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29. August 2009, 13:38 Uhr

Kampf gegen Erderwärmung

Regierungsberater fordern Weltklimabank

Klimaforscher schlagen Alarm: Im Kampf gegen die Erderwärmung ist das angestrebte Zwei-Grad-Ziel nur zu erreichen, wenn die Industriestaaten Dutzende Milliarden in Emissionsrechte investieren. Berater der Bundesregierung fordern daher nach SPIEGEL-Informationen eine Weltklimabank.

Hamburg - Alle Industriestaaten müssen ihre Kohlendioxid-Emissionen viel radikaler reduzieren als bisher angenommen, wenn die Erderwärmung auf durchschnittlich zwei Grad Celsius begrenzt bleiben soll. Zu diesem Ergebnis kommen nach Informationen des SPIEGEL die wissenschaftlichen Berater der Bundesregierung für globale Umweltveränderungen.

Deutschland müsse demnach seine CO2-Emissionen bis 2020 gegenüber heute halbieren und schon bis 2030 komplett einstellen, heißt es in einem Sondergutachten des Umweltrats WBGU zum Klimagipfel von Kopenhagen im Dezember. "Das Ergebnis ist so überraschend wie bestürzend", sagt der Ratsvorsitzende Hans Joachim Schellnhuber vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK).

Bisher plant die Bundesregierung deutlich geringere Reduktionen: Bis 2020 soll die Kohlendioxid-Menge beispielsweise nur um 40 Prozent sinken. Es gibt allerdings Zweifel, ob dieses Ziel tatsächlich zu schaffen ist. Laut einer von Greenpeace in Auftrag gegebenen Studie könnte Deutschland seine im Vergleich zu anderen Staaten durchaus ambitionierten Reduktionsziele verfehlen, unter anderem wegen Patzern bei der Kfz-Steuerreform und Pannen bei der Altbausanierung.

Gleiche Ressourcen für alle

Die wissenschaftlichen Berater der Bundesregierung gehen davon aus, dass von heute bis 2050 der globale Gesamtausstoß von 750 Milliarden Tonnen CO2 nicht überschritten werden darf, um das Zwei-Grad-Ziel mit einer Wahrscheinlichkeit von 67 Prozent einzuhalten. Die Zwei-Grad-Begrenzung hatten die G-8-Staaten im Juli auf ihrem Gipfel in L'Aquila beschlossen.

Die im Rahmen dieses Klimaziels verfügbare CO2-Menge haben die Regierungsberater bei ihren Berechnungen gleichmäßig auf alle Menschen verteilt. Dabei berufen sie sich auf Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die 2007 mit dem indischen Premierminister Manmohan Singh die Forderung aufgestellt hatte, jeder Mensch habe beim CO2-Ausstoß aus fossilen Energiequellen ein Recht auf denselben Ressourcenverbrauch.

Je nach Verbrauch von Öl, Kohle und Erdgas ergeben sich unterschiedliche Zeitbudgets: Das arme Bangladesch könnte seinen heutigen CO2-Ausstoß noch für 384 Jahre beibehalten, Indien für 88 Jahre, die Industriestaaten aber nur für wenige Jahre. Um doch höhere CO2-Mengen freisetzen zu dürfen, so die Experten, könnten die Industriestaaten künftig bei den ärmsten Ländern Emissionsrechte erwerben. Dazu müsse eine "Weltklimabank" eingerichtet werden.

Was kostet der Klimawandel?

Der globale Emissionshandel werde zu durchschnittlichen Geldflüssen von 30 bis 90 Milliarden Euro pro Jahr führen und eröffne den ärmsten Ländern die Chance, eine umweltfreundliche wirtschaftliche Entwicklung zu finanzieren.

Erst vor wenigen Tagen hatten Wissenschaftler eine neue Schätzung über die Kosten des Klimawandels veröffentlicht. Anpassungsmaßnahmen an steigende Temperaturen sollen demnach ab dem Jahr 2030 jährlich weltweit eine dreistellige Milliardensumme verschlingen. Die Kosten von Überschwemmungen, Dürren und Veränderungen in der Wirtschaft infolge der Erderwärmung wären nach der Neukalkulation etwa dreimal höher als bislang von der Uno beziffert. Laut offizieller Schätzung des Klimasekretariats der Vereinten Nationen (UNFCCC) betragen die Ausgaben ab 2030 jährlich zwischen 40 und 170 Milliarden Dollar. Finanzexperten der EU gehen von globalen Kosten über hundert Milliarden Euro aus.

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