohlekraftwerk in Nordrhein-Westfalen: Brasilien und Schweden beim Klimaschutz vorn
dpa

Kohlekraftwerk in Nordrhein-Westfalen: Brasilien und Schweden beim Klimaschutz vorn

Aus Kopenhagen berichtet


Kopenhagen - And the winner is: nobody. Wieder einmal blieben die ersten drei Plätze des Klimaschutz-Index der Umweltorganisation Germanwatch vakant. "Die Messlatte ist eine Politik, die einen gefährlichen Klimawandel - also eine Erwärmung um mehr als zwei Grad - vermeiden könnte", sagt Germanwatch-Mitarbeiter Jan Burck. Und gemessen an diesem Standard tue nach wie vor kein Land der Welt genug.

Allerdings verzeichnet der Index, der am Montag beim Uno-Klimagipfel in Kopenhagen vorgestellt wurde und in den vergangenen Jahren weltweit Beachtung fand, eine erstaunliche Entwicklung: Die großen Schwellenländer holen beim Klimaschutz rasant auf. Brasilien, noch vor wenigen Jahren als Regenwald-Killer und Kohlendioxid-Schleuder verschrien, ist in der Rangliste inzwischen von Platz acht auf Rang vier geklettert und hat damit die Führungsposition übernommen. Dahinter folgen Schweden, Großbritannien und Deutschland. Auf Platz acht landete Frankreich, und gleich dahinter steht mit Indien ein weiteres großes Schwellenland. China steht zwar wegen seiner enormen CO2-Emissionen nur auf dem 52. von 60 Plätzen, bekommt aber Bestnoten für seine Klimapolitik.

Der Klimaschutz-Index, der auf den Berichten von 130 internationalen Experten und Zahlen der Internationalen Energie-Agentur (IEA) basiert, beurteilt nicht nur die Entwicklung der Treibhausgasemissionen aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe, sondern auch, wie engagiert die Länder dazu beitragen, die globale Erwärmung deutlich unter zwei Grad zu halten. Und hier ist eine Entwicklung zu beobachten, die noch vor wenigen Jahren geradezu unmöglich erschien: Große Schwellenländer wie China, Indien und Brasilien haben sich inzwischen freiwillig dem Klimaschutz verpflichtet.

Schwellenländer holen auf

"Die EU hat die Vorreiterrolle, die sie jahrelang innehatte, verloren", sagt Christopher Bals, politischer Geschäftsführer von Germanwatch, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Die großen Schwellenländer fangen an, eine ernsthafte Klimaschutzpolitik zu betreiben." Neben China, Indien und Brasilien zählten vor allem Mexiko, Südkorea, Indonesien und Südafrika zum Kreis jener Länder.

Zu mehr dürften die Schwellenländer allerdings von sich aus kaum bereit sein. "Für weitergehende Maßnahmen müssen die Industrieländer Finanzhilfen leisten", so Bals. Damit spricht er den zentralen Punkt der Klimaverhandlungen in Kopenhagen an: Die großen Schwellenländer - von den auf ihre Unabhängigkeit bedachten Chinesen vielleicht abgesehen - fordern enorme Finanz- und Technologietransfers, um ihr Wirtschaftswachstum nicht mit Klimaschutzmaßnahmen zu schädigen. Der Sudanese Lumumba di-Aping, Sprecher der G77 genannten Gruppe der Entwicklungsländer, hat Kanzlerin Angela Merkel deshalb sogar Blockadepolitik in Sachen Klimaschutz vorgeworfen. Die Industriestaaten erwarten ihrerseits, dass die Entwicklungsländer überprüfbare Ziele zur Reduzierung ihrer Treibhausgas-Emissionen akzeptieren.

"Es ist spannend zu sehen, dass Schwellenländer wie Brasilien einige Plätze aufsteigen - das sendet auch ein klares Signal an die Klimaverhandlungen und zeigt, dass sie sich verstärkt selbst in der Pflicht sehen, den Klimawandel zu bekämpfen", sagte Matthias Duwe, Direktor des Climate Action Network Europe. "Ich wünschte mir, dass mehr europäische Länder ein ähnliches Engagement an den Tag legen würden."

