Kampf um Schutzgebiete Wie das Meer vor den Menschen zu retten ist

Die Ozeane sind der Ausbeutung durch den Menschen ausgeliefert. Nur ein winziger Teil ihrer Fläche steht unter Schutz, nun wird auf dem großen Uno-Gipfel in Japan um eine Vergrößerung gerungen - doch Profitgier droht, die Verhandlungen scheitern zu lassen.
Von Christian Schwägerl
Gipfelteilnehmer in Nagoya: "Wir brauchen große, zusammenhängende Schutzgebiete"

Gipfelteilnehmer in Nagoya: "Wir brauchen große, zusammenhängende Schutzgebiete"

Foto: YURIKO NAKAO/ REUTERS

Die Ozeane sind der größte Lebensraum der Erde. Sie sind Heimat von Millionen meist noch unbekannten Tier- und Pflanzenarten. Und trotzdem - der Mensch kümmert sich nicht effektiv um ihren Schutz. Hartnäckig.

"Obwohl wir schon lange um die immense Bedeutung des Meeres wissen, stehen erst 1,2 Prozent der Meeresfläche unter Schutz", sagt Imèn Meliane von der US-Umweltschutzorganisation Nature Conservancy. Sie gehört zu den Autoren des neuen Berichts "Global Ocean Protection" , den Umweltorganisationen und Uno-Agenturen gemeinsam in Auftrag gegeben haben - und der nun beim Uno-Biodiversitätsgipfel von Nagoya Thema ist.

Der Untersuchung zufolge hat sich die Fläche von Meeresschutzgebieten zwar seit 2003 fast verdreifacht, auf 4,3 Millionen Hektar. Doch das liegt weit unter dem Ziel von zehn Prozent an Meeresschutzgebieten, das sich die internationale Staatengemeinschaft gesetzt hatte. Und weit unter dem, was Biologen für nötig halten, damit das Ökosystem Meer langfristig bewahrt werden kann. "Das Ziel, das die Vereinten Nationen eigentlich 2012 erreicht haben wollten, wird beim heutigen Tempo erst im Jahr 2047 geschafft", sagt Meliane.

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Zu Lande macht der Naturschutz überraschenderweise Fortschritte. Brasilien hat 32 Millionen Hektar Regenwälder neu unter Schutz gestellt, Kanada seine Nationalparkfläche verdoppelt, in Mittelamerika gibt es Pläne für einen länderübergreifenden Bio-Korridor. Immerhin 15 Prozent der Landoberfläche haben schon einen gewissen Schutzstatus, deutlich mehr als noch vor zehn Jahren - und die Tendenz ist steigend.

Doch für das Ökosystem Meer gibt es nach wie vor viele Risiken und Gefahren:

Überfischung

  • gehört zu den Hauptproblemen. Viele Arten, darunter Thunfische, Haie und andere wertvolle Speisefische, werden gnadenlos gejagt. Tiere, die zufällig mit in den Netzen landen, werden tot zurück ins Meer geworfen - Beifang heißt das dann. Die Bestände vieler Arten schrumpfen dramatisch. Die legalen Fangquoten sind Experten zufolge auch in Europa noch viel zu hoch, und dazu kommt die illegale Fischerei.
  • Manche Fangmethoden wie die Schleppnetz-Fischerei verursachen auf dem Meeresboden bleibende Schäden.
  • Der Hunger nach Rohstoffen gefährdet die Meere. Erdöl aus der Tiefsee und Kies aus dem Wattenmeer gehören zu den offensichtlichsten Eingriffen - nun kommt vermehrt die Jagd nach Erzen, metallischen Sulfiden und Methanhydraten hinzu.
  • Über die Flüsse ergießen sich wahre Chemikalienströme ins Meer, mit Fabrikrückständen, Plastikabfällen und mit Medikamentenresten aus dem menschlichen Urin.
  • Ein erheblicher Teil des Kohlendioxid-Ausstoßes der Menschen wird vom Meer aufgenommen und verwandelt sich im Wasser zu Kohlensäure. Das führt dazu, dass die Meere saurer werden. Von Kieselalgen bis zu Korallenriffen werden alle Organismen angegriffen, die sich mit einer basischen Kalkschale umgeben.
  • Auch die Küsten sind gefährdet - zum Beispiel Mangrovenwälder, die für Shrimp-Farmen abgeholzt werden.