Deutschland fällt zurück

Kritik üben die Experten insbesondere an Deutschland, das vom fünften auf den siebten Platz abgerutscht ist. 2007 war Deutschland sogar noch zweitbester Klimaschützer. Bals macht dafür vor allem die Umsetzung der Meseberger Beschlüsse von 2007 für die verschlechterte Platzierung verantwortlich. Zudem habe die Regierung von Bundeskanzlerin Angela Merkel zuletzt eine Politik betrieben, die den Interessen der Autoindustrie sehr entgegengekommen sei. "Die Experten bewerten die deutsche Blockierung strikterer EU-CO2-Richtwerte für Autos sowie die fehlende Umsetzung der Energieeffizienzrichtlinie negativ", so Bals.

Zumindest bis Ende 2007 sei Deutschland auf dem Weg gewesen, bis 2020 seine CO2-Emissionen um 30 Prozent gegenüber 1990 zu senken. Die versprochenen 40 Prozent hätten dagegen nicht in Reichweite gelegen. Die Wirtschaftskrise und die damit verbundene Rezession könnten das aber ändern: Inzwischen, so hat es Germanwatch errechnet, könnte Deutschland eine Reduzierung von 40 Prozent zu den Kosten der 30-Prozent-Marke erreichen. Sogar "deutlich höhere Ziele als 40 Prozent" seien möglich, meint Bals.

Auch andere Industrieländer tun aus Sicht der Umweltschützer bei weitem nicht genug - wie etwa die USA. Sie schneiden zwar dank eines "beginnenden Umdenkens" fünf Plätze besser ab als im vergangenen Jahr, liegen aber noch immer abgeschlagen auf Rang 53 - direkt hinter China, das die USA als weltgrößter Emittent von Treibhausgasen inzwischen überholt hat. Allerdings ist der durchschnittliche Pro-Kopf-Ausstoß in den USA weiterhin etwa doppelt so hoch wie in Deutschland - und fünf- bis siebenmal so hoch wie in China.

insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
harrybr 14.12.2009
1. Rettet die Welt
ein Hundeverbot würde die Lage schon verbessern.
semper fi, 14.12.2009
2. -
Zitat von sysopDeutschland und die EU verlieren ihre Führungsrolle in der internationalen Klimapolitik - das ist das Ergebnis des neuen Klimaschutz-Index der Umweltorganisation Germanwatch. Wirklich gute Noten gab es für kein Land. Aber die großen Schwelleländer Brasilien, Indien und China holen auf. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,666914,00.html
Ein Blick auf die *Website* (http://www.germanwatch.org) reicht. Besonders "empfehlenswert": "Vorstand". Noch so'n Verein, dessen Leute wunderbar von der Staatsknete (und ein bisschen Spendengeld) leben. Inhaltlich kann man die Aussagen übrigens vergessen. Solche Relativierungen sind für die Katz.
mcmurdo, 14.12.2009
3. Ich...
...sehe nur, dass seitdem Mutti kanzlert, die Republik im intern. Vergleich mehr und mehr auf allen Feldern abrutscht, schlechter abschneidet, versagt, keine fortune mehr hat. Groteskerweise ist Mutti, zusammen mit Ihrem blaublütigen Dragoner, in der Hitliste "anybodies darling" TOP OF THE POP. Normalerweise liebt der Deutsche seine Verlierer doch gar nicht!? Was´n los in diesem Land...
bijowi 14.12.2009
4. Klimawandel
Zitat von sysopDeutschland und die EU verlieren ihre Führungsrolle in der internationalen Klimapolitik - das ist das Ergebnis des neuen Klimaschutz-Index der Umweltorganisation Germanwatch. Wirklich gute Noten gab es für kein Land. Aber die großen Schwelleländer Brasilien, Indien und China holen auf. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,666914,00.html
MeTwo 14.12.2009
5. Aha...
... und das sagt uns wer? Wieder so eine parasitäre, von Steuern finanzierte NGO.
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