Umweltorganisationen wollen nun aggressiver als bisher Schutzgebiete fordern . Die meisten der weltweit 5880 Refugien seien unter einem Quadratkilometer groß und lägen in Küstennähe - doch vor allem auf hoher See gebe es bisher kaum welche. "Wir brauchen große, zusammenhängende Schutzgebiete auf hoher See, damit sich der Ozean und seine Lebensvielfalt regenerieren können", sagt Meliane. Alle Lebensraumtypen, von Seegraswiesen bis zu Kaltwasser-Korallenriffen, müssten erfasst werden - was bisher auch nicht der Fall sei.

Wo es jetzt schon Meeresschutzgebiete gibt, lassen sich dem Bericht zufolge positive Effekte nachweisen. Die Biomasse hat sich in den von Wissenschaftlern untersuchten Gebieten vervierfacht und die Fischdichte deutlich erhöht. Auch Nutzungskonflikte gingen zurück, heißt es im "Global Ocean Protection"-Report.

Fischschutzgebiete im Nordatlantik kämen am Ende den Fischern am meisten zugute, sagt Experte Ronald O'Dor. "Wir können nachweisen, dass die Fischmenge durch die Schutzgebiete deutlich zunimmt. Unter dem Strich sparen die Fischer teuren Treibstoff, um ihre Fangziele zu erreichen." Momentan koste es durchschnittlich sechs Liter Treibstoff, um zehn Kilogramm Fisch anzulanden. "Wenn die Fische wieder häufiger werden, lässt sich das viel effizienter machen."

Lob für Einrichtung von Schutzgebieten

Die Autoren des Meeresschutzberichts loben Schutzgebietinitiativen in der Karibik, in den USA und in Westafrika. Nötig sei aber global mindestens eine Fläche von 6000 mal 6000 Kilometern Ausdehnung - was dem Zehn-Prozent-Ziel der Uno für 2012 entspricht.

Ob und wie dieses Ziel nun bis 2020 neu justiert wird, darüber ringen bis Freitag Umweltminister und Delegierte auf der Uno-Konferenz. Zur Diskussion steht, das Schutzziel bei zehn Prozent zu belassen, auf 20 Prozent anzuheben - oder es auf sechs Prozent zu reduzieren.

Im Entwurf für das Abschlussdokument von Nagoya wird gefordert, dass bis 2020 alle Arten von Fischen, wirbellosen Tieren und Wasserpflanzen nur noch nachhaltig genutzt werden - und die Überfischung sowie jede Form illegaler Fischerei ein Ende hat. Unklar ist nur, wie klar sich diese Ziele im Abschlussdokument des Umweltgipfels wiederfinden werden.

Im Report "Global Ocean Protection" machen die Autoren klar, dass Meeresschutzgebiete allein nicht genügen, um die ozeanischen Ökosysteme für die Zukunft zu bewahren. Es brauche endlich klare Regeln für die Bewirtschaftung der gesamten hohen See - Umweltregeln für alle, die mit dem Ozean Geld verdienen. Außerdem fehle eine systematische Raumplanung im Meer, wie es sie zumindest in reicheren Ländern für die Landflächen längst gibt. "Wenn zehn Prozent der Ozeane unter Schutz sind, was passiert dann mit den restlichen neunzig Prozent?", fragt Meliane. "Was wir nicht brauchen, sind Inseln des Naturschutzes in einem Meer der Zerstörung."

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